Eine Begegnung mit dem «Gandhi des Jazz»

Zum Auftakt des Zürcher Jazznojazz spielte der grosse Saxofonist Charles Lloyd ein wundervolles Konzert.

Charles Lloyd gestern bei seinem souveränen Zürcher Auftritt. Foto: Palma Fiacco

Charles Lloyd gestern bei seinem souveränen Zürcher Auftritt. Foto: Palma Fiacco

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Gelegentlich wirkt er an diesem Abend wie der alte Mann, der er tatsächlich ist mit seinen 81 Jahren: Charles Lloyd, der grosse amerikanische Tenorsaxofonist, hebt sein schweres Instrument manchmal überschwänglich in die Höhe. Doch man merkt: Leicht fällt ihm diese Geste des saxofonistischen Triumphs nicht. Vielmehr ist es eine Kraftanstrengung. Immer wieder setzt er sich auch in Spielpausen auf einen Holzstuhl neben dem Flügel, sinkt fast etwas müde wirkend in sich zusammen.

Doch da ist auch der andere Charles Lloyd. Wie ein Thelonious Monk früher vollführt er auf der Bühne einen Bärentanz hinter seinem Quintett, wenn ihm ein Solo eines Mitmusikers besonders gut gefällt. In jedem Moment ist am Mittwochabend auch klar, wo die Fäden zusammenlaufen. Lloyd drückt mit seiner Art, an die Musik heranzugehen, allem seinen Stempel auf. Trotz einer Band mit herausragenden Musikern wie dem Drummer Eric Harland ist der Abend vor allem eines: eine Begegnung mit dem charismatischen Charles Lloyd.

Der Saxofonist ist bis heute im besten Sinn ein Kind der 1960er-Jahre geblieben. Damals war Lloyd weltberühmt geworden als akustisch spielender Jazzer, der mit Platten wie «Forest Flower» nicht nur die Jazzgemeinde, sondern auch die Rock- und Hippiegemeinde betörte. Dass ihm diese erstaunliche Grenzüberschreitung gelang – das Zürcher Konzert vom Mittwoch liess einen, Jahrzehnte später noch, wenigstens im Ansatz begreifen, wie es dazu kommen konnte: Hier stand einer, der bis heute durchglüht und bewegt ist von den musikalischen Funken und den Vibrationen jenes magischen Jahrzehnts. Uns Nachgeborenen vermittelt er etwas vom Zauber dieser Zeit.

Wenn man den Spirit oder gar die Spiritualität beim wundervollen Jazznojazz-Konzert Lloyds beschreiben möchte, so muss man wohl mit einer der grossen Musikfiguren der 1960er beginnen: Viel John Coltrane ist bei Lloyd herauszuhören; ein oft hymnischer Tonfall, sehr wohl wie auf Coltranes epochalem «A Love Supreme»-Album. Etwas Einmaliges kommt aber noch dazu, etwas leicht Schwebendes und Luftiges. Ganz oft auch an diesem Zürcher Abend spielt Lloyd sein grosses Horn hauchzart – es ist ein fast utopisch wirkender Geist der Friedfertigkeit im Spiel dieses «Gandhi des Jazz», wie jemand Lloyd mal nannte.

Das vielleicht Faszinierendste an Charles Lloyd aber bleibt: wie frei von allem technischen Denken seine Musik ist, wie sie dadurch gerade zu einer existenziellen Botschaft wird. Die meisten Stücke verzichten auf eine komplizierte Harmonik: Im Einfachen kann sich eine spirituelle Dimension, etwas sehr Expressives auch, am besten entfalten. Die meisten Stücke sind auch episch lang, auf dass etwas Verborgenes oder vorerst nur latent Spürbares leben kann. Die meisten Stücke sind zudem in freiem Puls gespielt oder im Rubato, die Musik lässt sich nicht ins Gefängnis von Taktstrichen einsperren.

Auf diese Weise «holt» uns Lloyd. Und sollte Lloyd vielleicht so auch in den 1960ern die Rockleute in sein Jazz-Lager geholt haben? Einmal wurde er jedenfalls gefragt, wie dies habe gelingen können: die Rockleute für den akustischen Jazz zu begeistern. Lloyd antwortete nur: «Sie hörten, wie frei Musik wirklich sein kann.»

Das Jazznojazz dauert noch bis zum Samstag, 2. November. Das ganze Programm unter www.jazznojazz.ch

Erstellt: 31.10.2019, 12:50 Uhr

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