Ein Türke ohne «Chomplexe»

Müslüm, diese testosterongetriebene Kunstfigur, wurde im Internet ein Star. Erfinder Semih Yavsaner rückt auf seiner ersten CD jetzt aber vom Klischee-Türken ab. Er entsprach ihm lange Zeit selber.

Braucht fast zwei Stunden, um den Bart zu entfernen: Semih Yavsaner alias Müslüm.

Braucht fast zwei Stunden, um den Bart zu entfernen: Semih Yavsaner alias Müslüm. Bild: Béatrice Devènes

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Müslüm – das war zunächst der Mann mit den Telefonscherzen. Er führte Ausländerklischees über Kriminalität und Bildungslücken ad absurdum. Und zwar in einer so charmanten Art, dass wohl selbst stramme Schweizer lachen mussten.

Müslüm war später jener freche Politbarde, der Immigrantendeutsch mit türkischem Ethnopop unterlegte und so vor zwei Jahren eine Abstimmung gewann: «Erich, warum bisch du nicht ehrlich», sang er für die Weiterführung der Berner Reitschule. Gegen den Widerstand von Erich Hess, dem Präsidenten der Jungen SVP Schweiz, der das alternative Kulturzentrum an den Meistbietenden verkaufen wollte. Mehr als eine Million Mal wurde das Lied auf Youtube aufgeschaltet.

Ein Kind der Minarett-Initiative

Schliesslich gab Müslüm im vergangenen Dezember den Samichlaus: Er machte sich im gleichnamigen Lied auf eine linkische Art lustig über SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli. Gleichzeitig eroberte er die Kinderherzen. Aus politischen Gründen wollte kaum eine Radiostation das Lied spielen. Trotzdem landete der Song auf Platz 18 der Schweizer Hitparade.

Noch heute trägt Müslüm ein Blumenhemd unter einem rosaroten Armani-Anzug. Der struppige Schnurrbart und die schnellen Tanzbewegungen sind ebenfalls geblieben. Auch die Musik und die Sprache, angelehnt an das Türkendeutsch seines Milieus, sind die gleichen.

«Müslüm ist subtiler und intelligenter geworden»

Und doch ist einiges anders: Müslüm spricht nicht mehr von «Drögele» und «Schlägele» wie in seinen Telefonscherzen. Er sagt auch nicht mehr: «Ich bin aggressiv, ich habe Chomplexe.» Stattdessen singt er auf seiner ersten CD «Süpervitamin», die soeben erschienen ist, ein wunderschönes Liebeslied. Der testosterongetriebene Müslüm von früher ist ein Romantiker geworden. Und ein nachdenklicher Politbeobachter, der im Stück «Orang Utan» besingt, dass Ausländer auf der Strasse wie Affen angestarrt würden. Gegen all das propagiert er im poppigen Titelsong eine «Frequenztherapie»: seine eigene Musik statt «Chochain, Nichotin und Amphetamin».

«Müslüm hat sich von den Stereotypen befreit», sagt sein Erfinder, der 32-jährige Semih Yavsaner. Das musste er wohl auch, denn irgendwann wäre er langweilig geworden. Die Masche mit dem dummen und gleichzeitig sympathischen Türken hätte nicht mehr lange gezogen. Stattdessen ist er « subtiler und intelligenter geworden», wie Martin Schneider, Musikredaktor beim Berner Alternativsender RaBE, findet. Schneider kennt Yavsaner seit Jahren. Er ist mit ihm befreundet. Und er erinnert sich, wie die Kunstfigur beim Wandstreichen im Radiostudio entstand. Man habe damals so lange über die Minarett-Initiative geblödelt, bis der Name Müslüm fiel.

