Ein kommender Gott

Vier junge Dänen schuften in der Bluesmühle: Iceage aus Kopenhagen veröffentlichen heute das ehrgeizigste Rockalbum seit dem Debüt von Arcade Fire.

Herrliches Nölen: Iceage aus Kopenhagen, mit dem Sänger Elias Bender Rønnenfelt in der roten Jacke. Foto: Matador Records

Herrliches Nölen: Iceage aus Kopenhagen, mit dem Sänger Elias Bender Rønnenfelt in der roten Jacke. Foto: Matador Records

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Das ist kein Spass. Das ist nicht die Art, eine Platte zu eröffnen, von der man hofft, sie brächte einen irgendwo hin, ins Radio womöglich. Es ist eher, als ginge ein Riss durch den Rockberg, und eine Flanke geriete ins Rutschen. Der Bass grollt, das Bluesriff mahlt, und nach zwanzig Sekunden, wenn es schon zu spät ist für eine Flucht, betritt der Sänger die Verheerung wie seine natürliche Bühne: «They tried to feed me in times of hunger / But I refuse their generous hands / Though I’m a taker, an opportunist / I’ve got longings no offer can stand.» Es gibt Sehnsüchte, so gross, dass keiner sie je stillen kann. Und sie sind vereint in diesem jungen Mann, dem das Haar mit einer Gravitas ins ­Gesicht fällt, als dränge es ins Grab. Manchmal wischt er es mitten im Sturm der Gitarren einfach weg.

Das ist Elias Bender Rønnenfelt. Und das ist einer der beeindruckenderen Auftritte der jüngeren Rockgeschichte, wie er das neue, dritte Album seiner Band eröffnet: Aus der hohlen Wange heraus singt er die vier erwähnten Zeilen, die nicht den geringsten Zweifel lassen an einer standesgemässen Daseinsqual, die aber auch jede Hilfe weit von sich weisen in grandioser Selbstherrlichkeit. «Take a good look here», lauten die Zeilen fünf und sechs, «marble at this stunner of a being so profound.» Und vis-à-vis dieses Ebenbilds einer tiefen Existenz heult die Slidegitarre, und die Trommeln schlagen zum Appell. Angetreten, ihr explosiven Teenagerseelen!

Aus dem Keller

Elias Bender Rønnenfelt und seine Iceage platzen mit den zwölf Songs ihres neuen Albums in eine Rockmusik, die nicht ihre besten Jahre erlebt. Aus den Radios und Hitparaden ist sie so gut wie verschwunden. Sie lebt in Nischen und Kellerclubs, und sie rotiert in den Freiluftarenen, wo ein paar ihrer Block­buster mit breit getretenen Gitarrenriffs die Masse unterhalten. Mit den Arctic Monkeys und den Kings of Leon haben sich zwei der talentiertesten Bands der letzten Jahre in den Stadionrock verabschiedet, während Franz Ferdinand oder die Strokes besseren Tagen nachrennen «wie ein Suchhund seinem Schwanz». So heisst es in «Forever», einem weiteren dieser traumwandlerisch taumelnden Songs von Iceage.

Nun, die vier Musiker dieser Band, alle knapp über 20, führen selber noch eine Kellerexistenz: Wenn sie im November nach Zürich kommen, dann ins kleine Kinski an der Langstrasse. Aber man soll sich davon ebenso wenig täuschen lassen wie von den Anfängen dieser Band in einer nestwarm lokalen Postpunk-Szene, in diesem Fall in ­Kopenhagen. Dort nahmen Iceage vor drei Jahren mit zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug ein erstes Album auf und brachten es in einer Auflage von 500 Stück unter die Leute. Im frühen ­Videoclip zu «You’re Blessed» sieht man eine zutiefst verschwitzte Band und ­erlebt nochmals den Charme eines unbehauenen Punkethos.

Doch die Verkäufe stiegen, die Auflage wurde erhöht, Iceage tourten durch die USA. Für Aufmerksamkeit sorgte dabei nicht nur die exakt aus dem Ruder laufende Musik, sondern auch ein recht unbekümmerter Fall von Pophooliganismus: Im Videoclip zu «New Brigade» spielten die Dänen mit Runen, Fackeln und Klanmasken; dies allerdings so treuherzig, dass man der Erklärung von ­Gitarrist Johan Surrballe Wieth gerne glauben möchte, es sei lediglich darum gegangen, «ein Arsch zu sein, in den Park zu gehen und dort ein paar Dinge in Brand zu setzen».

