«Ich schulde der schwarzen Kultur etwas»

Haare, Sex, Drogenexzesse: Er bereut nichts. Rod Stewart will singen, bis er ins Grab fällt.

«Solange man noch irgendeinen Funken verspürt, sollte man es machen»: Rod Stewart macht es, derzeit auf Europatournee. Foto: Drew Gurian (Invision, AP)

«Solange man noch irgendeinen Funken verspürt, sollte man es machen»: Rod Stewart macht es, derzeit auf Europatournee. Foto: Drew Gurian (Invision, AP)

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Entschuldigen Sie bitte, ich habe mir ein Virus eingefangen, ich fühle mich elend.

Ihre Stimme klingt auch so.
Die Stimme hört sich immer so an. Aber es sitzt in meinem Brustkorb, es gibt mir das Gefühl, so schwach zu sein. Extrem erschöpft.

Ich werde versuchen, Sie nicht noch zusätzlich zu langweilen.
Schiessen Sie los.

Ich habe Ihre Autobiografie gelesen. Ein sehr lustiges Buch.
Es fliesst schön dahin, nicht wahr?

Nur habe ich mich gefragt: Gibt es noch irgendetwas, das ich Sie fragen könnte, was Sie nicht schon von selber erzählt haben? Und dann dachte ich: Haare. Weil Sie ziemlich obsessiv mit Ihrer Frisur zu sein scheinen.
Obsessiv wäre nicht der Ausdruck, den ich dafür benutzen würde. Was für ein trauriger Mensch wäre ich, wenn es mir im Leben nur um meine Frisur ginge?

Sie haben Ihrer Frisur immerhin ein eigenes Kapitel im Buch gewidmet.
Ja, ich denke mal, mein Freund Elton John hat bestimmt kein Kapitel über sein Haar in seinem Buch. Ich habe einfach Glück gehabt, dass es bei mir geblieben ist. Ich wasche es nicht besonders häufig, ich mache es meistens nur nass, um es in Form zu bringen. Shampoo nimmt das ganze Volumen aus dem Haar (Stewart zwirbelt seine Strähnen nach oben, man sieht deutlich, dass es echt ist).

Seit den Achtzigerjahren bekommt man, wenn man bei einem englischen Friseur einen «Rod» verlangt, die Frisur, die Sie bis heute tragen ...
Und es gab immer viele Doppelgänger, die sich die Haare so geschnitten haben und sich erfolgreich als Rod Stewart ausgaben.

Tatsächlich?
Aber sicher. Ein Typ hat mal so getan, als wäre er ich, und konnte einen Ferrari stehlen, weil er eine Testfahrt verlangte. Den haben sie nur geschnappt, weil er eine rote Ampel überfahren hat. Ein anderer hat drei Monate mit einer Frau zusammengelebt, bis sie bemerkt hat, dass er nicht der echte Rod Stewart war.

Zu Ihrer Zeit mit den Faces machte Sie Ihre Frisur sehr beliebt bei Frauen in den USA – gemeinsam mit Ihrem britischen Akzent und dem Rock ’n’ Roll natürlich.
Sie haben vor allem den Akzent geliebt. Das tun sie immer noch.

Haben Sie eine Erklärung dafür?
Sie haben uns durch den Akzent halt als kleine, putzige Engländer identifiziert. Und sie fanden uns süss, vor allem Ron und mich, wir hatten diese silbernen Samthosen an, riesige Kreuze um den Hals und wirklich gross auftoupierte Frisuren.

Sie gingen bis 1967 häufig in einen Laden namens Eel Pie Island in London, auch Ihre ersten Auftritte hatten Sie dort. Dort haben viele Musiker gespielt, die die englische Rockmusik geprägt haben. The Who, die Yardbirds mit Eric Clapton, Jeff Beck. War das nur eine Art kosmologischer Zufall, dass alle innerhalb von drei Jahren dort gelandet sind?
Anders kann ich es auch nicht erklären. Es waren einfach gute Leute zu der Zeit in London, in den wenigen Clubs. Es waren ja auch David Bowie und Elton John schon da. Die Rolling Stones, die Ani­mals ... wirklich gute Leute.

«Ich habe der schwarzen Kultur sehr viel zu verdanken, ich schulde ihr etwas.»

Was ist damals genau passiert?
Es war der Einfluss der schwarzen Musik und der schwarzen Kultur, der einschlug. Muddy Waters, Howlin’ Wolf, diese Leute. Die veränderten alles. Wir als Teenager in London hatten nie zuvor so etwas gehört. Und es waren nur ganz wenige, die begriffen, was da abging, und es für uns alle öffneten. Alexis Korner war einer von ihnen, Long John Baldry, Cyril Davies und andere. Diese Leute brachten die Musik und die richtigen Leute aus den USA zu uns, sie gründeten die ersten Bands, die Rhythm and Blues spielten. John Baldry hat nicht nur mir die Musik nähergebracht, sondern auch Mick und Keith.

Sie haben also als Fan dieser Musik angefangen?
Absolut. Wobei ich zugeben muss: Meine erste grosse Liebe war die Folk-Musik. Bob Dylans erstes Album hat mein Leben verändert. Ich habe alle Lieder auf der Gitarre gelernt und dachte immer nur: «Mein Gott, ich muss unbedingt nach Amerika.» Allein wie Dylan davon sang, zum Beispiel in «Talkin’ New York» ... Und dann habe ich angefangen, Muddy Waters zu hören. Und Sam Cooke.

