Ein glücklicher Tenor

Der Albaner Saimir Pirgu mag eigentlich keine unsympathischen Opernfiguren. In Zürich gibt er nun trotzdem erstmals den Pinkerton in Puccinis «Madama Butterfly».

«Japan, USA, Australien, ich habe überall gesungen», sagt Saimir Pirgu. Foto: Sabina Bobst

«Japan, USA, Australien, ich habe überall gesungen», sagt Saimir Pirgu. Foto: Sabina Bobst

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Schön ist sie, die Uniform des amerikanischen Marineoffiziers Benjamin Franklin Pinkerton. So schön, dass Saimir Pirgu sie für den Fototermin extra nochmals anzieht. Hut auf, Hut ab, das Gold glänzt, der Sänger strahlt. Er strahlt auch danach beim Gespräch in der Garderobe, nun wieder in Zivil. Mit gutem Grund: Seine Karriere läuft gut, sehr gut sogar; das Publikum liebt ihn, und er liebt seinen Beruf. Ein Traum sei da wahr geworden, «natürlich gibt es auch Schwierigkeiten, aber wo gibt es die nicht?» Was zählt, sind die vielen Pluspunkte.

Ein Traum also. Pirgu träumte ihn, seit er 13 Jahre alt war. Er schaute viel italienisches Fernsehen damals, «damit wuchs man in Albanien auf in meiner Generation, mit all den Cartoons; die gab es bei uns ja nicht». Irgendwann spätnachts kamen aber keine Cartoons, stattdessen wurde ein Konzert der drei Tenöre übertragen. Das wars. Pirgu begann, die Arien nachzusingen, «obwohl ich damals im Stimmbruch war, das ging gar nicht gut». Zehn Jahre später stand er mit einem der drei Tenöre, mit Placido Domingo, auf der Bühne der New Yorker Metropolitan Opera.

Sonnige Stimme

Noch wichtiger war allerdings ein anderer des Trios: Luciano Pavarotti. Ihn hat Pirgu kennen gelernt, als er in Bozen studierte. Ein Gott sei das gewesen für ihn, «mehr als eine solche Stimme kann man sich wirklich nicht wünschen». Und dieser Gott hat sich seinerseits für den talentierten Jungtenor interessiert: Fünf, sechs Jahre lang hat er Pirgu unterrichtet, «ich besuchte ihn regelmässig, er hat allen meinen Rollen den letzten Schliff verpasst». Man habe dann jeweils auch zusammen gegessen, oft mit den Freunden, mit denen Pavarotti gerne Briscola spielte. Eine gute Zeit, mit langer Nachwirkung. «Viele Tipps, die ich damals bekam, weiss ich erst heute richtig zu schätzen: was er mir zur Aussprache sagte etwa, oder zur Bedeutung einer sonnigen Stimme.»

Sonnig präsentiert sich Saimir Pirgu tatsächlich am liebsten. Die schönsten Rollen sind für ihn jene, «in denen sich der Tenor im besten Licht zeigen kann»; als Liebender, als Leidender, jedenfalls als positive Figur. Die dunkleren Charaktere überlässt er gern den Baritonen. Denn klar, Unsympathen ernten andere Reaktionen: «Wenn ich in einem Konzert ‹La donna è mobile› aus Verdis ‹Rigoletto› singe, tobt das Publikum; wenn ich die Arie dagegen auf der Bühne singe, applaudiert man extra nicht, weil dieser Duca di Mantova ja eigentlich ein fieser Typ ist.»

Noch schlimmer ist da nur Pinkerton, der in Puccinis «Madama Butterfly» die Geisha Cio-Cio-San heiratet, wieder nach Hause fährt und drei Jahre später kommt, um das gemeinsame Kind abzuholen: «Der ist eine wirklich schwache Figur, nicht zu retten.» Jahrelang hat Pirgu Angebote für diese Rolle abgelehnt, «ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie ich den Zugang zu ihm finden könnte».

Nun versucht er es trotzdem – und ist froh, dass der Regisseur Ted Huffman diesen Pinkerton in der neuen Zürcher Produktion aus der Zeit heraus zu verstehen versucht. «Er war ja wirklich verliebt in Cio-Cio-San, aber er hat sich halt nicht so viel gedacht bei der Sache. Und die Distanz zwischen den USA und Japan war damals nicht so leicht zu überwinden.»

Die Zeit vor den Erfolgen

Dass das Reisen leichter geworden ist, geniesst Pirgu. Mit seinen 36 Jahren hat er die Welt gesehen, «Japan, die USA, Australien, ich habe überall gesungen». Auch in Zürich war er schon öfter, und seinen Rodolfo in der SRF-Produktion «La Bohème im Hochhaus» (2010) sahen Millionen. Zu Hause ist er mittlerweile in Verona, seit 17 Jahren schon; der frühere italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano hat ihm auch die Staatsbürgerschaft verliehen, «das war verdient, ich bin ja sozusagen ein italienisches Produkt».

Das klingt nun fast trotzig; Pirgu hat nicht vergessen, was vor den Erfolgen war. Er erinnert sich an die Zeit, als sich die Leute nicht an seinen Namen erinnerten; und auch ans Studium, als er mit weit weniger Geld auskommen musste als seine Kollegen.

Er stammt aus einfachen Verhältnissen, seine Eltern arbeiteten in der Metallindustrie. Musik spielte keine Rolle für sie, auch sein Zwillingsbruder hat «einen normalen Job». Heute seien sie zwar stolz auf ihn, «aber sie haben mir kein Podest gebaut, zum Glück». Als Opernsänger sei man in einer künstlichen Welt unterwegs, «da ist es wichtig, nach einer Aufführung in die Normalität zurückzukommen».

Dass er manches von dieser Normalität verpasst, listet er unter den Nachteilen des Sängerdaseins dann doch noch auf: «Familie, Alltag – das gibt es nicht für mich.» Jedenfalls jetzt noch nicht: «Ich will wirklich erst versuchen, als Sänger so weit zu kommen, wie ich nur kann.» Noch weiter also? Pirgu lacht, seine Agenda ist voller schöner Termine. Aber erst muss er jetzt den Pinkerton schaffen.

Premiere von Puccinis «Madama Butterfly» im Zürcher Opernhaus: Sonntag, 10. Dezember, 19 Uhr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.12.2017, 18:44 Uhr

Artikel zum Thema

Das Glück liegt in der Konfitüre

Das Zürcher Opernhaus hat seine Saison mit Tschaikowskys «Jewgeni Onegin» eröffnet. Es wird nicht einfach sein, dieses Niveau zu halten. Mehr...

So absurd, so wahr

Juan Diego Flórez ist der umjubelte Star in Jules Massenets «Werther», der am Zürcher Opernhaus Premiere hatte. Aber der Tenor ist nicht der einzige Grund, diese Aufführung zu besuchen. Mehr...

Die Leiden des Startenors

Der Peruaner Juan Diego Flórez probt im Zürcher Opernhaus für Jules Massenets «Werther». Mit viel Sympathie für den Selbstmörder aus Liebe. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lehrstellen

Sich zu bewerben heisst für sich werben

Kommentare

Blogs

Sweet Home Ein Winternachtstraum

Tingler 5 Weihnachtswünsche – für andere

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Wintereinbruch: Schafe grasen im Schnee nahe Loch Tay Perthshire, Schottland, Grossbritannien (10. Dezember 2017).
(Bild: Russel Cheyne) Mehr...