In Berns Gassen wird er auf Anhieb erkannt

Semih Yavsaner hat auf den ersten Blick wenig gemeinsam mit seiner Figur. Er spricht einen breiten Berner Dialekt. Sein Wortschatz ist deutlich grösser als jener von Müslüm. Und der Musiker ist vorsichtiger als sein schriller Türke: Yavsaner schützt seine Privatsphäre. Darum will er sich nicht fotografieren lassen. Müslüm hingegen nimmt jede Medienanfrage an, um die CD zu bewerben. Zuletzt gab er «20 Minuten» ein Videointerview: Es war ein belangloses Palaver, weil keiner von Müslüms Scherzen sass. Unter den vielen Auftritten leidet auch Yavsaners Gesichtshaut: Er braucht fast zwei Stunden, um den Bart zu entfernen.

In Bern ist es Semih Yavsaner trotzdem kaum mehr möglich, unerkannt durch die Gassen zu laufen. Selbst Kinder erkennen ihn auf Anhieb – wie neulich eines, das ihm die Zunge rausstreckte. Es ahmte Müslüm nach, der auf dem Werbeplakat für seine CD die Zunge in Regenbogenfarben zeigt. «Müslüm wird nicht ernst genommen», sagt Yavsaner. Aber seine Figur bewege. Selbst von Junkies und Alkoholikern werde er am Bahnhof angesprochen, wenn er Plakate aufhänge. «Hey, de Müslüm, de isch guet», rufen sie ihm zu.

Müslüm ist ein Mix der Charaktere seiner früheren Weggefährten

Yavsaner sitzt im linken Szenecafé Kairo im Lorraine-Quartier und trinkt Schwarztee. Er spricht schnell und viel, denn er hat einiges zu erzählen. Manchmal leitet er seine Sätze mit «Chollege» ein. Es ist jene Anrede, mit der er Erich Hess am Ende des Clips auffordert, sich die Schlüssel der Reitschule zu holen. Der Angesprochene selber findet das Lied heute «schön zu hören». Ihm gefalle der Rhythmus, der zum Tanzen einlade. Zum Inhalt will sich Hess aber nicht äussern. «Dieser liegt in der Freiheit des Künstlers.»

Die Kunstfigur ist so sehr Teil seiner eigenen Identität geworden, dass Semih Yavsaner auch in der Freizeit in die Müslüm-Rolle wechselt. Manchmal merke er gar nicht, dass er nicht mehr Semih sei, sagt Musikredaktor Schneider. Yavsaner selber sagt, dass Müslüm sein Alter Ego sei. Dessen Charaktereigenschaften stammten von Menschen, mit denen er als Kind und Jugendlicher zu tun hatte. Er bewegte sich damals fast nur unter Türken. Und wurde davon geprägt.

Wie der Vater grüsste

Zum Beispiel, wenn er mit der Mutter auf dem Sofa sass und im Fernsehen Kussszenen gezeigt wurden. Dann hielt sie ihm die Hand vors Gesicht. Ausserhalb der Wohnung aber las er die Jugendzeitschrift «Bravo», in der die Sexualität freizügig dargestellt wurde. «Ich wuchs in zwei gegensätzlichen Welten auf», sagt Yavsaner. Beim frühen Müslüm zeigte sich das in einem Machogehabe, mit dem er die unterdrückte Sexualität überspielte.

Semih Yavsaners Mutter arbeitete bei der Spitex. Der Vater war Abwart. Zeitweise musste er mehrere Jobs kombinieren, um die Familie durchzubringen. Dessen schlechtes Deutsch fiel Semih schon früh auf. Er hat es später im «Samichlaus» verewigt: «Grissi mitenand» beginnt der Refrain. Genau so grüsste der Vater die Nachbarn.

«Die erste Einwanderergeneration hat nie Deutsch gelernt», sagt Semih Yavsaner. Es tönt, als mache er dies den heute pensionierten Eltern zum Vorwurf. Präzisieren mag er auf Nachfrage nicht. Stattdessen gibt er eine Antwort, die sich ebenfalls wie ein Vorwurf an den Vater anhört: Bei den YB-Junioren habe es den Schweizern geholfen, wenn ihre Eltern ein gutes Wort beim Trainer einlegten. Sie seien dadurch mehr gefördert worden und hätten in besseren Mannschaften gespielt. Er, Semih Yavsaner, sei auch ein talentierter Fussballer gewesen. Doch sein Vater hätte nie mit einem Trainer gesprochen.

