«Es geht nicht ohne einen Star»

Seit einem Jahr leitet Thomas Kastl mit Good News den grössten Konzertveranstalter der Schweiz. In dieser Zeit hat er wenig Livemusik gehört – aber viel gelernt über eine Branche, in der es eng geworden ist.

Alkoholisierte Backstage-Partys erlebt er fast nie: Thomas Kastl.

Alkoholisierte Backstage-Partys erlebt er fast nie: Thomas Kastl. Bild: Nicola Pitaro

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Herr Kastl, wenn Sie nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommen – was für eine CD legen Sie ein?
Keine. Ich höre selten von einem Künstler eine ganze CD, ich bin ein typischer Radiokonsument und mag den Mix.

Dann andersrum: Was bringt Sie dazu, das Radio abzustellen?
Wenn viel geredet wird. Mein Geschmack ist breit. Am liebsten mag ich aber Poprock – U2, Coldplay oder One Republic.

Was mögen Sie an diesen Bands?
Die Harmonie.

Musik ist für Sie kein intellektuelles Vergnügen.
Nein, ich lasse mich von Musik gern unterhalten und zerstreuen.

Wie fällen Sie denn musikalische Entscheidungen?
Aus dem Bauch heraus.

Ich meinte im Job.
Weniger nach persönlichen Eindrücken als nach Zahlen und Fakten. Alles andere wäre gefährlich im heutigen Musikgeschäft. Zum Glück leitet André Béchir, mein Vorgänger, noch immer das Booking für uns. Er hat über 4000 Konzerte veranstaltet, seine Erfahrung ist unbezahlbar. Aber wir recherchieren detailliert die CD- und Ticket-Verkäufe eines Künstlers und seine Downloadzahlen.

Interessiert Sie der Auftritt eines Musikers, den Sie veranstalten?
Sicher. Aber wichtiger, als den Künstler zu erleben, ist zu sehen, was ich meinen Kunden verkauft habe. Was erlebt der Konsument? Was hat das für einen Wert? Und hat der Künstler die abgemachte Leistung gebracht?

Sie können Lady Gaga auch kritisieren, wenn sie zu wenig geboten hat?
Bei stark gehypten Stars ist das sehr schwierig. Oft kommen sie kurz vor dem Auftritt mit ihrer Entourage, und hinterher gehts von der Bühne direkt zum Flughafen. Da gibts wenig Kontakt. Aber mit Agenten, mit denen wir regelmässig zusammenarbeiten, tauschen wir uns schon aus – auch darüber, was beim Publikum gut ankommt und was weniger.

Treffen Sie die Stars persönlich?
Bei weitem nicht immer.

Wollen Sie nicht, können Sie nicht?
Es ist nicht meine Intention. Ich wollte diesen Job nicht, um Lady Gaga zu treffen. Ich will Events gestalten und die Kunden zufriedenstellen. Mir bedeutet es nichts, mit einem Star zu sprechen, der sich schon nach einer Stunde nicht mehr an mich erinnert.

Ach, kommen Sie. Auch Sie wollen doch einen Blick auf die ungeschminkte Lady Gaga werfen, bevor sie in der Garderobe verschwindet.
Natürlich ist es interessant, einen Eindruck von so einer Person zu bekommen. Aber ich verschiebe darum keine Abläufe.

Wie verbringen Sie das Konzert?
Ich bin backstage und mache die Abrechnungen parat. Und ich bin am Funkgerät, leite das Team und versuche da zu sein, wos Probleme gibt.

Um all die Leute zu desillusionieren, die gern Ihren Job hätten: Wie viel Musik bekommen Sie mit?
Bei U2 im Letzigrund war ich um einen einzigen Song froh. Normal sind zwei bis drei Songs; dass man die Hälfte mitbekommt, ist die absolute Ausnahme.

Darf ich zusammenfassen: Ihr Job besteht aus sehr wenig Kunst, aber sehr viel Management.
Ja, wir haben inhaltlich absolut nichts dazu zu sagen, was auf der Bühne stattfindet. Es ist noch nicht einmal unsere Aufgabe, es zu beurteilen. Alles, was wir tun, ist, dafür zu sorgen, dass es stattfindet. Wir verkaufen nicht die Qualität, sondern das Happening.

Alles, was Sie tun können, wenn ein Künstler schlecht war: Sie veranstalten ihn nicht mehr.
Na ja. Wer sagt denn, dass er das nächste Mal wieder schlecht ist? Wer sagt, ob er überhaupt schlecht war? Wir hatten 2010 rund 800'000 Zuschauer an unseren Anlässen, und wir hatten keine 100 Reklamationen.

Sagen wir, ein Künstler war nicht schlecht, aber unprofessionell.
Es kommt natürlich vor, dass wir solche Künstler dann nicht mehr machen.

