Einmal Hardcore, immer Hardcore

In unserer Serie «Lässige Sünden» beichten Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Journalisten heimliche Vorlieben. Heute: Scooter.

«Hyper Hyper» mit Master of Desaster H. P. Baxxter.


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An meinem Kühlschrank hängt, neben einigen Postkarten von Elvis' Wohnsitz Graceland, ein Konzertticket. Es berechtigte mich am Dienstag, dem 3. April 2012, zum Eintritt in die Konzerthalle Komplex 457 in Zürich-Altstetten. Die «Big Mash Up Tour» von Scooter machte damals in unserer Stadt halt.

«Ich wusste gar nicht, dass dir solche Musik gefällt», antwortete die Dame der Plattenfirma verdutzt, als ich mich im Vorfeld um ein Interview mit der Hamburger Band bemühte. Und um ehrlich zu sein: Ich wusste es auch nicht. Darum ging es ja auch gar nicht. Ich wollte einfach erfahren, was den immensen Erfolg dieser Gruppe ausmacht. Was um Himmels willen dazu geführt hat, dass sie die goldenen Zeiten der Massenraves, des Prolltechno und der modischen Sünden überlebt haben und immer noch Energydrinks mit buntem Alkohol mischen, durchdrehen und Hallen füllen.

Und ich wollte mit H. P. Baxxter reden. Dem Mann, der das erbarmungslose Stampfen regiert und stupide Zeilen herausschreit, als wären sie Befehle.

Scooter irgendwie cool zu finden, ist unter Kulturjournalisten en vogue. Weil ihre Musik und ihr Auftreten eben so jenseits von Gut und Böse sind. Weil sie sich in keiner Weise um irgendwelche Kategorien scheren. Weil da einfach rumgeprollt und rangepowert wird.

Ich war auch auf dieser Linie, fand das alles recht bemerkenswert und als popkulturelles Phänomen spannend. Wert, darüber nachzudenken und in kluge Sätze zu packen. Das änderte sich am 3. April 2012 um circa 21.36 Uhr (und genau deshalb habe ich ebendieses Ticket aufbewahrt und nicht eines der Hunderten von anderen Konzerten, die ich in den letzten 23 Jahren – seit dem Auftritt der Pet Shop Boys im Hallenstadion – besucht habe).

Entweder Teil davon werden oder verschwinden

Ihre Musik, ihre Darbietung, ihre gebellten Nonsense-Befehle, überzuckerten Melodien und Dampfhammerrhythmen legen einfach das Geschmackszentrum lahm. Es gibt nur: Entweder Teil davon werden oder verschwinden. Ich erlebte ein Konzert von nie dagewesener Wucht. Metallica ist nichts dagegen, nicht mal Prodigy kann da mithalten. Sound, der Sicherungen durchbrennen lässt. Der Alltag? Weit weg.

Ach ja, das mit dem Interview klappte schliesslich auch noch. Ich wartete nach dem Konzert nervös eine halbe Stunde, trank einen Energydrink gemischt mit Alkohol und musste dann erst eine ganze Weile Anstandskonversation mit den beiden Tastendrückern machen, die live wenig bis gar nichts leisten, ausser zu hüpfen (ihre Instrumente sollen zuweilen nicht mal eingestöpselt sein), bis sich H. P. Baxxter, der Master of Desaster, schliesslich doch noch hinzugesellte. Eine Gestalt zum Fürchten, irgendwie: Blondierte Haare, schwarz eingekastelte Augen, gepiercte Augenbrauen und ein abgekämpfter, zugleich stechender Blick – einfach «Always Hardcore», auch wenn er von Fischen und seiner Liebe für Paulo Coelho erzählt. Seine Musik putscht mich seither immer wieder auf. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.11.2014, 15:46 Uhr

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