«Finden Sie, dass es laut war?»

Philip Glass gehört zu den erfolgreichsten Komponisten. Den meisten Religionen kann der Amerikaner etwas abgewinnen – und möchte sich deshalb nicht auf einen einzigen «Club» festlegen.

Bei einer Probe seiner Oper «Appomattox» in Washington 2015: Komponist Philip Glass. Foto: Gabriella Demczuk (Laif)

Bei einer Probe seiner Oper «Appomattox» in Washington 2015: Komponist Philip Glass. Foto: Gabriella Demczuk (Laif)

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Sie lassen in Ihren Opern oft amerikanische Helden auftreten. Warum?
Wir hatten in Amerika nicht diese Reihe hoch entwickelter Kulturen wie in europäischen Ländern. Aber wir hatten grossartige Leute, etwa Abraham Lincoln, der nie auf einer Schule war und trotzdem Anwalt und letztlich Präsident wurde, ein einfacher Mann aus einer Blockhütte. Amerika hat viele solcher Persönlich­keiten, weil es so viele unterschiedliche Menschen aufgenommen hat, auch meine Grosseltern, die aus Litauen kamen. Deshalb lasse ich Lincoln in meinen Opern auftreten, auch Martin Luther King oder Walt Disney in «The Perfect American». Ich finde die Geschichte meines Landes ungeheuer inspirierend. Und ich bin froh, Teil von ihr zu sein.

Welches Ereignis der vergangenen Jahre betrachten Sie als wichtigsten Einschnitt für die amerikanische Gesellschaft?
Ich fürchte, das ist die jüngste Präsidentenwahl.

Werden Sie irgendwann eine Oper über Donald Trump schreiben?
O nein, verkrachte Persönlichkeiten interessieren mich nicht. Und er ist eine, dafür ist mir die Zeit zu schade. Tut mir leid, falls Sie ein Freund von ihm sind.

Szene aus «Einstein on the Beach», Philip Glass

In Ihren Opern prallen Wissenschaftler wie Johannes Kepler, Galileo Galilei oder Albert Einstein mit ihrem Denken auf eine feindselige Gesellschaft.
Ich glaube, ich habe überhaupt die meisten Opern über Wissenschaftler komponiert. Vielleicht liegt es daran, dass ich Mathematik und Philosophie studiert habe. Jemand wie Kepler hat die Welt auf eine ganz tiefgründige Art begriffen. Und mir gefällt, dass das wissenschaft­liche Interesse eine Spezialität der Buddhisten ist. Der Dalai Lama hat mir einmal gesagt: Wenn Sie mir wissenschaftlich beweisen können, dass es keine Seele gibt, werde ich das akzeptieren.

Sie haben sich zum Buddhismus bekannt, nachdem Sie dem indischen Musiker Ravi Shankar und tibetischen Flüchtlingen begegnet sind.
Ich bin genauso bekennender Buddhist wie bekennender Tolteke, bekennender Hindu oder sogar Katholik. Ich bin nicht Mitglied in einem Club, sondern in ­vielen Clubs.

Obwohl Sie aus einer jüdischen Familie stammen?
Auch die Juden haben eine grosse Tradition des Atheismus; man nennt diese Gruppe die «weltlichen Juden». Sie akzeptieren die jüdische Gemeinschaft, aber nicht die Religion. Mein Vater und mein Grossvater gehörten zu dieser Art Juden. Für mich war das sehr gut, weil ich so ziemlich vorurteilsfrei aufge­wachsen bin.

«Ich bin nicht Mitglied in einem Club, sondern in ­vielen Clubs.»

Trotzdem haben Sie sich wiederholt mit spirituellen und religiösen Themen beschäftigt. Etwa in Ihrer 5. Sinfonie, in der sie hebräische, arabische, japanische, indische und afrikanische Texte vertonten.
Ich denke, dass es zwischen diesen Kulturen einen gemeinsamen Resonanzraum von Gefühlen und Werten gibt. Jeder der zwölf Sätze hat ein eigenes Thema: Es geht um Mitleid, um Liebe und Tod. Dabei scheint jede Kultur ihr «Spezialgebiet» zu haben. Wenn man etwas über den Tod erfahren will, muss man die Japaner fragen. Es jagt einem Angst ein, wenn sie vom schieren Grauen des Todes erzählen. In der Liebe ist die jüdische Kultur ziemlich gut.

Bei Ihren Auftritten mit Ihrem Ensemble in den 80ern fielen besonders die Keyboards und Blasinstrumente und die Lautstärke auf. Das gab es damals in der zeitgenössischen Musik kaum. Wirkte da die jugendliche Rebellion der Popmusik nach?
Finden Sie, dass es laut war? In jedem Fall nicht so laut wie Frank Zappa, der im Fillmore East, einem der angesagten Orte in New York, die Lautsprecher­boxen bis zur Decke getürmt hat. Das war wirklich Proto-Punk als Protest! Ich wollte nicht rebellieren, sondern wir hatten ein Problem: Wir waren im Ensemble mehrere Komponisten, die, wie die meisten Komponisten, nur Klavier spielten. Weil man aber für Konzerte selten vier Klaviere auftreiben kann, kauften wir uns diese billigen Rock-and-Roll-Keyboards und haben sie ordentlich verstärkt.

Also war die Minimal Music kein Protest gegen die etablierte Musikszene?
Ich halte nicht viel von Protest in der Musik. Es gibt politische und soziale Themen, die mich interessieren. Was die Mainstream-Komponisten angeht, warte ich lieber, bis sich das Thema von selbst erledigt hat.

Philip Glass, 5. Sinfonie, 1. Satz, «Before the Creation»

Gehören Sie heute nicht selbst zum Mainstream?
Überraschenderweise ja! Im letzten Sommer habe ich zweimal in Amsterdam gespielt: Am ersten Abend kamen fünftausend Jugendliche, am zweiten Abend sechstausend, alle im Alter meiner Enkelkinder. Und ich dachte: Interessant, ich schreibe keine Hip-Hop-­Musik, meine Musik klingt ganz anders als ihre, aber sie mögen sie trotzdem.

Aber Sie waren, zumindest in den USA, schon immer ein Star?.?.?.
Betrachten wir es von der anderen Seite: Meinen ersten grossen Musikpreis habe ich von der japanischen Regierung bekommen, mit 75 Jahren!

Ziemlich spät.
Fast zu spät. Zum Glück habe ich noch gelebt. Meine erste Professur hat man mir mit 73 Jahren angeboten, aber ich habe ihnen gesagt, dass es für mich zu spät sei.

Fühlen Sie sich als Komponist zwischen allen Stühlen?
Das ist mir völlig egal. Vor langer Zeit habe ich gelernt, dass Unabhängigkeit wichtiger ist als Erfolg. Unabhängigkeit gab mir die Freiheit, zu tun, was ich wollte. Jede Anerkennung ist künstlerisch ein Desaster.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 01.02.2017, 18:28 Uhr

Komponist Philip Glass

Geboren vor 80 Jahren in Baltimore, hat Philip Glass erst Mathematik und Philosophie studiert – und sich daneben mit Schönbergs Zwölftontechnik befasst. Es folgten ein Musikstudium an der Juilliard School und ein Aufenthalt in Paris, wo er den indischen Musiker Ravi Shankar kennen lernte, der sein Denken und sein Musikverständnis entscheidend prägte. Glass gilt als einer der Erfinder der repetitiv-hypnotischen Minimal Music. 1976 machte ihn seine Oper «Einstein on the Beach» weltweit bekannt. Er hat auch Filmmusiken komponiert – etwa für «The Truman Show» und «The Hours».

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