Ein Mann der düsteren Klänge

Der englische Rapper Dels besuchte das B-Sides-Festival in Kriens. Und brachte finstere, hoch spannende Klänge auf den luzernischen Sonnenberg.

Kieren Gallear will nicht mit anderen Rappern verglichen werden, «ich habe meine eigene musikalische Identität». Foto: Silvio Zeder

Kieren Gallear will nicht mit anderen Rappern verglichen werden, «ich habe meine eigene musikalische Identität». Foto: Silvio Zeder

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Kieren Gallear hat nicht geschlafen. Keine Minute. Der 30-jährige englische Musiker, Grafikdesigner und Filmemacher, der Hip-Hop-Fans unter dem Namen Dels geläufig ist, vertat sich die Zeit bis zum Abflug in die Schweiz mit einem japanischen Schwarzweissschocker. «Ich mag düsteres Zeug», sagt er und setzt ein diebisches Grinsen auf. «Mich interessiert vor allem, warum uns das Böse so anzieht.» Jetzt steht er am Fenster eines Saals des Hotels Sonnenberg oberhalb von Kriens bei Luzern und fotografiert die Aussicht ins Tal.

Gallear und sein Begleiter wirken in ihrer dunklen Kleidung – schwarze Sonnenbrillen, schwarze Jacken, Hosen, Turnschuhe – wie Fremdkörper hier oben, wo sich Wochenendausflügler und die sommerlich gewandeten Besucher eines alternativen Musikfestivals tummeln. B-Sides heisst der Event, der heuer zum zehnten Mal stattfindet, jährlich mehrere Tausend Besucher anzieht und an drei Abenden Musik abseits des Mainstreams präsentiert. Unter anderem eben: Dels.

So kalt wie ein Toter

Dass er nirgends so richtig hinpasst, das hat der Rapper mit den irritierenden Beats in seiner Musik schon oft thematisiert. Einen dieser Songs setzt er später gleich an den Anfang seines Sets: «Fall Apart» handelt von einem Rapper, der verzweifelt versucht, mit der Welt in Kontakt zu treten – ohne zu merken, dass er längst tot ist. Tragisch, denn eigentlich ist er so gut, so scharf, so auf den Punkt, so cool, so kalt wie ein Wirbelsturm – oder eben ein Toter: «Man, I should have been a blizzard ’cause I’m so cold.» Und während Gallear diese Zeilen rappt, wird die Musik immer intensiver, das Synthesizer-Geflecht enger.

Ihn nerve es, immer wieder mit anderen Rappern verglichen zu werden, erklärt der Mann aus Ipswich im Interview. Oft würden faule Journalisten etwa Hip-Hop-Urgestein Roots Manuva oder Spoken-Word-Elektroniker Ghostpoet heranziehen, um ihn zu charakterisieren. «Dabei klinge ich ganz anders.» Auch mit den Exponenten der Grime-Szene, jener Musik, die sich aus Garage, 2 Step und Rap entwickelt hat und meist aus impulsiven, ungefilterten Testosteronversen und melodisch minimal bestückten, nervösen Beats besteht, habe er wenig zu schaffen. «Klar bin ich früher an die Partys gegangen. Aber ich mache keinen Grime. Ich habe meine eigene musikalische Identität.»

Sein Umfeld setzt sich aus Leuten zusammen, die er als Grafikdesignstudent um 2005 via Myspace kennen gelernt hat. Gemeinsam gründete man eine Plattform namens «Loners», zu Deutsch: Einzelgänger. Dabei waren Produzenten und Musiker, die sich nicht freiwillig in eine Schublade zwängen lassen würden. Leute wie besagter Ghostpoet, Kwes., Micachu, Sampha oder Joe Goddard von der experimentierfreudigen Londoner Electropop-Gruppe Hot Chip. Letzterer hat Gallear denn auch bereits für dessen Debütalbum «GOB» (2011) unter die Arme gegriffen und mit «Shapeshift» jenen Track produziert, der ihn weit über England hinaus bekannt machte.

Für einmal schieben sich darin keine dunklen Wolken über das Gemüt. Böse Träume oder Tote kommen nicht vor. «Shapeshift» ist aus der Sicht eines Kindes geschrieben, das sich immer wieder in imaginäre Welten verdrückt. «Es ist eigentlich ein Stück über die Beziehung zu meiner Mutter, die mir immer gesagt hat: Mach, was dein Herz dir befiehlt.»

Wer aber einen fröhlich hüpfenden Song erwartet, der schätzt den Mann, der im Osten von London lebt und seine Wände mit Szenenbildern aus «Blade Runner», blutigen Schwarzweissfilmen und Mangas schmückt, falsch ein: Unter seinen Versen rollen fiese Basswellen heran und decken einen unnachgiebig zu. Das Stück ist eine akustische Macht.

Auf dem Sonnenberg braucht Dels nur wenige Minuten, um das auf dem kleinen Festivalgelände verstreute Publikum vor die Bühne zu locken und in seinen Bann zu ziehen. Das Geplauder und die Klassentreffen-Atmosphäre haben erst mal Pause. Ein Schock ist das Ganze trotzdem nicht. Schräge Sounds sind die Besucher hier gewohnt: Am Nachmittag gab es wildes Kindermusiktheater, dann präsentierte eine westafrikanische Truppe ihre Version von Uralt­blues, und das Jazztrio Schnellertollermeier bestach mit einer hochkonzentrierten Mischung aus kontemplativen Obertonmelodien und ruppigen Hardcore-Angriffen im Stile eines John Zorn.

In die Mangel genommen

Dels’ Stärke ist weniger die Zungenfertigkeit als die Schreibfertigkeit und die bewusste Akzentuierung. «Life’s too short to eat tasteless soup», wiederholt er an einer Stelle immer wieder – die Musik dazu alles andere als geschmacklos: Gerade die älteren, fast überbeschichteten, irritierenden Stücke kommen hier in der Bilderbuch-Schweiz gut an. Die Nummern von seinem im Herbst erschienenen Zweitling «Petals Must Fall», die er nur von E-Piano und Gitarre begleiten lässt, werfen keinen Anker. Es ist, als könne er nicht ohne dunklen Kontrast.

Zum Schluss stottern die Dampfmaschinen, Trockeneis vermischt sich mit dem grauen Himmel, und Dels ruft dem Mischer zu, er solle noch mal richtig aufdrehen. Eine Sirene arbeitet sich am Beat ab, man fühlt sich in die Mangel genommen. Dann tritt er den Rückzug an, nach 13 Songs, zügig, bestimmt.

Beim beschwingten Abstieg vom Sonnenberg ergibt sich ein bizarres Klanggemisch: Von oben dröhnen nun harte Rockakkorde, im Gras zirpen die Grillen. Mit den Worten «Geniesst das Leben!» war man am Ausgang verabschiedet worden. Bei Dels würde das heissen: die Suppe mit etwas Abgründigkeit würzen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2015, 19:11 Uhr

Artikel zum Thema

Elektroniker Knor und Hip-Hopper Texter bringen neue Tonträger heraus.

Konzert Mehr...

Hip-Hop-Fans ohne Tickets stürmen Konzert

Krawalle statt Musik: Zahlreiche Menschen versuchten in den USA über Absperrzäune auf das «Summer Jam»-Festival zu gelangen. Die Polizei setzte Schlagstöcke ein. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Blogs

Nachspielzeit Brustmuskeln statt Hirnmuskeln

Sweet Home Wunderbare Wandregale

Die Welt in Bildern

Fierce: Ein Teilnehmer bei der New York City Pride Parade. (24. Juni 2018)
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...