Er bleibt sein ärgster Freund

Paul McCartney ist ein Hochbegabter mit Zwang zur Harmonie – auch auf seinem neuen Album, trotz einigen beachtlichen Songs.

Das Titelstück: «New».


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Sein Gesicht ist bis zum Zerreissen geliftet, sein Haar sitzt wie eine Perücke, er verbreitet ohne jede Rücksicht Optimismus, seine letzte, 37. Platte heisst «New» und auch sonst lässt sich sagen: Im Gegensatz zu so verwitterten Kollegen seiner Generation wie Neil Young, Bob Dylan oder Keith Richards tut sich Paul McCartney mit dem Altern schwer. Er ist 71 Jahre alt und schaut noch immer drein, als käme er zum ersten Mal aus dem Tonstudio. Er gibt zweieinhalbstündige Konzerte ohne Pause, in denen er mit seiner Spielfreude begeistert und mit seiner Dauergutenlaune irritiert. Er spielt noch in seinem Alter den elastischen Jüngling, der allen gefallen möchte. Er ist sein ärgster Freund.

John Lennon, seinen besten Freund, hat Paul McCartney zweimal verloren. Die beiden Songschreiber gingen 1970 im bitteren Streit auseinander, zehn Jahre später wurde Lennon ermordet. Was immer McCartney seither versuchte, und es war eine Menge, und es war sehr erfolgreich: Seine Musik wird mit den Songs verglichen, die er mit Lennon geschrieben und mit den Beatles eingespielt hat. McCartney hat sich als überragender Sänger und Musiker bewährt, er spielt Bass, Gitarre, Keyboards und Schlagzeug, die Melodien und Hits fallen ihm nur so zu, und doch, um es küchenmetaphorisch zu formulieren: Er ist das Öl, dem der Essig fehlt.

Wieder einmal auf der Höhe

Darum hat er sich in seinen Songs und Texten immer wieder mit Lennon konfrontiert, am bewegendsten auf «Here Today», seiner Hommage von 1982. Darum hat der Grossteil seines letzten, in weiten Teilen grossartigen Zürcher Konzerts aus Beatles-Songs bestanden. Darum hat er seine besten späteren Songs mit eigenwilligen Musikern geschrieben, mit Elvis Costello etwa oder mit dem Bassisten Martin Glover. Darum hat er sich für «New» vier junge Produzenten ausgesucht, darunter Giles Martin, Sohn des Beatles-Produzenten George.

Und darum bestand die Hoffnung, der Hochbegabte möge seine Gefallsucht überwinden und wieder einmal auf der Höhe seines Talentes musizieren. Weil aber McCartney seit Lennon keinen Partner gefunden hat, der stark genug ist, um ihn vor sich zu schützen und ihm ins Gesicht zu sagen, er mache wieder «Granny music», Musik für Grossmütter, bleibt auch sein letztes Album unter seinem Potenzial. Für jedes gute Lied wird man mit einer Koma-Ballade bestraft, bekommt infantilen Kitsch serviert oder muss seinem Versuch zuhören, die jungen Nachfolger der Neofolk-Bewegungen zu imitieren; spätestens hier nimmt McCartneys Verjüngungskur tragische Züge an.

«Was machen wir ohne ihr Geld?»

Dennoch enthält das neue Album einige seiner besten und am besten arrangierten Songs seit Jahren, darunter «Appreciate», «Road», «Hosanna», «Alligator» und das von kantigen Gitarren angetriebene «Save Us», mit dem das neue Album einsetzt. Vor allem birgt das Album Paul McCartneys Erklärung, warum er auf schreckliche Nachrichten gefühllos reagierte. Als seine Mutter an Krebs starb, sagte der 14-jährige Paul als Erstes: «Was machen wir ohne ihr Geld?»

Als Journalisten ihn zu Lennons Tod befragten, war sein erster Kommentar «it’s a drag», wie mühsam. Auf «Early Days», dem persönlichsten seiner neuen Lieder, McCartney trägt es mit dünner Stimme vor, beinahe kindlich, singt er: «So many times I had to change the pain to laughter just to keep from getting crazed.» Er musste fröhlich sein, um nicht verrückt zu werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.10.2013, 17:40 Uhr

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Mit Elvis Costello komponiert: «My Brave Face»

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Mit dem Bassisten Martin Glover eingespielt: «Nothing too Much out of Sight»

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Seine Hommage an John Lennon: «Here Today»

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