Ein Meister der samtpfotigen E-Gitarrentöne

Hunderte und Tausende haben ihn kopiert: Mit dem 83-jährig verstorbenen Jim Hall verliert der Jazz einen seiner stilbildenden E-Gitarristen.

Bekannt für sein sensibles, lyrisches Spiel: Jim Hall am Monterey Jazz Festival in Kalifornien, September 2007.

Bekannt für sein sensibles, lyrisches Spiel: Jim Hall am Monterey Jazz Festival in Kalifornien, September 2007. Bild: Keystone

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Wer bei Jim Hall zuhause anklopfte, im siebten Stock eines alten Hauses in der 12. Strasse im New Yorker Greenwich Village, dem konnte es passieren, dass er nicht nur vom berühmten Gitarristen selbst begrüsst wurde, sondern auch: von dessen kleinem schnuckeligen Hund. So erging es vor drei Jahren dem deutschen Fotografen Arne Reimer. Der besuchte Hall, den auch viele jüngere Jazzmusiker gern als eines ihrer wichtigsten Vorbilder bezeichnen, für sein Buch «American Jazz Heroes».

Im Buch nun kann man das Hündchen auch besichtigen: Ganz flauschig ist es, wie ein Staubwedel. Und eigentlich ist dieses Hündchen das schönste Bild für Jim Hall selbst: Auch dessen Gitarrenspiel war ja überaus flauschig, weich, samtpfotig. War es seit den Fünfzigern und bis heute, unbeirrt auch durch die vielen brachialen E-Gitarristen, die die Siebzigerjahre kannten. Gleichzeitig war Halls Gitarre darauf angelegt, den Staub der Vergangenheit wegzufegen: Jim Hall wollte immer ein Gegenwärtiger sein.

«So will ich spielen können»

Doch auch wenn Jim Hall im gesetzten Alter gern in der Gesellschaft jüngerer Musiker Gegenwartsluft schnupperte – zu einem der meistbewunderten Gitarristen des Jazz wurde er durch seine Aufnahmen in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Durch die Duo-Alben etwa, die er mit dem Pianisten Bill Evans aufnahm, «Undercurrent» (1962) oder «Intermodulation» (1966): Sie gehören heute längst zum Jazzkanon. Auf ihnen begegnet man einem Gitarristen, der sich mit dem Lyriker Bill Evans als einem Geistesverwandten traf, ja, Hall wurde später von manchen zum «Bill Evans der Jazzgitarre» ernannt.

Ein delikater Spieler, dem keine Subtilitäten fremd waren: Nicht umsonst hatte der in Cleveland geborene Hall zuerst klassische Gitarre studiert, ungeachtet dessen, dass der Jazz schon sehr früh seine Amour fou war: Hall wusste mit 13, als er Charlie Christian auf einer Platte hörte: «So will ich spielen können.»

Legendär auch Jim Halls Album «The Bridge» (1962) mit dem Tenorsaxofonisten Sonny Rollins. Hier konnte er Begleitarbeit leisten in vollgriffigen Akkorden wie ein Freddie Green, Gitarrist von Count Basie; dann aber sekundierte er den rüden Bläser Rollins auch mit sehr ungewohnten gespreizten Intervallen. Hall «singt» dabei immer auf seiner Gitarre. Sänger inspirierten ihn immer mehr als die Vertreter seines eigenen Instruments. Kein anderer hatte auf der elektrischen Gitarre einen so «natürlichen» Klang.

Konnte nur noch gebeugt gehen

In späten Tagen aber mochte Hall die Platten mit Evans oder Rollins bei sich zuhause kaum mehr je auflegen. «Die Vergangenheit ist vorbei», erklärte er, «ich bevorzuge es, mich mit der Gegenwart und der Zukunft zu beschäftigen und im Moment zu leben. »Und so spielte dieser Gitarrist, der im Alter wegen eines Rückenleidens nur noch gebeugt gehen konnte, immer wieder mit den angesagtesten Jazzern. Zu seinem Trio holte er Musiker wie den M-Base-Saxofonisten Greg Osby oder einen Joe Lovano.

2008 sorgte er mit Bill Frisell auf dem Album «Hemispheres» für Aufsehen. Und wenn Jim Hall nicht Musik machte, dann spazierte er – auch das war für ihn erklärtermassen ein Leben im Moment – mit seinem Hund um seinen Block in Greenwich Village. Sein vorletzter Hund hatte bezeichnenderweise Django geheissen (nach dem französischen Gitarristen). Und wohl hatte auch der Samtpfoten.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.12.2013, 08:51 Uhr

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Dokumentarfilm über den Gitarristen: «Jim Hall: A Life In Progress».

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Jim Halls «I'm Getting Sentimental Over You».

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