Sie haben in den 90er-Jahren die grossen K1-Kämpfe mit Andy Hug veranstaltet. Haben Sie von ihm gelernt, was einen Star ausmacht?
Ja, das lässt sich vergleichen. Denn schlussendlich geht es darum, dass ein KonsumentEintritt bezahlt, um einen Star zu sehen. Der eine zaubert, der zweite kämpft, der dritte singt. Im Grunde will der Konsument immer das Gleiche: ein emotionales, authentisches Erlebnis. Das hat man bei Andy Hug bekommen, und man bekommt es bei Roger Federer oder Elton John.

Sie inszenieren eine Show und lösen eine authentische Begeisterung aus.
Genau. Wir produzieren und verkaufen Emotionen.

K1 hatte nach dem Tod von Andy Hug kein Publikum mehr. Warum?
Genau darum, weil keiner nach ihm kam, der ein vergleichbares Charisma hatte. Es geht nicht ohne einen Star.

Was lernen Sie daraus für Ihre Arbeit bei Good News?
Wir arbeiten mit keinem einzigen Star, ohne den wir nicht sein könnten. Es ist schön, wenn U2 kommen, aber nicht entscheidend für die Zukunft von Good News. Wir haben kein Klumpenrisiko.

André Béchir hat immer betont, er veranstalte Madonna oder die Rolling Stones nicht, weil er damit viel Geld verdienen könne. Sondern weil man solche Klassiker einfach veranstalten müsse, wenn man könne – schon aus Imagegründen.
Das mag ein Bewertungskriterium sein. Aber als Chef dieser Firma bin ich gefordert, die Ressourcen da einzusetzen, wo wir Geld verdienen können.

Sie sind jetzt seit einem Jahr im grossen Konzertgeschäft aktiv. Was hat Sie am meisten beeindruckt?
Schon die Ausnahmesituation, die sich André Béchir mit Good News erarbeitet hat. Stellen Sie sich einen Agenten vor, der vor einer Weltkarte sitzt: Er hat 100 Länder, durch die er eine Tournee führen will, und in fast allen Ländern hat er es mit zehn Veranstaltern zu tun, die sich konkurrenzieren. Aber in einem Land arbeitet er seit 30 Jahren mit dem gleichen Partner. Das ist die grosse Herausforderung für mich: Man ist in der Branche überhaupt nicht froh, dass André aufgehört hat. Zum Glück habe ich ihn immer noch neben mir. Oder, wenn Sie so wollen, hinter oder über mir.

Wer ist diese Branche heute?
Es gibt zwanzig, dreissig grosse Agenten, die den Weltmarkt bestimmen, davon zwei, drei sehr grosse. Sie haben 70 Prozent des Mainstreams unter Vertrag. Von Live Nation, dem grössten Player, heisst es, er wolle ständig neun der zehn grössten Stars unter Vertrag haben.

Wenn Sie mit Live Nation verhandeln, nützt es Ihnen wohl nichts, wenn Sie ein Freund von Angus Young von AC/DC sind.
Nein, in der Regel bringt es nichts, einen Musiker direkt anzufragen. Sie verkaufen ihre Tour-Rechte an den Agenten.

Und haben dann selber nicht mehr mitzubestimmen.
Sie wollen nicht mitbestimmen. Erstens sind sie bei diesem Agenten, weil sie ihm vertrauen, und zweitens spielen sie pro Jahr bis zu 200 Konzerte und haben genug damit zu tun, fit zu bleiben und jeden Abend um acht strahlend auf der Bühne zu stehen.

Haben Sie denn noch Spurenelemente des guten, alten Rock-’n’-Roll-Lifestyles vorgefunden?
Als ich schon nicht mehr daran geglaubt habe, hab ich dann doch noch eine Groupie-Geschichte erlebt.

Darf ich raten – bei Guns N’ Roses?
Kein Kommentar. Es war sowieso eine Ausnahme. Die Zeiten sind anders. Die Musiker verkaufen kaum CDs und müssen ihr Geld auf Tour verdienen.

Also müssen sie sich wie Profis verhalten.
Ja. Backstage-Partys mit viel Alkohol und so – das habe ich in diesem ersten Jahr so gut wie nie erlebt.

Die Tournee ist keine Werbung mehr für ein Album, sondern die Haupteinnahmequelle der Musiker. Spüren Sie diesen Druck?
Früher wurde auf den Tausender abgerechnet, heute auf den Rappen. Die Marge, mit der wir unser Geld verdienen, ist bei manchem Künstler beängstigend tief. Der Druck ist unangenehm. Gerade in der Schweiz, wo sich die Agenten sagen: Wenn das Land nicht genug hergibt, gehen wir gar nicht hin.

