Ein bisschen fies und tough

Laurel Halo zählt zu den Schrittmacherinnen der elektronischen Clubmusik. Warum das so ist, ist auf ihrem Mix für die renommierte «DJ-Kicks»-Reihe nachzuhören.

Laurel Halo entfesselt auf ihrem einstündigen «DJ-Kicks»-Mix eine dunkle Kraft. Foto: Sylvie Weber

Laurel Halo entfesselt auf ihrem einstündigen «DJ-Kicks»-Mix eine dunkle Kraft. Foto: Sylvie Weber

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Raus aus dem klassischen Konzertsaal, rein in den Club: Laurel Halo braucht für diesen Weg nur eine Minute. Denn die präparierte Klavierfigur, die fast so klingt wie ein Hackbrett , wird schnell verdrängt von einem Beat, der den Takt für das vorgibt, was wir in der kommenden Stunde hören werden. Es ist ein hoch energetisches Set, das zum Tanz anstachelt, und also nicht die Wohlfühlzonen und Sofalandschaften ansteuert, so, wie das oft der Fall war in der knapp 25-jährigen Geschichte der CD-Serie. Vielmehr unterstreicht Laurel Halo, warum sie nicht nur in der elektronischen Club-Szene zu den interessantesten Figuren der Gegenwart zählt.

Laurel Halo steht für DJ-Sets, die von kantigen Sounds geprägt sind: «Die Musik muss ein bisschen fies und tough klingen», schreibt die 33-jährige Amerikanerin per E-Mail. «Aber der Funk ist letztlich die treibende Kraft.» Und ein Groove muss auch sein – einer, der nicht immer die gleichen Klänge repetiert und mit rhythmischen Verschiebungen Genregrenzen überwindet. Man hört in ihrem Mix dann beispielsweise, wie südafrikanische Gqom-Clubmusik, jazzinfizierten House und harte Technobeats unmerklich ineinander übergehen. Diese Vielfalt, die jüngst auch im Rahmen des Taktlos Festival zu hören war, passt zu einer, die stets nach neuen Sounds sucht und sich auf dieser Reise zu noch ungeläufiger und ungewöhnlicher Musik auch mal verliert. Aber dank dieser Neugierde kann sie selbst im strengsten Technoset Überraschungen einbauen. Laurel Halo schreibt: «Es muss irgendwelche Brüche drin haben; du kannst deinen Arsch ja nicht pausenlos zu Techno schütteln.»

Experimentieren mit Popstrukturen

Es gibt aber noch eine andere Seite, die ihr «DJ-Kicks»-Beitrag streift, und zwar in jenen Passagen, in denen der Puls kurzzeitig zurückgeht und stattdessen mysteriöse, unheimliche Töne ins Zentrum rücken. Laurel Halo, die seit 2013 in Berlin lebt, ist ja auch bekannt für Musik, die abseits des Dancefloors funktioniert: Auf ihrem Debütalbum «Quarantine» (2012) waren beispielsweise songähnliche Ambienttracks zu hören, die gespensterhaft wirkten – und als Kommentar auf ihre ruinierte Heimatstadt Detroit gelesen werden konnten. Vor zwei Jahren erschien «Dust», auf dem Halo mit Popstrukturen experimentierte – obwohl sie ihre Musik dezidiert jenseits von Pop ansiedelt. Und sie spielte mit dem Cellisten Oliver Coates und dem Perkussionisten Eli Keszler, die beide auch zwischen den verschiedensten musikalischen Formen pendeln, das beinahe meditativ wirkende Mini-Album «Raw Silk Uncut Wood» ein, in dem eine dunkle Kraft lauert.

Es ist eine Kraft, die Laurel Halo auf ihrem einstündigen «DJ-Kicks»-Mix nun entfesselt. Sie ist mitverantwortlich dafür, dass man diesen auch durchhört, selbst dann, wenn man sich gänzlich fern vom Club befindet . Eine Ermüdung stellt sich nicht ein, weil sie den Bogen nie überspannt – und so kommt der Moment, indem der Beat für die letzte Minute verschwindet, fast zu früh. Aber immerhin: Statt Stille führt eine rituelle Perkussionsmusik zurück in den Alltag.

Laurel Halo: DJ-Kicks (!K7 Music)

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 22.03.2019, 19:45 Uhr

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