Interview

«Es gibt viele liberale Denker bei den Satanisten»

Gaahl ist der Star der Black-Metal-Musik und Satanist. Vor seinem Schweizer Konzert sprach der Norweger über sein Leben als Homosexueller in einer homophoben Szene und Schweizer Vorbilder.

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Gaahl, wir sind im Land von Celtic Frost und Hellhammer, den Vorbildern für extremen Metal schlechthin. Auch für Sie?
In gewisser Weise, ja. Ich habe Hellhammer schon als Neunjähriger durch einen Freund kennen gelernt. Sie waren sozusagen meine erste Metalband. Vielleicht war ihr Einfluss eher unbewusst, aber sie haben mich fasziniert. Ich denke generell nicht allzu viel über meine Musik nach, sie kommt einfach aus mir heraus. Ich mache mir mehr Gedanken über meine Lyrics. Und die Emotionen, die ich ausdrücken will.

Was genau wollen Sie denn ausdrücken?
God Seed ist eine Art innere Kommunikation mit mir, während Gorgoroth für eine aggressive, nach aussen gerichtete Attitüde steht. God Seed hat mehr mit Spiritualität zu tun.

Gorgoroth war eine Band mit stark satanistischem Image, in einem Videointerview haben Sie Satan als Hauptinspiration bezeichnet. Ist das für Sie nun Vergangenheit?
Wenn ich God Seed vertrete, spreche ich nicht mit christlicher Sprache. Es gibt dann für mich keinen Gott und keinen Satan im christlichen Sinne. Deshalb tragen God Seed auch diesen Namen: Ich möchte den Begriff «Gott» zurückerobern.

Ist das Ihre Botschaft?
Nein. Ich habe keine Botschaft. Ich habe sogar lange daran gezweifelt, ob ich das Album mit God Seed überhaupt fertigstellen kann. Ich hatte das Gefühl, dass ich nichts zu sagen habe, weder für andere noch für mich selbst. Doch ich habe letztlich jemanden in mir drin gefunden, der es mir ermöglicht hat, wieder kreativ zu sein. Ich war ziemlich gespalten, was meine Rückkehr in die Metal-Szene angeht.

Weshalb?
Weil sie stagniert. Besser gesagt: weil sie mich stagnieren lässt. Ich hingegen muss mich kontinuierlich weiterentwickeln. Es ist also eher mein Problem als das der Szene.

Sie zieren ja mittlerweile Heftcover zusammen mit Leuten wie Gene Simmons von Kiss. Fühlen Sie sich als Teil dieses Zirkus?
Sie haben recht: Es ist ein Zirkus (schmunzelt). Aber ich fühle mich keiner Szene zugehörig.

Ist Satanismus immer noch ein Teil Ihres Lebens?
Ich habe meine eigene Sichtweise gefunden. Ich kann Satan noch immer verwenden, wenn ich will, und das tue ich auch. Aber die Motive meiner Spiritualität sind heute mehr in der nordischen Mythologie verwurzelt.

Was genau bedeutet Ihnen Satan? Wie definieren Sie ihn?
Satan ist derjenige, der sich auflehnt. Das tue ich auch, nach wie vor.

Sehen Sie sich demnach als Rebell?
Ich bin einfach einer, der sich selbst folgt. Für Angehörige einer Religion bin ich noch immer ein Satanist. Ich für mich habe keine solchen Definitionen nötig.

Sie haben sich vor einiger Zeit als homosexuell geoutet. Wie befreiend war dieses Outing für Sie?
Ich habe nie etwas versteckt. Als ich mich verliebt habe, habe ich meinen Freund überallhin mitgenommen. Allerdings geschah das nun mal erst mit 32 Jahren. Ich habe also nie ein Geheimnis daraus gemacht. Götz Kühnemund (Chefredaktor des deutschen Metal-Magazins «Rock Hard» – Anm. d. Red.) hat mich in einem Interview gefragt, ob es okay sei, wenn er mich ganz offen danach frage. Erst später wurde es zu einer Riesensache.

Wie haben Sie diesen Hype um Ihre Person erlebt?
Ich fand es befremdend, dass es in den norwegischen Medien zu einem solchen Thema wurde. Noch dazu erst viele Monate später...

...und ausgerechnet im liberalen Norwegen.
Nun ja, das Interesse hatte hauptsächlich damit zu tun, dass ich in Norwegen schon viele Titelseiten geziert hatte. Hauptsächlich wegen meiner kriminellen Vergangenheit.

Was haben Sie denn so alles verbrochen?
Die letzte Strafe musste ich absitzen, weil jemand an meine Haustür klopfte und mich fertigmachen wollte. Dann habe ich ihn fertiggemacht, so einfach war das. Ich denke, wenn bei diesem Fall kein Black-Metal-Künstler vor dem Richter gestanden hätte, sondern ein ganz normaler Bürger, wäre das Urteil anders ausgefallen. Alles in allem habe ich rund drei Jahre meines Lebens im Gefängnis verbracht.