Ein vorlauter Junge

Dass Semih Yavsaner selber aber sprachbegabt ist, hört man nicht erst auf der CD. Das wussten bereits seine ersten Lehrer. Fünfmal flog er aus der Klasse, fünfmal musste er deshalb die Primarschule wechseln. «Aber nicht wegen Schlägereien», wie er mit einem Augenzwinkern versichert. Und auch nicht wegen der Leistungen. Yavsaner störte den Unterricht, indem er vorlaut war und der Klasse Geschichten erzählte, während der Lehrer unterrichten wollte. In den Schulzeugnissen steht deshalb etwas über das Kind Semih Yavsaner, das heute Müslüm charakterisiert: Er habe einen Hang zum Theatralischen.

Doch zunächst war er auf bestem Weg, selber jener Türke zu werden, den er in seinen Telefonscherzen später gab. Seine Eltern hofften, dass er Anwalt oder Pilot lernen würde. Am besten sollte er eine Türkin heiraten. Doch Semih Yavsaner verweigerte sich, indem er nicht einmal eine Lehre machte. Er schlug sich als Pizzabäcker und Teilzeitangestellter in einem Callcenter durch. Nach den ersten Moderationen auf RaBe, wo er lange vor der Erfindung Müslüms gelegentlich arbeitete, erklärte er seinen Eltern, dass er jetzt ein Künstler sei. Sie schüttelten den Kopf.

Krach mit der 105-Redaktionsleitung

Bis Yavsaner jene komödiantische Satire entdeckte, die einen Harry Hasler von Viktor Giacobbo oder einen Mergim Muzzafer von Mike Müller auszeichnet, gab er sich auch primitiv: In einer Moderation auf RaBe beschimpfte er einmal eine Interviewpartnerin als Schlampe. Daraufhin wurde er schriftlich verwarnt. Als er die Verwarnung in der nächsten Moderation vorlas, entliess man ihn. «Ich war damals erst 18», sagt Semih Yavsaner, fast schon entschuldigend.

Ein paar Jahre später durfte er zu RaBe zurückkehren. Er erfand Müslüm. Die Telefonscherze wurden so populär, dass er sich von Radio 105 anstellen liess, wo er mehr verdiente. Doch dann verkrachte er sich mit der Redaktionsleitung und wurde entlassen.

Semih Yavsaner wollte sich schon beim Discounter Denner als Filialleiter bewerben, weil er in Geldnöten war. Da überredete ihn Musikredaktor Schneider, einen Song für die Abstimmungs-CD der Reitschule zu produzieren. Es entstand der Hess-Song, dank dem er mit Angeboten überhäuft wurde: Drei Plattenfirmen zeigten Interesse an einer CD. Eine politische Partei wollte ihn für den Wahlkampf einspannen. Und nach «Samichlaus» meldeten sich auch Firmen, für die er einen Werbesong aufnehmen sollte. Mit Ausnahme einer Plattenfirma hat Yavsaner aber allen abgesagt: «Müslüms Seele ist unverkäuflich», sagt er.

Emotional hyperaktiv

Doch was will er eigentlich, dieser Müslüm? Semih Yavsaner denkt lange nach. Müslüm heisse auf Deutsch «der Gläubige». Dessen Glaube habe aber nichts mit Religion zu tun. «Müslüm ist emotional hyperaktiv. Er liebt alle Menschen und will es ihnen zeigen. Er will die Leute glücklich machen.»

Semih Yavsaner hat in seinem Leben erst drei Bücher gelesen. Die wichtigen Dinge stünden nicht auf Papier, sagt er. Sie seien im Herzen jedes Einzelnen zu finden. Er betont das mit einer Eindringlichkeit, die jede Widerrede verbietet. Sein Müslüm ist ein Hippie des Ethnopops geworden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.06.2012, 16:43 Uhr

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