Mundart-Rap

Ein König zieht in die Ferne

Vor zwanzig Jahren erfand Thomas Bollinger alias E.K.R. den Mundart-Rap. Nun wendet er sich mit einem neuen Album dem Reggae zu.

Die erste Single des neuen Albums: «Kenn das».


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Dass auch er alt wird, hat Bollinger längst bemerkt. Und zwar schon vor Jahren, da hatte er noch nicht mal die grauen Stoppel, die ihm heute aus dem Kiefer spriessen. Seine beiden Mädchen kamen heim aus der Schule und riefen: «Papi! Auf dem Pausenplatz hören sie deine Songs!»

Thomas Bollinger schüttelt den Kopf und lacht. Er sitzt vor einer etwas tristen Beiz in Oerlikon. Er trägt eine grünbraune Militärjacke, hat Furchen von hundert Partys im Gesicht, Schatten um die Augen und die Zähne eines deftigen Rauchers. Bollinger ist ein Rap-Veteran und hat Geschichte geschrieben. Er gehörte in den 80ern zu den ersten Hip-Hop-DJs, den ersten Breakdancern und ersten Sprayern den Landes. Anfang der 90er war er in New York mittendrin und sog den boomenden Rap in sich auf.

Vor allem aber hat er 1995 mit «E.K.R.» das allererste Mundart-Rap-Album veröffentlicht. Aufgenommen hatte er es bereits 1993 in London, wo er als Tontechniker arbeitete. Was Elvis für den Rock und die Beatles für den Pop, das war dieser Bollinger alias E.K.R. für den Schweizer Rap. Er öffnete das Tor für Bligg und Knackeboul, für Greis und Tommy Vercetti und den Rest. Sein anfänglich bedeutungs­loses Künstlerkürzel wird von seinen Anhängern als Akronym für «Ein König regiert» gelesen.

Und eben, Bollingers Tracks sind auf den Pausenplätzen unvermindert populär. Seit Generationen werden vor allem seine derben Sachen als Schmuddelware herumgereicht und bekichert. «Oh Susi» zum Beispiel, das Schmähstück über eine dicke Schulkollegin:

«Us ihrem Nacke chöntsch es paar Schueh mache, und wänn sie en Huet aleit, wänd Helikopter druf lande.»

Oder seine Sex-Hymne «Mer söttet schiebe»: «Die Büecher, wo Du lisisch sind faszinierend, abr Girl, mer sötted schiebe!»

Bollinger lässt sich auf dem Smartphone zeigen, welche seiner Tracks auf den Streamingdiensten gerade besonders angesagt sind. Er lacht wieder sein brummelnd-verschmitztes, fast ein wenig scheues Lachen und kratzt sich den Kopf. Er wirkt ratlos. Was soll er dazu schon sagen? Für ihn, der 1970 in Baden geboren wurde, ist das nämlich alles ziemlich lange her, schon ziemlich weit weg.

Zwanzig lange Jahre hat er seine Position verteidigt. Jedes seiner Alben wurde von den Herolden lauthals mit dem Schlachtruf «Der König ist zurück!» in die Welt getragen. Und Bollinger enttäuschte sie nicht: Er wechselte wendig die Perspektive, kritisierte im Grossen die Irrwege und Verlockungen der Macht und des Geldes und im Kleinen den Wandel seines Quartiers, war in seinen Texten mal tiefsinnig und mal pennälerhaft, mal witzig und mal ernst, er modulierte die Stimme, experimentierte mit den neusten Beats und lancierte mit Kumpels und Zöglingen (Baze, Tinguely Dä Chnächt, Skor) das Kollaborationsprojekt Temple of Speed, die bis heute druckvollste und angriffigste Schweizer Rap-Combo.

«Säg mer ned Urgestein, säg mer Uranium», forderte er auf «Dunne mit em King» (2006). Angriffe wehrte er souverän ab. Mit seinen «Dis Tape»-Tracks stellte er die aufmüpfigen «Puure» und «Uelis» aus der Ostschweiz (Gimma, Sektion Kuchikäschtli) ruhig und pflegte die Kunst des Dissens, der lyrischen Attacke auf andere Rapper. Doch der König, quasi auf dem Thron geboren, ist ein wenig müde geworden. Bollinger war in den 90ern der Louis XIV des Schweizer Rap, heute ähnelt er Lear. Wer in der Szene heute hip ist, interessiert ihn nicht mehr, geschweige denn «der Mainstream-Quatsch».