Hat Sie diese Erfahrung geprägt?
Ich habe im Gefängnis gelernt, wie man besser mit Menschen umgeht. Ich wurde dort sozusagen sozialisiert. Ich glaube nicht, dass ich heute mit anderen Musikern auf Tour gehen könnte, wenn mich die Zeit im Gefängnis nicht einen anderen Umgang mit Menschen gelehrt hätte.

Sie wirken aber eigentlich ganz nett. Was muss man machen, damit Ihre andere Seite zum Vorschein kommt?
Ich bin letztlich immer die gleiche Person. Aber alles hat Folgen. Wenn mir jemand auf den Senkel geht, muss er mit Konsequenzen rechnen.

Ist Ihnen das nach Ihrem Outing nicht oft passiert? Die Black-Metal-Szene gilt in dieser Frage ja nicht gerade als besonders liberal.
Ich weiss es nicht. Es gibt viele liberale Denker im Metal. Viele Leute attackieren etwas aus einer Unsicherheit heraus, oder weil sie Angst haben, andernfalls nicht dazuzugehören. Ich glaube nicht, dass jemand tatsächlich etwas gegen Homosexuelle hat. Es ist mehr die Angst, einen eigenen Standpunkt zu vertreten. Das ist generell das Problem in der heutigen Welt.

Finden Sie, dass sich mehr Exponenten der Metal-Szene outen sollten? Es ist ja kaum anzunehmen, dass Sie und Judas-Priest-Frontmann Rob Halford die einzigen Homosexuellen im Metal sind.
Informationen über die sexuelle Orientierung sollten in der Öffentlichkeit generell nichts zu suchen haben. Ich werde nun auch nicht zum Bannerträger und mit einem Schild auf der Stirn herumlaufen (lacht). Die Aufmerksamkeit, die ich provoziert habe, ist reiner Zufall.

Trotzdem sind Sie eines der bekanntesten Gesichter des Black Metal. Fühlen Sie sich akzeptiert als Star einer Szene, die als homophob gilt?
Ich persönlich habe nie Ablehnung gespürt, lediglich durch Medien oder Drittpersonen hört man manchmal Dinge. Aber das lässt mich kalt. Ich weiss, dass ich eine Menge schwulenfeindlicher Freunde habe. Aber sie kennen mich und wissen, wer ich bin. Es ist für sie kein Thema.

Ist es für Sie auch kein Thema, dass Musiker von Black-Metal-Bands wie Emperor oder Dissection wegen Morden an Homosexuellen verurteilt wurden?
Ich kenne Faust von Emperor, das ist kein Problem zwischen uns (Jon Nödveidt von Dissection ist inzwischen verstorben – Anm. d. Red.). Faust hat mir sogar, unmittelbar nachdem mein Outing zum grossen Thema in Norwegen geworden war, ein Mail geschrieben. Es war sehr positiv.

Dennoch gibt es Extremisten, die mit dem Anzünden von Kirchen in Norwegen weltweit für Aufsehen sorgten. Sie waren nie ein Teil davon...
...(unterbricht) Nein, ich bin zu Hause in meinem Wald geblieben (lacht).

Befürworten Sie solche Aktionen?
Ich befürworte, dass die Kirche als Institution verschwindet. Kirchen sind in meinen Augen wie Statuen von Adolf Hitler in Israel. Für mich ist das ein und dasselbe.

Weil die katholische Kirche gleichgeschlechtliche Liebe ablehnt?
Nein. Weil sie den Leuten nicht erlaubt, für sich selbst verantwortlich zu sein.

Würden Sie selber auch eine Kirche anzünden?
Das muss ich nicht. Es gibt bessere Möglichkeiten, seinen Standpunkt zu vertreten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.12.2012, 12:53 Uhr

Star der Extreme-Metal-Szene

Selten hat ein Mann mit Stille für so viel Trubel gesorgt. Doch Schweigen gehört zu Kristian Espedal wie das okkulte Image zum Black Metal. Und seit er im Dokfilm «A Headbanger's Journey» auf die Frage, was ihn inspiriere, mit ebendiesem Schweigen und der entwaffnend simplen Erklärung «...Satan...» reagierte, weiss man davon auch weit über Metal-Kreise hinaus. Der Moment ist einmalig: bedrohlich und authentisch, aber auch irgendwie komisch – und mit fast einer Million Hits eine Legende auf Youtube.

Dass Gaahl, wie sich Espedal als Künstler nennt, zum Star der Extreme-Metal-Szene wurde, hat auch musikalische Gründe. Mit Gorgoroth und der Nachfolgeband God Seed verleiht der hünenhafte Norweger dem Black Metal eine neue Abgründigkeit. Während andere Bands wirken, als hätten sie bloss «The Exorcist» etwas zu oft geschaut, macht Gaahl mit seiner manischen Soundraserei und seinem unverkennbaren visuellen Stil einen ungleich mächtigeren Eindruck.

Gaahl in «A Headbanger's Journey»

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