«Es hat etwas Absurdes, ein Lied zu schreiben»

Sophie Hunger veröffentlicht ihr zweites Album, «Monday's Ghost». Im Interview sagt die 25-jährige Zürcherin, warum die Songs nicht so gut sind, wie sie sich diese vorgestellt hatte.

Von den Aufnahmen in der Küche zum Studioalbum – Sophie Hunger musste lernen, mit Kompromissen umzugehen: «Ich konzentriere mich darauf, das Mögliche zu machen.»

Doris Fanconi

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Frau Hunger, es heisst, Sie hätten das Potenzial, international sehr bekannt zu werden. Möchten Sie das?
Ja.

Wie bekannt?
Keine Ahnung, es kann morgen aufhören. Sicher ist: Ich will spielen und immer weitergehen. Es gibt keinen Masterplan. Ich weiss nur, dass meine CD jetzt in der Schweiz rauskommt, im Januar in Frankreich, und dass ich Gespräche mit Leuten in England und Deutschland führe.

Sie sind in der Musikszene um den Zürcher Klub Helsinki bekannt geworden. Jetzt lassen Sie diese Szene hinter sich.
Ja, aber das ist klar. Es muss weitergehen, man muss in Bewegung bleiben, andere Sachen machen, andere Leute sehen.

Sie haben Ihr zweites Album nicht mehr zu Hause in der Küche, sondern in einem Studio aufgenommen. Was war anders?
Wenn man in der Küche sitzt und zur Gitarre ein Lied singt, ohne Band und festes Timing, stellen sich keine Fragen. Aber ich habe begonnen, die Lieder anders zu schreiben. Ich denke mehr über Rhythmen nach, über Arrangements. Was sich vor allem verändert hat, ist die Präzision.

Was meinen Sie damit?
Dass ich heute bereit bin, zu akzeptieren, dass ein Lied nicht das ist, wie ich es gerne hätte, sondern nur das, was es ist. Ich konzentriere mich darauf, das Mögliche zu machen.

Ist die Vision eines Songs immer grösser als das, was am Ende dabei herauskommt?
Oh ja, das sind zwei ganz verschiedene Dinge. Aber es braucht die Vision, um überhaupt anfangen zu können.

Was hindert Sie, das Ganze zu erreichen?
Die menschliche Vorstellungskraft deckt sich nun einmal nicht mit der Realität. Man kann viel mehr fühlen oder sehen oder denken, als tatsächlich ist – und daraus kommt alle Energie, die nötig ist, um ein Lied zu schreiben. Es gibt ja keinen rationalen Grund, das zu tun. Es hat etwas Absurdes, ein Lied zu schreiben.

Warum tun Sie es?
Weil es einfach passiert. Man muss ja etwas machen den ganzen Tag über. Warum geht man über die Strasse?

Es heisst, dass Sie die Lieder nicht proben.
Das war lange so, jetzt nicht mehr. Das heisst aber nicht, dass bestimmte Teile von Liedern, die für die CD fix arrangiert wurden, in den Konzerten nicht wieder frei gespielt werden. Da ist die Improvisation ja der einzige Spass, der uns bleibt.

Sonst machen die Konzerte keinen Spass?
Sie sind ein zweischneidiges Schwert: Sie produzieren einerseits eine Konzentration, die ich neben der Bühne nicht habe. Andererseits sind sie unangenehm. Sie müssen unangenehm sein. Ich sah Musiker, die sehr gut sind, aber auch sehr abgebrüht. Ich glaube, dass nichts passiert, wenn nichts auf dem Spiel steht.

Sie stellen sich jeden Abend vor, dass die Songs schiefgehen könnten?
Viel schlimmere Dinge. Dass ich auf der Bühne die Kontrolle über meine Organe verliere und ich mir in die Hosen mache. Oder dass meine Hände wegknicken.

Warum setzen Sie sich dem aus?
Weil es auf der Bühne Momente gibt, in denen alles von einem abfällt und man ohne Biografie und Ego ist. Dann ist alles gut, und man kann alles machen.

Man kommt der Vision des Songs näher.
Genau.