Hören Sie diese Musik heute noch?
Ja. Die Alben, die ich als Kind gehört habe, sind eine lebenslange Referenz geblieben. Ich höre schon moderne Musik, das meiste geht mir allerdings schnell auf die Nerven. Ich mag George Ezra. Aber vielleicht werde ich einfach alt und habe alles schon gesehen. Ausser Rap kam irgendwie nichts Neues mehr, und Rap mag ich nicht besonders. Ansonsten, immer noch: Sam Cooke, Muddy Waters und Otis Redding.

Steven Van Zandt, ab 1975 Gitarrist in Bruce Springsteens E Street Band, erzählte in einem Interview, dass er nicht fassen konnte, dass Sie weiss sind, als Sie zum ersten Mal in New York aufgetreten sind. Er hatte nur Bänder von Ihnen gehört.
Es war immer meine Leidenschaft, so wie einer der grossen schwarzen Interpreten zu klingen. Danach habe ich meine Stimme moduliert. Ich habe der schwarzen Kultur sehr viel zu verdanken. Ich würde sogar sagen, ich schulde dieser Kultur etwas.

Sie haben in der Band von Long John Baldry gesungen, bei Jeff Beck, schliesslich bei den Faces. Es dauerte sieben Jahre, bis Sie Ihren persön­lichen Durchbruch hatten.
Es war eine lange Zeit, ja. Aber es war eben auch eine sehr gute Ausbildung. All die Bands, in denen ich gesungen habe, die Leute, von denen ich lernen konnte. Da habe ich mein Handwerk gelernt. Und Long John Baldry zum Beispiel war ein fantastischer Lehrer.

Wenn man Ihr Buch liest, auch wenn Sie von den Frauengeschichten und zertrümmerten Hotelzimmern erzählen, nimmt man es Ihnen kaum übel. Woran, glauben Sie, liegt das?
Weil ich der glücklichste Mensch auf dem Planeten bin. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht den Sternen für mein Glück danke. Ich komme aus der britischen Arbeiterklasse, ich habe mich ins Singen verliebt und dadurch das beste vorstellbare Leben bekommen.

Sie erzählen es so, als hätten Sie im Lotto gewonnen.
Ich war schon sehr entschlossen, was das Singen angeht. Und damals ging es ja auch nicht darum, ein Star zu werden. Rockstar sein hatten wir als Konzept noch gar nicht richtig verstanden. Wir wollten einfach mit brennendem Ehrgeiz Musik machen.

Sie haben diesen Rockstar-Lifestyle immer geliebt?
Ja, es ist natürlich nicht mehr dasselbe wie in den Siebzigerjahren, das war wirklich wild. Ich bin selber viel ruhiger, aber ich brenne immer noch für das Musikmachen. Ich liebe es aufzutreten und werde es so lange machen, bis ich die Glocke läuten höre. Es macht mir Angst, aufzuhören, weil ich es wirklich gerne mag.

Nun gehen Sie mit 74 Jahren wieder auf Europatournee. Wird Ihnen das nicht langweilig?
Es wird mich umbringen, wenn ich dieses Virus nicht loswerde. Aber es sind ja noch ein paar Wochen bis dahin. Und nein, es wird nicht langweilig, nie.

Sie wollen nicht irgendwann mal kürzertreten?
Nun ja, ich kann das Ende schon deutlicher erkennen als früher, um es mal so zu sagen. Irgendwann muss ich aufhören, aber nicht in den kommenden paar Jahren. Ich habe einfach Spass daran, aufzustehen und zu singen. Und ich denke, singen werde ich immer.

Ich nehme an, dass Sie kein Geld mehr verdienen müssen, warum der Stress?
Wissen Sie, was mit Männern passiert, die aufhören zu arbeiten? Sie bekommen einen Herzinfarkt. Mögen Sie Ihren Beruf?

Ja, meistens.
Jetzt stellen Sie sich vor, Sie wären Sänger und hätten die Chance, auf die Bühne zu gehen und sich vor zehntausend Menschen zu präsentieren und dafür bezahlt zu werden. Es ist ein fantastischer Lifestyle, deswegen wollen doch so viele Leute Rockstars werden. Also, was würden Sie machen, wenn Sie an meiner Stelle wären?

Ich würde es vermutlich machen, bis ich ins Grab fahre.
Natürlich, Sie würden genau dasselbe machen. Und Sie hätten vermutlich alles andere auch so gemacht, auch das Vögeln und das Trinken und das Vögeln und das Trinken. Solange man noch irgendeinen Funken spürt, sollte man es machen. Es gibt nichts Schlimmeres im Leben, als morgens aufzuwachen und nichts mehr zu tun zu haben. Solange Sie noch buchstabieren können und ich noch singen kann, sollten wir weitermachen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2019, 12:47 Uhr

Sir Roderick David Stewart

Rod Stewart wurde am 10. Januar 1945 in London geboren. Er spielte ab 1969 bei den Faces, unter anderen mit Ron Wood, der später zu den Rolling Stones wechselte. Seinen ersten grossen Solohit hatte er 1971 mit «Maggie May». Er ist seit 2007 in dritter Ehe mit dem Ex-Model Penny Lancaster verheiratet. Aus dieser und anderen Verbindungen hat er acht Kinder. Stewart befindet sich zurzeit auf Europatournee – am 7. Mai spielt er in Zürich. (red)

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