Zwei Jahre hat er gemeinsam mit dem Latinosänger El Italiano an einem Reggae-Dancehall-Album getüftelt, das heute unter dem Titel «Reggae Gschicht» veröffentlicht wird. Es ist eine entspannte Platte geworden, so wie sich das Bollinger gewünscht hat. Er habe keine Zeit mehr für Ärger, Hass und Stress, singt er darauf und predigt den Optimismus.

«Ganz egal, was Du duremachsch, dä nägscht Tag wäscht das weg»

heissts im Refrain von «De next Tag». Der Beat ist träge, der Sound hallt, die Zungen sind schwer. Ja, es ist eine marihuanaisierte Platte geworden, wenn auch ohne expliziten Kiffer-Song. «Das wäre mir zu plump gewesen», sagt Bollinger. Ein paar Schwaden Kapitalismuskritik wabern vorbei («Warum wärdet natürlichi Ressource so verschwändet?»), der Rest ist Chillen an einem flimmernden Sommernachmittag. Doch ab und an kippt die Relaxtheit in Melancholie, und eine Sinnkrise wird hörbar. Auf «Macht vom Wort» klingt das so:

«Käi nätte Satz het je äs Läbe grettet, und käi schöni Wort hend je en Chrieg gschtoppt.»

Der Verdacht liegt nahe, dass Bollinger abgeschlossen hat mit dem ambitionierten Rap früherer Tage, der sich zumal finanziell nicht ausgezahlt hat, selbst für ihn nicht, den König. Der dreifache Vater hangelt sich seit Jahren durch Gelegenheitsjobs, arbeitet mal für eine IT-Bude, mal für eine Brockenstube.

Gerade weil das Geld knapp ist und das Alter sich langsam bemerkbar macht, suchte er trotzig den Reggae-Sound, das lebensbejahende Narrativ. «Reggae Gschicht» ist Bollingers Versuch, Exil in einem neuen, heiteren Genre zu bekommen. Im gleichnamigen Stück beschwört er den frischen Mythos vom einem, der magisch in die Ferne gezogen wurde. Bollinger schildert seinen Erstkontakt mit dem Reggae:

«Es sind diä süesse Kreatione vom Sir Bob Marley gsi ... chami ane Polo-Hofer-Song erinnere, mit emene fette Reggae-Beat.»

Auffällig häufig ist von Gott die Rede auf diesem Album. Das sei Zufall, sagt Bollinger, und er habe auch nicht vor, sich der Rastafari-Bewegung anzuschliessen, trotz eines Stücks namens «Jamaican Immigration». Auf diesem lässt Bollinger seine Hörer teilhaben, wie er am Telefon vergeblich versucht, bei der jamaikanischen Migrationsbehörde einen Pass zu beantragen – eine etwas bemühte, halbwegs komische Aktion. Auch sie zeigt, dass Bollingers Hinwendung zum Reggae weniger zielstrebig als tastend ist.

«Ich habe mit dem Rap nicht abgeschlossen», sagt er. Doch dieser Rap ist heute nur noch eine Option unter anderen. Gerne würde er mehr sprayen, sagt er, seine Graffiti, die bis anhin nur Hobby waren, verfeinern, auf Leinwände und unter die Leute bringen. «Es wäre grandios, wenn ich auch auf diesem Gebiet etwas Bleibendes schaffen könnte», sagt er. Doch was ist mit seiner Pionier- und Sonderstellung im Mundartsprech­gesang? Dem Rap-Thron? Überlässt er ihn kampflos den Nachgeborenen? Das allerdings ist eine neuralgische Frage, und auf einmal ist es vorbei mit der jamaikanischen Gemütlichkeit. E.K.R. macht sich gross und breit und stellt scharf klar: «Ich bin der amtierende Heavy Weight Champ des Schweizer Raps! Noch kein anderer konnte mir den Thron streitig machen!» Er habe, so fügt er noch an, Stoff für drei Alben auf Lager, mit denen er die Grenzen des Schweizer Raps pulverisieren werde.

Und fast glaubt man, von fern die Fanfaren zu hören. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.05.2014, 08:14 Uhr

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Bitterböser Klassiker: «Oh Susi» aus dem Jahr 1993

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«Dunne mit em King», 2006.

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Thronverteidigung: «Chrieg»

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Über den Wandel im Quartier: «Chreis 5»

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