Nimmt der Stress mit der Grösse der Bühne eigentlich zu?
Im Gegenteil. Grosse Konzerte sind einfacher.

Wegen der Distanz zum Publikum?
Absolut.

Wir möchten Ihnen einen Song abspielen: «Material Girl» von Madonna. War oder ist Madonna für Sie in irgendeiner Form eine Inspiration?
Madonna ist die Anti-Inspiration. Sie personifiziert eine Kultur, die mich anwidert. Wenn ich sie auf einem «Heftli» sehe, mit 50 Jahren, einer Kette im Mund und gespreizten Beinen... Ich sollte besser nicht weiterreden.

Das würden wir aber gern genauer wissen.
Ich meine diese kollektive Bewusstlosigkeit. Der Individualismus, der zur totalen Gleichgültigkeit führt: Wenn Sie die Langstrasse hinunterlaufen, sehen Sie Leute, die am Sterben sind, und andere, die Fastfood kaufen. Alles gleichzeitig. Und niemand übernimmt eine Verantwortung, weil wir ja alle so individuell sind. – Aber könnten Sie bitte etwas anderes fragen?

Madonnas «Material Girl» ist eine Metapher für die freie Formbarkeit von Popstars. Sie begeben sich jetzt in dieses Popgeschäft – haben Sie keine Angst, immer neue Rollen spielen zu müssen?
Dazu müsste man ja wissen, wer genau man ist. Bin ich mehr mich selber, wenn ich zu Hause ein Ragusa esse, als wenn ich auf der Bühne ein E spiele?

Ihre Konzerte sind keine Inszenierung?
Doch, alles daran ist theatralisch. Die Billette, dass die Leute auf ihren Stühlen sitzen und ruhig werden, wenn wir auf die Bühne kommen. Dass sie klatschen, wenn ein Song fertig ist. Lieder zu singen, ist theatralisch. Eine Phrase da, eine Pause dort. Sie zu schreiben, ist theatralisch.

Sie haben einmal gesagt, Sie würden gerne einen Zirkus auf die Beine stellen. Was gäbe es da zu sehen?
Keine Ahnung, warum ich das gesagt habe. Es gibt so viel Zirkus in der Welt, man müsste eigentlich einen Anti-Zirkus machen.

Und was gäbe es da zu sehen?
Nichts. Absolut nichts.

Der zweite Song, den wir Ihnen vorspielen möchten, ist «Campari Soda» von Taxi.
Super!

Es ist einer der vielen Schweizer Popsongs, die von der Sehnsucht nach der grossen, weiten Welt handeln. In Ihren Songs gibt es dieses Fernweh nicht.
Vielleicht, weil ich lieber heimkommen möchte. Ich kenne das nicht, immer in der Schweiz gewesen zu sein.

Ihr Vater ist der Schweizer Botschafter im Iran, Philippe Welti. Sie haben mit Ihren zwei Geschwistern in London, Bern, Bonn, Zürich und Teheran gelebt. Wie war das, so aufzuwachsen?
Stressig. Weil immer alles neu war. Es gibt kaum Leute in unserem Leben, die wir lange kennen. Natürlich haben wir Kinder viel gelernt, nur schon die Sprachen. Was wir aber nicht mitbekommen haben, ist eine gewisse Ernsthaftigkeit gegenüber ganz normalen Lebensabläufen. Ich habe zum Beispiel in meinem ganzen Leben nie überlegt, was ich werden soll.

Studieren Sie noch Germanistik?
Ja, aber ohne Abschlussziel. Ich kann die Präsenzzeiten nicht einhalten, und ich habe noch kaum eine Prüfung geschrieben. Also versuche ich, so oft wie möglich an der Uni zu sein und zuzuhören.

