Eine Band in bedenklicher Balance

Chaos und Kontrolle: Die Libertines krönten den ersten Festivalabend.

Der Auftritt der Libertines spaltete die Gemüter: Peter Doherty während des gestrigen Konzerts. Bild: Keystone/Dominic Steinmann

Der Auftritt der Libertines spaltete die Gemüter: Peter Doherty während des gestrigen Konzerts. Bild: Keystone/Dominic Steinmann

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Das Budget ist nicht klein, also hat es durchaus für zwei Mikrofone für die zwei Sänger der Band gereicht. Einige Meter voneinander entfernt stehen sie auf der Hauptbühne des Zürich Openair bereit. Doch als Peter Doherty und Carl Barât dann da sind und über hastig hingeknubbelten Gitarrenfiguren die ersten Refrains flattern lassen, da reicht ihnen meist ein einziges dieser Mikrofone. Denn sie haben sich wieder, und das wollen sie jetzt zeigen. Ein ums andere Mal, soll bloss niemand daran zweifeln.

Die von Mund zu Mund gesungenen Melodien, sie überwinden an diesem Abend die elf langen Jahre, die seit dem zweiten und bisher letzten Album der Libertines verstrichen sind. Und zielen in die nahe Zukunft des 11. September, wenn mit «Anthems for Doomed Youth» die neue, sehr gute Platte des britischen Quartetts erscheint. «We’ll Meet Again»: Der alte englische Schlager von Vera Lynn, der zur Eröffnung des Konzerts eingespielt wird, er ist wahr geworden.

Umso mehr, als das Konzert tatsächlich wie ein Meeting klingt. Man muss der neu versammelten Band nicht unterstellen, nur auf den Zahltag aus zu sein, um eine gewisse freundlich-kollegiale Distanziertheit festzustellen, in der die Gitarren noch einmal lustig ineinanderknebeln. Hier Peter Doherty, dieser plem über die Bühne geisternde Träger von Anzug und Augenringen, dem halt die Momente melodischen Genies zufallen. Da Carl Barât, ein mediokrer Musikant in glanzvollem Leder. Und dazwischen, als höchst umsichtige Supervisoren an Bass und Schlagzeug, John Hassall und Gary Powell. Vor zehn Jahren, als die Süchte des Peter Doherty unzumutbar wurden für Band und Bruderschaft, trennten sich die Libertines. Sie hatten ein paar der verwegensten Rocksongs des 21. Jahrhunderts aufgenommen, doch nun gründete Doherty die Babyshambles und Barât die Dirty Pretty Things. Dass sich die beiden Songschreiber und Sänger der Band seither fremd geworden sind, darüber täuschen an diesem Abend auch die zusammengesteckten Köpfe nicht hinweg.

Die Eleganz ist weg

In seinen besten Momenten ragt dieses Konzert immer noch weit über allem, was der erste Abend an Rockmusik sonst noch bot. Doch der aus jugendlichem Rausch und Rabaukentum geborene Rock ’n’ Roll der frühen Jahre, diese leichthändig zerrüttete Eleganz, sie ist verloren. Wo die neue Platte unter der Anleitung von Jake Gosling – dem Produzenten notabene von Ed Sheeran oder One Direction – eine späte Melodienseligkeit versprüht, gleicht das Konzert einem prekären Kampf um Chaos und Kontrolle. Mit einer Band in bedenklicher Balance: Carl Barât verdankt Peter Doherty jede einzelne Streifung von Brillanz. Und Doherty verdankt Barât alles andere. Zum Beispiel die halbwegs solide Bühnenexistenz seiner immensen Begabung.

Carl Barât leitet geduldig das Meeting, hält die Show am Laufen, ruft «Zürich, wie geht es dir?». Doch es ist unvermeidlich, dass er schon bald den Titelsong des neuen Albums anstimmen muss. «We’re going nowhere», heisst es in «Anthem for Doomed Youth», und: «Nowhere’s on my way.» Das Nirgendwo liegt gleich am Weg. Die Libertines sind wieder zusammen, und erstmals klingen sie wie eine Band in Auflösung.

Erstellt: 28.08.2015, 08:37 Uhr

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