Ein scheuer Rebell, der den Hass der Bürger besiegte

Walty Anselmo ist ein schmaler Gigant des Schweizer Rock. Heute kehrt er, kurz nur, auf die Bühne zurück.

Die erste Gage erhielt er für «Love Me Tender»: Walty Anselmo, gerade siebzig geworden. Foto: Doris Fanconi

Die erste Gage erhielt er für «Love Me Tender»: Walty Anselmo, gerade siebzig geworden. Foto: Doris Fanconi

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Der junge Mann, vor dem brave Bürger so viel Ekel empfinden, dass sie ihm manchmal im Vorbeigehen ins Gesicht spucken, trägt eine gebügelte Stoffhose, ein bis zum Hals und bis zu den Handgelenken zugeknöpftes Hemd, den Schopf gescheitelt sowie eine dicke Hornbrille. Dieses Bild gibt Walty Anselmo auf eigentlich allen Fotos, die ihn in den ­frühen Sechzigern mit seiner Gitarre zeigen. Und immer, noch in tiefster Kniebeuge vor den ersten Zürcher Beat- und Rockfans, ist da ein scheues Lächeln; so, als ob er dem Tumult nicht ganz trauen würde, den er angezettelt hat.

Krokodil, Skylab (1973) (v.l.n.r.: Walty Anselmo (g), Düde Dürst (dr), Mojo Weideli (harp), Terry Stevens (b). Hardy Hepp war da nicht mehr dabei). Quelle: Youtube

Es lässt sich nicht mit Sicherheit ­sagen, wer in der Schweiz als Erster eine Rock-’n’-Roll-Gitarre spielte, wer die erste einschlägige Gage einstrich oder wer die erste Fender Stratocaster besass. Klar ist nur, dass Walty Anselmo aus Rüschlikon in jeder dieser Streit­fragen ein sehr guter Kandidat ist. 1961 beruhigte er im Schullager irgendwo im Jura die halbstarke Dorfjugend, indem er «Love Me Tender» spielte. Der Wirt dachte, das könnte auch den anderen Gästen gefallen, bat um einen zweiten Auftritt und bezahlte mit einem Glas voll Wein. Walty war fünfzehn Jahre alt.

Hungrige Schreie

Ab 1962 kopierte er mit dem Weststreet Quartet, einer ehemaligen Unter­haltungs­kapelle, im brechend vollen «Longstreet» an der Langstrasse 92 die Nummern der englischen Shadows. An der Stelle eines Songs, wo deren Gitarrist Hank B. Marvin bei der Aufnahme sehr wirkungsvoll ein Finger von der Saite gerutscht war, hatte Walty Anselmo vor dem Plattenspieler in seinem Kinderzimmer zwei Monate lang geübt. Und 1964 gründete er, er war jetzt ein Lehrling der Fotolithografie, «die erste richtige Rockband in Zürich».

Krokodil, Sita Raga (1973). Anselmo an der Sitar. Quelle: Youtube

So hat es Samuel Mumenthaler in «Beat Pop Protest» geschrieben, seinem Buch über die Anfänge der Schweizer Popszene. Tatsächlich führten The Hellfire nun auch die aktuellen Hits der Engländer auf, vor allem natürlich der Beat­les. Eine Aufnahme von der «Big Show of Liverpool» im Kaufleuten bezeugt, wie kompetent, aber auch epigonal das Quartett spielte. Der Beat sitzt, der unfertige Punch erinnert durchaus an die Konzertaufnahmen der jungen Beatles, und in «Twist and Shout» zerrt Anselmo schreiend an den Zeilen wie ein über­motivierter John Lennon. Das war keine originelle Musik, eher «herzig statt gefährlich», wie Mumenthaler schreibt.

Aber das ist die heutige Sicht und spielte damals keine grosse Rolle. Denn 1964 war es, als habe die Jugend nicht nur in Zürich auf diesen Sound gewartet – die schon etwas älteren Halbstarken, die sich im «Longstreet» oder im «Schwarzen Ring» mit seiner sensationellen Jukebox trafen, genauso wie die Beatfans, die sich jetzt hinzulümmelten. «Der Hunger auf eine neue Musik war riesig», erzählt Anselmo heute bei einem Rivella in der «Helvti», einem anderen seiner früheren Stammlokale. Er ist schlaksig wie auf den alten Fotos; und auch wenn der Schopf jetzt grau ist und die Brille lennonrund und randlos, so erkennt man diesen schmalen Giganten der Schweizer Rockmusik doch gleich wieder an diesem stockenden Lächeln, mit dem er auf einen zukommt.

Krokodil, All I Ever Wanted (1973). Quelle: Youtube

Der Anlass für das Treffen ist der heutige Record-Store-Day, an dem zum ersten Mal seit 1974 wieder Krokodil gemeinsam auftreten, die Band, die Hardy Hepp und Düde Dürst 1969 gegründet hatten und die mit Walty Anselmo an Gitarre, Bass und Sitar fünf Platten herausgegeben hat. «Wir werden zwei, drei Songs spielen», sagt Anselmo, der noch weniger als früher ins Rampenlicht drängt – das Lampenfieber sei mit den Jahren nur noch schlimmer geworden. Anders als Hepp und Dürst, die nach dem Ende von Krokodil in der Szene präsent blieben, war es um Anselmo vierzig Jahre lang sehr still. Das Ende der Karriere sei damals auch eine Erleichterung gewesen, sagt er, «ich war ausgebrannt und hatte keine musikalischen Ideen mehr».