Auch Ihre Mutter Myrta Welti gehörte als frühere Generalsekretärin der SVP zum Berner Polit-Establishments. Später sass sie in der Bergier-Kommission, welche die Vergangenheit der Schweiz im Zweiten Weltkrieg aufarbeitete. Interessieren Sie sich für die Niederungen der Tagespolitik?
Ja, aus einem einfachen Grund: Ich habe eine Regierung mitgewählt, die in meinem Namen arbeitet. Selbstverständlich interessiert es mich, was die macht. Es ist eine Mode, dass sich die Leute nicht für Politik interessieren. Sie vergessen, dass sie das alles mitproduzieren. In dem Moment, da man in den Bus steigt, akzeptiert man den Staat und ist Teil der Politik.

Hatten Sie keine radikale Phase, in der Sie den Staat ablehnten?
Nein. Nur ganz kurz: Vor ein paar Jahren nahm ich am «Reclaim the Streets»- Umzug teil, als die Stadtpolizei mit Gummischrot in die Menge schoss. Ich wurde an der Augenbraue getroffen und musste die Wunde nähen. Ich erstattete Anzeige; was dabei rauskam, war, dass man nicht ermitteln konnte, wer geschossen hatte. Da wusste ich: Ach, so läuft das, das ist jetzt die Staatsgewalt. Ich war empört! Aber ich habe dann nachgedacht und gemerkt, dass ich das akzeptieren muss.

Weil Sie den Staat als Ganzes akzeptieren.
Genau.

Im Song «The Boat Is Full» gibt es ein sehr desillusioniertes Bild für die Politik: Es regnet, und man baut Zäune dagegen.
Ein SVP-Politiker hatte im Fernsehen zur Einbürgerungsinitiative gesprochen und gesagt, das Boot sei voll. Ich überlegte mir: Wie kann der durch Zürich laufen und behaupten, das Boot sei voll? Was hat so einer von der Welt gesehen? Er sollte sich einen einzigen Tag in Asien umsehen. «Das Boot ist voll», das war die erste Songzeile. Ich habe mir dann überlegt, was das eigentlich für eine Idee ist, eine Grenze zu ziehen und zu glauben, das, was jenseits dieser Grenze ist, habe nichts mehr mit einem zu tun.

Eine Sängerin und ein Sänger, die in Texten über Sie oft zitiert werden, sind Nina Simone und Bob Dylan. Beide sangen – wenigstens zeitweise – aus politischen Bewegungen heraus. Vermissen Sie das manchmal, Teil einer Bewegung zu sein?
Überhaupt nicht. Es gibt heute keine Bewegungen mehr. Ausser natürlich die Emos (lacht laut). Diese Bewegungslosigkeit gibt mir Kraft. Wo alles flach ist und niemand etwas sagt, ist es umso einfacher, etwas zu machen, das hervorsticht.

Nina Simone sang für bürgerliche Freiheiten. Sie haben einmal gesagt, in der Schweiz gebe es zwar die Freiheit, aber sie bedeute nichts mehr.
Wir nutzen sie nicht. Wir haben die Bildung und das Geld, um an der Welt teilzunehmen, um uns zu öffnen, um etwas zu wagen. Aber wir tun es nicht. Dabei wären wir viel glücklicher, hätten neue Aufgaben.

Sie halten die Schweizer für unglücklich?
Ja, ich glaube, sie sind ein bisschen unglücklich. Der Iran zum Beispiel hat zwar grosse Probleme. Aber das führt dazu, dass das Interesse der Menschen viel grösser ist, an allem. Daran, was sie erleben; daran, was sie produzieren.

Ihre Musik ist eher traditionell.
Ich mache einfach, was ich kann. Ich habe jetzt eine gewisse Sicherheit in dem, was ich tue. Aber die kommt davon, dass ich überhaupt nicht weiss, was ich tue. Ich weiss nicht viel über Musik.

Bob Dylan arbeitet daran, irgendwann einfach in der Tradition zu verschwinden. Was heisst es für Sie, in dieser riesigen Singer/Songwriter-Tradition zu singen?
Solche Dinge überlege ich mir nicht. Was ich mir überlege, ist: Was ist, wenn Bob Dylan tot ist? Wer bleibt dann noch? Keine Ahnung. Jürg Halter. Aber er muss noch Englisch lernen (lacht). Und Madonna. Dann muss ich Madonnisch lernen.

Erstellt: 02.10.2008, 09:28 Uhr

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