Er orchestrierte den Lärm

Mit seinen Gitarrenstücken weitete er die Rockmusik aus – und machte Bands wie Sonic Youth erst möglich. Nun ist der No-Wave-Pionier Glenn Branca im Alter von 69 Jahren gestorben.

Er schenkte der Rockmusik neue Möglichkeiten: Glenn Branca. Foto: PD

Er schenkte der Rockmusik neue Möglichkeiten: Glenn Branca. Foto: PD

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Rock ’n’ Roll interessierte ihn nicht. Bis Glenn Branca 1964 «You Really Got Me» von den Kinks im Radio gehört hatte. Dieses Ding, das anders, härter und lauter als alle anderen Songs der damaligen Zeit war, sprang ihn sofort an. Branca, geboren 1948 in Harrisburg, Pennsylvania, kaufte sich kurz nach diesem Erweckungserlebnis eine elektrische Gitarre und damit das Instrument, in dem er später neue Töne, Stimmungen, Lärm und Möglichkeiten finden würde. Und mit seinen enorm einflussreichen Kompositionen Bands wie Sonic Youth erst möglich machte.

Seine Berufung sah Branca aber zunächst eher im Theater als in der Musik, die er eigentlich als Hobby betreiben wollte: Nach seinem Studium in Boston gründete Branca das Bastard Theatre, 1976 folgte sein Umzug nach New York. Denn wenn man zu jener Zeit ein Publikum mit radikaler Kunst erreichen wollte, musste man nun mal in die Grossstadt.

Es war dann auch dort, wo die Musik für ihn, der als Teenager auch mit Kassettengeräten herumexperimentierte, ins Zentrum rückte: Branca gründete 1977 mit dem Künstler Jeff Lohn die Band Theoretical Girls. Sie definierten sich zwar als Punkband, doch die Theoretical Girls spielten eine Musik, die all die gärenden Szenen der New Yorker Downtown zusammenbrachte: Man hört in ihrem bekanntesten Stück «You Got Me» neben dem Punkrock die Minimal Music durch, man hört auch den Free- Jazz-Einfluss, und man hört – vor allem – die Aggression, die Gewalt, den Nihilismus und die Hektik der Grossstadt.

So klingt die No Wave: «You Got Me» von den Theoretical Girls. Video: RadioSchz0 (Youtube)

Allein waren die Theoretical Girls nicht, denn da waren auch der Saxofonist James Chance und seine superaggressive Band The Contortions, oder Performerinnen wie Lydia Lunch, die mit ihrer Gruppe Teenage Jesus and the Jerks die Grenzen zwischen Rock und Kunst weiter niederrissen. All diese Bands figurieren seither unter dem Etikett No Wave, und was für eine unerhörte Bewegung das war, kann selbst heute problemlos nachvollzogen werden, beispielsweise mit einem Video einer Gitarrenperformance von Glenn Branca: Wie ein elektrisierter Derwisch traktierte er in einem Auftritt von 1978 sein Instrument, als gälte es, alle Ekstasen, die die Rockmusik sonst so bereithält, ein für allemal aus der Stromgitarre zu prügeln.

Zeitdokument: Eine Gitarrenperformance von Glenn Branca. Video: sonichris (Youtube)

Doch Branca war mitnichten ein genialer Dilettant, sondern einer, der dann bald schon Stücke komponierte, die der elektrischen Gitarre und damit der Rockmusik neue Möglichkeiten eröffneten: «Lesson No. 1» hiess sein erstes Stück, das den Geist des Punk mit der Minimal Music von Steve Reich verband. 1981 folgte sein Album «The Ascension», auf dem auch der spätere Sonic-Youth-Gitarrist Lee Ranaldo zu hören ist.

Wie ein Besessener: Glenn Branca dirigiert seine «Symphony 5». Video: SMGSinc (Youtube)

Bei allem grossartigen Lärm, den Branca mit seinen Kompositionen und Sinfonien für immer grösser werdende Ensembles auch zelebrierte, drang aber auch etwas Feierliches und Ekstatisches durch. Denn Branca, dem der Ruf des Kompromisslosen und Unerbittlichen anhaftete, bezeichnete seine Musik stets als Rock.

Wie physisch seine Musik war, wie physisch er diese auch dirigierte, war 2011 auch in Zürich zu erleben. Viel dringender, lauter und erhabener als an jenem Abend klang Rockmusik selten.

Am Dienstag ist Glenn Branca im Alter von 69 Jahren an Kehlkopfkrebs gestorben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2018, 13:09 Uhr

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