Ein blühendes Ego

Das zweite Album, «You’re Nothing» von 2013, zeigte eine in den Nihilismus gereifte Band. Die rasenden Songs klangen, als versuchten sie aus ihrer Haut zu fahren. Hysterisch, aber mitreissend in ihrer Weigerung, sich in jener Punkgemütlichkeit einzurichten, die am Sonntagnachmittag besetzte Häuser beschallt. Und schon in diesen kurzen, im fiebrigen Stakkato gespielten Songs hörte man eine Band, die fest gewillt war, ihre Verstörung nicht einfach nur rauszuschreien. Sondern sie blühen zu lassen wie ein Ego.

Jetzt, für die zwölf neuen Songs von «Plowing Into the Field of Love», hat sich die Band tatsächlich gehäutet. Da ist schon in den ersten Sekunden ein Glühen, ein Nachbrennen der alten Punkenergie. Aber die Musik ist jetzt ein verratzter Bastard aus Punk, Blues und Country, und darin bewegt sich Rønnenfelt wie in einer Welt, die er für so gut wie zerstört hält: «How many hollow ­declarations will follow / Lulled into a trance», heisst es in «How Many». Gegen die allgemeine Betäubung singt er inmitten eines apokalyptischen Lärms an, ein kommender Gott und blasierter Kasper im Welttheater. Bald ringt er um Grösse, bald streift er sie, wo sie sich zeigt, müde ab: «Let it vanish!»

Das Konzept geht nur einmal schief

Diese Platte ist gemacht aus einem Überdruss an Leben und einem Überschuss an Talent. Sie ist masslos und besoffen wie die frühen Platten des Gun Club oder der Birthday Party von Nick Cave, und nicht mehr seit dem Debüt von Arcade Fire hat man eine derart ambitionierte Rockplatte gehört, nachtschwarz und durchzuckt von grellen Erlösungsfantasien. Die Musik ist nicht mehr besonders schnell, aber sie drängt und zerrt in alle Richtungen und keucht ohne Ende an der Grenze zum Übersteuern. Manchmal krakelt eine Geige, oder es preschen die Trompeten durch den trüben Twang der Gitarren, und dann kann es vorkommen, dass die Musik abrupt an Tempo verliert oder, im Gegenteil, stolpernd die Flucht ergreift.

Das geht nur einmal schief. «Cimmerian Shade» klingt als Chaos allzu kaputt chargiert. Rønnenfelt hustet und ächzt, und die Band geht durch den Song wie durch eine Etüde aus dem Workshop für atonale Musik. Sonst ist die Musik zwar theatralisch, aber nie so kunstgewerblich wie auf späteren Platten von Nick Cave, wo man hinter jedem dissonanten Geigenton die Partitur rascheln hört. Iceage reissen den Vorhang auf, werfen bei blassem Licht alle Effekte auf einmal auf die Bühne – und lassen nicht mehr davon ab.

Das klingt grossartig, weil hinter dem misanthropischen Greinen der Musik stets eine ungeheure Spieldisziplin steht, gewonnen aus unendlich vielen Stunden im Proberaum und in Punkkellern. Die jungen Dänen wissen so präzis um die Dramaturgie des Aufruhrs, dass sie sich so gut wie nicht mehr darum zu scheren brauchen. Im hoch konzentrierten Affekt bricht sich das Rock-’n’-Roll-Epos seine Bahn. «And when I fall», singt Rønnenfelt noch, «I’ll bring it all down here with me.» Er klingt jetzt nicht mehr wütend, sondern gelangweilt, also viel gefährlicher. Es gibt Sehnsüchte, die bringen Berge ins Rutschen, aber es kann sein, dass es für die Flucht schon viel zu spät ist.

Iceage: Plowing Into the Field (Matador/ Musikvertrieb). Konzert: 28. November, Kinski Zürich. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.10.2014, 16:51 Uhr

Iceage: Plowing Into the Field of Love (Matador / Musikvertrieb);
Konzert: 28. November, Kinski Zürich.

Video

Immerwährender Taumel: Der Videoclip zu «Forever».

Video

Der Liebling Gottes: Der Videoclip zu «The Lord's Favorite».

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Sags mit düsteren Blumen: Der Videoclip zu «How Many».

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Ekstase im Spätpunk: Der Videoclip zu «Ecstacy» von 2013.

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Hooliganismus mit Symbolen: Der umstrittene Videoclip zu «New Brigade» von 2011.

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Post-Punk lebt: Der Videoclip zu «You're Blessed» von 2011.

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