Verhandelt wird nicht.
Nein, häufig nicht. Wir wollten kürzlich mit einem grossen Agenten, mit dem André seit 30 Jahren befreundet ist, über den Preis reden und schickten eine lange Mail. Als Antwort kamen drei Worte: You wanna pass?

Wie viele Konzerte scheitern so?
Das passiert noch recht selten; vor allem, weil wir den Preisdruck in der Schweiz noch an die Kunden weitergeben können. Die Leute sind hier in der Lage und bereit, viel Geld für ein Konzert auszugeben. Roger Waters ist ein gutes Beispiel: Da wurde auch nicht verhandelt, und entsprechend hoch sind die Ticketpreise. Trotzdem waren wir sehr schnell ausverkauft. Wenn ein Konzert scheitert, dann eher, weil das passende Stadion nicht frei ist.

Gibt es keine Schallmauer, was die Preise betrifft?
Doch, und sie kommt näher.

Sie spüren sie schon?
Ja, wir meinen sie zu spüren. Ganz sicher kann man nicht sein: Ist es der Künstler, der nicht so gut gezogen hat, wie wir geglaubt hatten, oder war das Ticket zu teuer? Schwer zu sagen.

Wenn die Margen so tief sind: Wovon lebt Good News?
Es gibt immer noch Konzerte mit guten Margen, aber es sind jedes Jahr weniger. Wir leben heute auch davon, dass wir sehr viele Konzerte machen. Und wir leben von Andrés gutem Bauchgefühl: Er ist sehr gut darin, einzuschätzen, wie viele Tickets wir mehr verkaufen können, als wir dem Künstler garantieren.

Wie kommt es, dass Take That in der Schweiz bei «Benissimo» im Fernsehen auftreten, nicht aber live in einem Stadion?
Gute Frage. Wir haben versucht, die Band zu bekommen, sehr sogar. Offenbar gab es zu wenig Daten, und die Schweiz stand dann halt nicht auf dem Tourplan. Man muss auch sehen, dass die Schweiz einbegrenztes Angebot an grossen Bühnen hat. U2 mussten in ganz wenigen Ländern zweimal auftreten, um 90'000 Tickets zu verkaufen. Es ist eine Tatsache, dass in der Schweiz ein grosses Stadion fehlt, und ich will das auch gar nicht werten. Aber die Folge ist klar: Super-Acts wie U2 werden in Zukunft in diesem Land seltener zu sehen sein.

Oder nur kurz im Fernsehen.
Das ist eine andere Sache. Im Fall von Take That war es vermutlich so, dass die Plattenfirma in der Schweiz ein bestimmtes Kontingent für Promoauftritte mit der Band hatte. Und das Label arbeitete dann eben mit dem Fernsehen zusammen, was mir einleuchtet. Seien wir froh, dass wir eine Sendung mit der Reichweite von «Benissimo» haben, sonst hätten wir Take That hierzulande gar nicht gesehen.

Wir haben von Live Nation gesprochen. Wie beurteilen Sie die Marktmacht dieser Agentur, die mit 360-Grad-Deals die Künstler als Label, Management und Tourneeveranstalter rundum betreut?
Man muss das noch beobachten. Sicher ist, sie ist für uns nicht bequem. Wir hoffen, dass es wenigstens dabei bleibt.

Wie meinen Sie das?
Wir hoffen, dass sich die Tätigkeit nicht auf 400 Grad ausweitet.

Sie meinen, dass Live Nation die Konzerte mit ihren Künstlern selber veranstalten und Good News damit ausbooten könnte?
Momentan nein.

Erstellt: 28.02.2011, 08:28 Uhr

Thomas Kastl

Vom Sport zur Musik

Der Bayer, der diesen Monat seinen 50. Geburtstag feiert, wollte eigentlich Musiker werden. Er sang bei den Regensburger Domspatzen, spielte Klavier und fasste eine Zeit lang ein Studium am Konservatorium von München ins Auge. Bekannt wurde Thomas Kastl dann von 1994 bis 1999 als Manager des Schweizer Kampfsportlers Andy Hug. Er organisierte im Zürcher Hallenstadion auch die grossen internationalen K1-Wettkämpfe mit dem 2000 verstorbenen Hug. Von 2006 bis 2010 führte Kastl die Geschäfte der St.-Jakobs-Halle in Basel, seit 1. März 2010 leitet er Good News, den grössten Schweizer Konzertveranstalter. Er ersetzte André Béchir, der die Zürcher Firma gegründet und über Jahrzehnte geführt hatte. Good News führt jedes Jahr rund 130 Anlässe durch und verkauft dabei rund 800'000 Tickets. Kastl will die Agentur im Musikbereich breiter positionieren und vermehrt auch Klassik, Hardrock und Hip-Hop anbieten.(cf)

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