Er ging zurück ins Druckgewerbe und arbeitete später für den Kakteen- und Bonsaihandel seiner Frau. Zehn Jahre lang lebte das Paar in Schweden, und wer in Zürich nachfragte, was eigentlich Walty Anselmo so treibe, erhielt zur Antwort: «Keine Ahnung.» Die simple Wahrheit ist, er betreute die Website für das Geschäft der Frau, entdeckte daneben im Internet neue Musik und spielte ausgiebig Gitarre, nur für sich. Erst jetzt, zurück in Zürich, hat er wieder ein paar neue Songs und vage Bühnenpläne für eine Band, die Anselmos Rusty Reptiles heisst und zu der Terry Stevens gehört, Bassist und Gitarrist von Krokodil.

Hellfire im Longstreet. Quelle: Youtube

Es liegt eine gewisse Bitterkeit über der Geschichte dieser Band. Nie spricht Walty Anselmo so anekdotisch darüber wie über seine Abenteuer in den Sechzigern. «Wir waren jetzt Profimusiker», sagt er, «und arbeiteten sehr hart dafür, den Durchbruch zu schaffen.» Doch je länger die Band spielte und je mehr sie ihren progressiven Rock verfeinerte, umso schlechter lief es: «Viele Konzertlokale buchten nur noch DJs, und in anderen hatten wir zu oft gespielt.» Dazu kamen private Probleme und Ärger mit der Plattenfirma. Und so erlebte die erste eigenständige Schweizer Rockband sozusagen als Urerfahrung, was seither fast alle hiesigen Rockbands erleben – dass es trotz bester Anlagen zur grossen Karriere nicht reicht.

Heute überwiegen gute Gefühle. Die Musik von Krokodil sei sein Hauptwerk, sagt Anselmo. Denn in dieser Band erst habe er zu einer eigenen, innovativen Sprache gefunden. Es klingt, als spreche er überhaupt für die Schweizer Szene. Zehn Jahre lang hatte sie aus mehr oder minder begabten Kopisten bestanden, bevor sich Krokodil, aber auch die Berner Mundartrocker von Rumpelstilz nicht mehr mit dem Durchpausen trendiger Hits und Sounds begnügten.

Mit Hendrix auf der Bühne

Die Aufgabe von Anselmos früheren Bands war ja auch eine andere. Sie mussten Rock in diesem Land erst einmal durchsetzen. Mit dem Weststreet Quartet spielte er die Hits der Shadows, mit den Hellfire jene von Gene Vincent und den Beatles. Mit Hardy Hepp hatte er ein Folkduo, mit Anselmo Set eine Soul- und mit Anselmo Trend eine psychedelische Rockband im Stile von Cream und der Jimi Hendrix Experience: Eine Aufnahme aus dem «Hazyland» von 1967 zeigt ihn, wie er über einer Soulnummer von Rufus Thomas mit Verzerreffekten und Feedback experimentiert. Das war der State of the Art, aber noch kein eigenes Statement.

1967 und 1968 spielte Walty Anselmo in Zürich im Vorprogramm der Rolling Stones und von Jimi Hendrix. Beide Auftritte waren nicht gerade musikalische Triumphe. Einmal hörte wegen der schlechten Anlage kein Mensch, was die Band spielte; das andere Mal wurde sie vom Publikum, das höhnisch «S Ram­seiers wei ga grase» skandierte, von der Bühne geschickt. Die Stimmung war jetzt aggressiv, in diesen Monaten begannen die Jugendunruhen.

Aber Anselmo erinnert sich auch, dass sich, während auf den Strassen die Schlacht tobte, der bürgerliche Hass auf Rocker und Hippies allmählich legte: «Die Zeitungen begannen, gut über uns zu schreiben. Sie hatten uns ver­standen.» Der Triumph war vielleicht kein künstlerischer, aber ein politischer.

Nur ein paar Jahre war es her, da hatte man Walty Anselmo auf der Strasse bespuckt und einen Scheissbeatle genannt. An einem Fest war er – diese Brillenschlange, die aus dem «Schwarzen Ring» floh, sobald es ruppig wurde – von zehn Schwingern verprügelt worden. Toni Vescoli versteckte seine Jeans im Wald, weil er sich zu Hause darin nicht zeigen konnte, und der TA höhnte 1964 über ein Konzert der Hellfire im «Long­street»: «Wird man allenfalls angebrüllt, dann erschrecke man nicht: Der Kellner nimmt bloss die Bestellung auf.» Anselmo sagt, er könne diesen Hass weder richtig erklären noch beschreiben, diesen «grässlichen Hass auf alle, die anders dachten oder anders sein wollten». Es war eine spiessige Wut, die noch aus dem zurückhaltendsten Rockmusiker einen Rebellen machte.

Eines dürfe man aber nicht vergessen, sagt er noch. Dieser Hass sei immer da, nur treffe er in normalen Zeiten die Fremden. Bloss damals, in diesen kurzen, hysterischen Pionierjahren des Pop, ekelten sich die braven Bürger vor ihren eigenen Kindern. Denn die hatten sich fremd gemacht.

Krokodil signieren und spielen heute von 11 bis 17 Uhr im ­Katalog ­Record Warehouse in Zürich.

Krokodil, Light of day (1970). Quelle: Youtube

Krokodil, And I Know (1972). Quelle: Youtube (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.04.2016, 17:17 Uhr

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