«Entweder du tanzt oder du gehst nach Hause»

Die Russin Nina Kraviz ist ein Star in House und Techno. Nach der Street Parade legte sie in Zürich auf – und sagte, was eine gute Party ausmacht.

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«Wenn ich an einer Partylocation ankomme, entwickle ich sofort einen Plan. Ich überlege mir, wie ich die Leute abholen kann. In meinem Kopf entsteht dann eine kurze Playlist: die ersten zwei, drei Songs, die ich spielen werde. Auflegen ist immer eine Herausforderung, ein Kampf um Selbstvertrauen. Wenn die ersten Schüsse sitzen, dann kehrt langsam Ruhe ein.

An der «Electric City» am Samstag auf dem Maag-Areal war’s schwierig, in Stimmung zu kommen: Als ich anfing, war die Halle noch leer. Die Leute trudelten erst langsam von der Street-Parade ein. Ohne Leute zu spielen, bin ich nicht gewohnt. Und dann hatte ich auch noch technische Probleme: Einer der Plattenspieler funktionierte nicht. Das hat meine kleine Playlist über den Haufen geworfen. In solchen Momenten musst du ganz Profi sein. Denn ob dein Plattenspieler funktioniert oder der blöde Techniker während deines Sets noch einen Soundcheck für den nächsten Act durchführt, interessiert die Leute auf der Tanzfläche herzlich wenig. Die wollen nur ihren Arsch bewegen.

Zum Glück hab ich mittlerweile viel Erfahrung. Seit ich damals fürs Studium von Sibirien nach Moskau gezogen bin, lege ich auf. Angefangen habe ich mit Funk und Disco. Irgendwann habe ich dann die Zahnmedizin sein lassen und zum House und Techno gefunden. Aber ich könnte nach wie vor alle möglichen Stile auflegen: von richtig hartem Techno über Gay House aus den Achtzigern und frühen Neunzigern bis hin zu unbekannten Disco-Stücken oder sanftem, gefühligem House. Ich limitiere mich bewusst, indem ich nur eine Auswahl von Platten mitnehme. Keinen Computer mit Gigabytes von Musikdateien, die alle jederzeit abrufbar sind. Ich muss also zu Hause schon Vorarbeit leisten und eine Auswahl treffen. Ich setze auch nie zu viele Gesangsspuren ein. Das wäre, als betonte man beim Schminken nicht nur die Augen, sondern auch den Mund. Das würde vulgär wirken.

Heute war ich in Techno-Stimmung. Ich mag aggressive Musik. Musik, die dir keine Wahl lässt: Entweder du tanzt, oder du gehst wieder nach Hause. Ich glaube, ich ringe im Moment mit mir selbst. Ich will stark sein. Der Job ist hart, und man wird oft mit Stereotypen konfrontiert. Vor ein paar Tagen kam ein Typ zu mir und sagte: ‹Nina, ich liebe deine Musik, und weisst du was: Ich kann genau raushören, wie dich dein Freund beeinflusst hat.› Dann zählte er ein paar Stücke auf, die ich auflege, die aber auch mein Freund Ben Klock auflegt. Der Witz: Das waren alles Stücke, die ich ihm gezeigt habe, nicht umgekehrt. Ich versuchte, das dem Typen zu erklären, aber es war zwecklos.

Der Tanz um ein Geheimnis

Die grösste Qualität eines DJ-Sets ist das Geheimnis. Das heisst: Wenn du anfängst, weisst du nie, wo es hingeht. Du greifst ja alles auf, was um dich herum passiert. Manchmal komme ich an einer Party an und ich fühle mich wie ein Superstar. Alle haben mich erwartet, tragen mich auf Händen. Aber auch das ist eine Herausforderung. Das ist, wie wenn ein Mann mit einer Frau schlafen will und zu aufgeregt ist. Meistens geht’s dann erstmal in die Hose. Dann muss man zuerst ein bisschen kuscheln und wieder Selbstvertrauen aufbauen, bevor es mit der Erektion klappt.

Ich habe seit Ewigkeiten nicht geraucht. Aber heute fühle ich mich danach. Schon vorhin auf der Bühne habe ich mir eine gegönnt. Es war wirklich ein Kampf. Zwischendurch hat mir noch der Soundtechniker reingefunkt. Da hab ich kurz die Musik runtergefahren, um ihm zu zeigen, was Sache ist. Ich bin keine Diva. Ich mache keine Probleme. Aber hey, wenn ich am Auflegen bin, dann lass mich bitte meine Arbeit machen. Soundcheck während meines Sets? Das geht nicht!

Den Kampf gewonnen

Ah, können Sie das hören? Da läuft gerade ein Stück von Mr. G. Er ist ebenfalls beim Label Rekids, wo auch mein Album erschienen ist. Nachher in Berlin werden wir gemeinsam auftreten. Ja, ich führe ein spannendes Leben. Allein über den psychologischen Aspekt des Auflegens könnte ich Stunden reden. Man erlebt so viel. Nur produziert habe ich in letzter Zeit nicht sehr viel. Ein Stück für eine Modeschau von Hugo Boss, that’s it. Ich warte, dass mich die Muse mal wieder küsst. Mit der Nina, die auf dem Album singt, habe ich nicht mehr viel zu tun. Ich bin mittlerweile schon weiter. Die neuen Songs werden wohl fröhlicher, tanzbarer. Nicht so düster, diffus und trippig wie zuletzt.

Ja, ich glaube, meine Stücke könnte man als gleichzeitig selbstbewusst, lasziv und verletzlich beschreiben. Ich nehme die Sachen immer sehr direkt und spontan zu Hause auf. Immer dann, wenn ich mich unwohl fühle, wenn irgendwas nicht stimmt. Beim Stück «Fire» war ich vor Liebe innerlich zerrissen: Es war vier Uhr morgens, es war dunkel, ich lag auf dem Boden neben dem Synthesizer, und der Aufnahmeknopf leuchtete. Für die Öffentlichkeit war das eigentlich nicht bestimmt.

Es war kein leichter Auftritt heute, aber ich glaube, gegen Schluss habe ich den Kampf gewonnen: Die Leute haben getanzt, der Funke ist gesprungen. Vielleicht hatte ich auch Probleme, weil ich so müde bin. Das war mein dritter Gig an diesem Wochenende. Bis vorhin war ich in Helsinki, gleich muss ich nach Berlin. Um zehn Uhr morgens ist mein nächster Auftritt. Vielleicht weiss die Muse gar nicht mehr, wo ich bin. Ich weiss es ja manchmal selbst nicht.»

Erstellt: 14.08.2012, 08:23 Uhr

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