Einladung an die Neugierigen

Der Hamburger DJ Koze ist eine Ausnahmefigur der elektronischen Musik. Auf seinem Album «Knock Knock» hebelt er nun die Zeit aus – und erfüllt sich ein paar Jugendträume.

DJ Koze hat sich seine «eigene kleine Zeitmaschine zusammengebaut» und damit auch den Hip-Hop besucht. Foto: Gepa Hinrichsen

DJ Koze hat sich seine «eigene kleine Zeitmaschine zusammengebaut» und damit auch den Hip-Hop besucht. Foto: Gepa Hinrichsen

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Das Lagerfeuer flackert, die familiäre Falsettstimme des Indie-Lieblings Bon Iver singt über einen dahingleitenden Beat. Und man könnte nun den Blick in Richtung Sternenhimmel schweifen lassen, romantisch sehnsüchteln, oder, falls man nicht allein ist, seinen Nächsten oder seine Nächste küssen. Aber was ist das nur für ein Gehupe und Geklöppel, das nun zu vernehmen ist und den Wohlklang sanft, doch bestimmt sabotiert? Es sind nur ein paar Sounds, die DJ Koze in seinen sorgsam arrangierten Track «Bonfire» eingebaut hat. Bei einem wie ihm, dem der Ruf des Exzentrikers und Tricksers der elektronischen Musik vorauseilt, darf man sich nicht einfach hingeben.

Ja, er achte immer darauf, dass sich die Leute nicht allzu sehr in Sicherheit wiegen könnten, sagt Stefan Kozalla, wie der Hamburger bürgerlich heisst, am Telefon. «Allerdings hole ich die Hörer auch immer ab, bleibe verbindlich und klinge niemals total verstörend. So mache ich halt einfach Musik.»

Keine Musik für ADHS-Kranke

DJ Koze hat eben sein Album «Knock Knock» veröffentlicht, sein erstes seit fünf Jahren und eines der bislang schönsten des laufenden Popjahrgangs. Der 45-Jährige lockt darauf nicht in die Clubs, wo er mit seinen eklektischen Sets längst zu den einflussreichsten DJs zählt. Nur sehr selten zerrt er die Hörer überhaupt in die Nähe eines Dancefloors, beispielsweise dann, wenn Róisín Murphy – die so elegante wie kühle ­Discokönigin der britischen Sonderlinge Moloko – im Titel «Illumination», dem Albumhöhepunkt, mehr Licht einfordert. Oder wenn Koze ein melancholisches Sample der Soulsängerin Gladys Knight über einem tanzenden Beat aufschimmern lässt.

«Illumination» von DJ Koze feat. Roisin Murphy. Video: Youtube/Pampa Record Official

Vielmehr ist «Knock Knock» eine herzliche und unaufdringliche Einladung an die Neugierde. Und ein Aufruf, mal wieder ein ganzes Album durchzuhören, selbst in Zeiten, in denen so viele Ablenkungen locken und die Playlists der Streamingdienste und aus dem ­Kontext herausgelöste Tracks weit ­wichtiger sind als eine genau durch­komponierte Platte. Denn: «Ich kann keine Rücksicht darauf nehmen, dass sich die Leute keine 80 Minuten mehr konzentrieren können», sagt Kozalla. Er fühle sich auch nicht zuständig, ­«Musik für eine ADHS-kranke Zivilisation zu machen».

Das Album wirkt lieblich und vertraut. Und doch steckt es voller Ideen, die die Hörer überraschen und verwirren.

Zeit ist das Thema, das «Knock Knock» durchzieht: Die Tracks selber zerdehnen die Zeit, hebeln das Raum-Zeit-Kontinuum aus, auch weil DJ Koze oft mit Samples arbeitet, die für sich ­bereits eine eigene Zeitepoche in sich tragen. Er flüchtet so in eine Zeitlosigkeit und erzählt dann auch von seiner eigenen musikalischen Biografie: «Ich habe mit dem Album gewissermassen meine eigene kleine Zeitmaschine zusammengebaut und Etappen wieder b­e-sucht, die wichtig waren in meinem ­Leben.» Etwa den immensen Einfluss von Hip-Hop, der in seinen neuen Tracks nun wieder gut hörbar durchdrückt.

Eine illustre Gästeliste

Sie führen ihn dahin zurück, wo für ihn alles begonnen hat. Denn in den 90ern war Kozalla Teil der irrwitzigen und virtuosen Fischmob. Nach der Auflösung der Combo gründete er im Umfeld des Hamburger Golden Pudel Club die freigeistige Electropop-Allstar-Band International Pony, bevor er allmählich abhob und zum weltweit gefragten DJ und Remixer wurde.

Die Singleauskopplung «Pick Up» von DJ Koze. Video: Youtube/Pampa Records Official

Spätestens seit dem psychedelisch verstrahlten Album «Amygdala» (2013) erreicht er auch ein Publikum, das nur selten mit clubkulturellen Phänomenen und elektronischer Musik in Kontakt kommt. DJ Koze ist lieber einer, der verschiedene popkulturelle Welten zusammendenkt, nicht abstrakt, sondern sehr sinnlich und musikalisch, was sich auf «Knock Knock» in einer illustren Gästeliste widerspiegelt: Da steht Kurt Wagner, die mit Autotune verfremdete Stimme der Nashville-Band Lambchop, neben Speech, dem MC der 90er-Rapband Arrested Development. Man hört den milden Indie-Star José Gonzalez wie auch die Stimme von Sophia Kennedy, die im vergangenen Jahr auf dem Label von DJ Koze eines jener selten gewordenen Alben veröffentlicht hat, die den Popsong weiterdenken. DJ Koze, der mit dieser Auswahl an Gästen ein «paar Jugendträume» verwirklichen konnte, schweben am Telefon bereits neue Kombinationen vor: «Sophie Hunger mit ­Public Enemy wäre doch auch toll!»

Die 80 Minuten Musik auf «Knock Knock» erzählen aber nicht nur von der Zeit, sie brauchen auch Zeit zur Entfaltung. Denn so lieblich und vertraut das Album zunächst wirkt – es kann problemlos als perfekter Soundtrack für den Sommer gehört werden –, so voll von Ideen steckt es, die überraschen und verwirren: Mal taucht einer auf, der erzählt, dass Musik seine Zähne sind, mal singt eine Frau einen Gospel an, und überhaupt weitet sich das Album bis hin in den Kosmos, wo Aliens und auch ­Jesus ihre Runden ziehen.

Mit dem verschrobenen Humor, der Kozalla immer wieder nachgesagt wird, hat das Spiel mit den Hörgewohnheiten, die er «aufmeisseln» will, aber herzlich wenig zu tun: «Einige denken, hinter jedem Sound sei jetzt ein Kalauer versteckt, aber das ist gar nicht der Fall.» Er habe vielmehr «totale Angst vor der ­Humorfalle, aber ich wehre mich da seit Jahren erfolglos dagegen».

Warum gibt er dann seinen Tracks ­Titel wie etwa «Planet Hase»? «Das ist doch einfach ein sehr süsser Name, ein Stück Sweetness.» Und fügt dann sehr ernst an: «Ich bin total humorlos.»

DJ Koze: «Knock Knock» (Pampa Records)


Mix von DJ Koze auf Soundcloud

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.05.2018, 18:50 Uhr

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