Eine Wucht

Die 36-jährige Songwriterin und Rocksängerin Amanda Palmer hat im Internet über eine Million US-Dollar für ihre neue Platte gesammelt. Wie geht das? Und wer ist diese Frau?

Ein verführerisches «Internet-Wunder»: Die US-Sängerin Amanda Palmer.

Ein verführerisches «Internet-Wunder»: Die US-Sängerin Amanda Palmer.

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Im Jahr 2003 machte eine eigenwillige Band aus Boston erstmals auf sich aufmerksam. Dresden Dolls hiess sie, und sie bestand nur aus zwei Menschen: einem Schlagzeuger, der mit metallischer Härte vorging, und einer Frau am Klavier mit einer starken Altstimme. Beide waren im Weissclown-Stil der 20er-Jahre geschminkt, der Schlagzeuger trug gerne Melone und die Sängerin meist nicht mehr als ein Korsett. Der Song «Coin-Operated Boy» von ihrer Debütplatte wurde zum Underground-Hit. Es war ein zerrissenes, humoriges Liebeslied für den mechanischen Liebhaber; für eine Puppe, die sogar in der Badewanne funktioniert. Alle mussten an einen Vibrator denken. Im deutschsprachigen Werbefernsehen wurde der Song seltsamerweise dazu benutzt, ein biederes Produkt – Marmelade – anzupreisen.

2012 nun sorgt Dresden-Dolls-Sängerin Amanda Palmer für ganz anderen Aufruhr kommerzieller Natur. Über die Schwarmfinanzierungs-Plattform «Kickstarter» sammelte sie im Internet Geld für ihre zweite (weltweit veröffentlichte) Soloplatte «Theatre Is Evil». Hunderttausend US-Dollar hatte sie als Ziel angegeben. Über eine Million landete am Schluss auf ihrem Konto.

Eine Million Dollar! Eine enorme Summe. Und, endlich, ein popmusikalisches «Internet-Wunder» interessanter Art. Da wurde keine Band aus dem Nichts zum Erfolgsmodell hochgeklickt, um dann bald wieder zu verschwinden. Amanda Palmer hatte sich – weitgehend unter Ausschluss der medialen Öffentlichkeit – im Netz und auf den Clubbühnen als übergrosse Identifikations- und Vertrauensfigur etabliert. Sie selbst sieht diesen Prozess als durchaus wechselseitige Angelegenheit: «Ich liebe es», sagt sie im Gespräch, «Amanda Palmer zu werden. Und die Fans wissen, dass sie mich möglich gemacht haben.»

Die Plattenbosse haben Angst

Im ersten Moment mag es unbescheiden wirken, wenn sie angibt, dass sie von der erreichten Dollarsumme «nicht so überrascht war, wie man vielleicht denken könnte. Man musste auf ‹Kickstarter› einfach eine Zahl angeben, und da habe ich mit 100'000 die scheinbar vernünftigste, konservativste genommen.» Hinter der Grossspurigkeit steckt Realismus. Dank jahrelanger Aufbauarbeit war Palmer in der Lage, ihre Möglichkeiten korrekt einzuschätzen. Vom Karrierestart mit den Dresden Dolls hatte sie darauf Wert gelegt, direkt mit ihrem Publikum zu kommunizieren. Sie verfasste Blog-Einträge und stellte neue Clips, mit der Kamera ihres Laptops aufgenommen, sofort auf Youtube. Ihre Plattenfirma Roadrunner brachte nicht nur dafür kein Verständnis auf. Als Roadrunner die Sängerin dazu drängte, aus dem Video für ihren Solo-song «Leeds United» die Bilder ihres «dicken Bauchs» zu entfernen, kam es zum endgültigen Bruch.

Dieser zweite Konflikt spricht Bände über die Engstirnigkeit, mit der Manager versuchen, Geld mit Musik zu verdie-nen – und über die Ängste, die in den Chefetagen herrschen. Er weist aber auch auf den womöglich entscheidenden Grund für den Crowdfounding- beziehungsweise den «Kickstarter»-Erfolg hin: Palmer ist nicht nur eine «extrem mitteilsame, überaktive Person», wie sie selbst sagt, sie ist auch ein Role Model: eine Frau, die vollmundig, theatralisch und selbstbewusst agiert; die sich knapp bekleidet auf Rockbühnen stellt, hochemotionale Songs schreibt und auch schon mal Brecht/Weill auf Deutsch covert.

Kommuniziere begeistert!

Dass sie in einer Zeit Musik macht, in der sich ihre Vorlieben für Variété- und Burlesque-Elemente mit jenen eines einigermassen grossen Publikums decken, ist kein Verdienst. Dass sie Singles wie «Map of Tasmania» herausbringt, einen mit Dance-Rhythmus unterlegten Lobgesang auf die unrasierte weibliche Scham, hingegen schon. Frauen schöpfen aus Amanda Palmers Musik eine libertäre, unverfrorene Energie. Männer finden sie stark und verführerisch. «Ich will nicht mager sein», sagt sie, «sondern heiss.» Seit 2008 betreibt die Amerikanerin ihre Vermarktung mit ihrem eigenen Team. In dieser Zeit hat sie mit ihrem Ehemann, dem Comic-Autor und Schriftsteller Neil Gaiman, musikalisch-literarische Duo-Shows absolviert. Sie brachte auch eine EP mit Radiohead-Cover-Versionen zur Ukulele und ein Live-Album aus Australien heraus. Verkauft und versandt hat sie diese selbst, in verschiedenen, preislich abgestuften Zusammenstellungen, die liebevoll gestaltetes Fan-Material und Auftritte an Spontanpartys beinhalteten. Als sie das Projekt «Theatre Is Evil» begann, konnte sie daher «auf einer Serviette kurz ausrechnen», wie viel Vinyl und wie viele CDs sie verkaufen würde.

Es ist kaum verwunderlich, dass Amanda Palmer die neuen Vertriebsmöglichkeiten positiv sieht: «Früher hat das System auch nicht zu jedem Musiker gepasst, aber man hatte keine Wahl. Heute gibt es eine Million Alternativen, wie du deine Musik unter die Leute bringst; es gibt viele Arten, wie man sein kann.» Musikern, die ihre Kommunikationsbegeisterung nicht teilen, rät sie, sich Hilfe zu beschaffen. «Wenn deine Musik wirklich gut ist, ist es leichter als jemals zuvor, sich nicht mit einem Megafon an die Strassenecke stellen zu müssen. Jemand wird das für dich machen.» Man meint, in diesen Aussagen naiven Überschwang zu entdecken. Und genau dieser Überschwang macht Amanda Palmers Musik zwischen Vaudeville-Balladen und einfach-melodiösen Rocksongs attraktiv: Ihre Lieder sind keine Hohefeste der Raffinesse. Sie sind eine Wucht. Amanda Palmer and the Grand Theft Orchestra: «Theatre Is Evil» (Cooking Vinyl/Phonag; die CD erscheint am 7. September).

Erstellt: 04.09.2012, 08:12 Uhr

Amanda Plamer:

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