«Ghadhafi war auch ein Lionel-Richie-Fan»

Soul-Sänger Lionel Richie über seine arabischen Bewunderer, gute Konzerte und die Wichtigkeit der Werbung.

Ein bisschen Slapstick muss sein: Lionel Richie in Nashville, 2012.

Ein bisschen Slapstick muss sein: Lionel Richie in Nashville, 2012. Bild: Mark Humphrey/Keystone

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Sie sind ein souveräner Showman, der sein Publikum mit Schalk durch über dreissig Jahre Hits führt. Nach welchen Prinzipien gehen Sie da vor?
Bei meinen Konzerten erzähle ich den Menschen einfach ihre eigene Geschichte, indem ich ihr Leben in meinen Songs spiegle. Und nehme mich dabei auch nicht zu ernst. So beginne ich meine Konzerte immer mit dem Spruch: «Versetzen Sie sich in den Moment zurück, in dem Sie diese Songs zum ersten Mal gehört haben. Denken Sie daran, was Sie gerade getan haben und mit wem Sie es getan haben.»

Also verlassen Sie sich auf die nostal gischen Gefühle des Publikums?
Nicht bei den vielen jungen Leuten, die an die Konzerte kommen. Die haben meine Hits aus den 70er-, 80er- und 90er-Jahren, so wie ich in meiner Jugend den Swing von Frank Sinatra und Count Basie, über ihre Eltern mitgekriegt. Jetzt wollen sie diese Musik auch live hören.

Auf der Bühne gehen Sie mit Ihren Begleitmusikern wie ein Filmregisseur mit seinen Darstellern um. Sie geben ihnen Platz, um sich als Persönlichkeiten zu zeigen. Dabei kommt das Publikum ausschliesslich wegen Ihnen.
Weil ich mir meine Sporen mit einer Band – den Commodores – abverdient habe, weiss ich gar nicht, wie ich ein Konzert ganz alleine stemmen sollte. Ich bin es mir gewohnt, mich mit anderen Musikern auszutauschen und ihnen auch einen Teil der Verantwortung für das Gelingen der Show zu übertragen. Ich bin nicht der einzige Künstler, der so etwas macht. Bei Bon Jovi steht die ganze Band im Rampenlicht; bei Bruce Springsteen hat man immer auch die ganze 
E Street Band im Visier.

Obwohl Ihre Musik dem schwarzen Soul-Genre zugerechnet wird, steckt eine gehörige Portion Country darin. Wie kamen Sie mit dem weissen Country in Berührung?
Weil ich nun mal nicht aus Detroit oder Chicago komme, sondern aus Alabama, kenne ich den Unterschied zwischen Country und R'n'B nicht. Die Radiosender, mit denen ich aufgewachsen bin, spielten ausschliesslich Country-Musik. Das hat meine Art zu singen und zu schreiben massgeblich geprägt. Umgekehrt stand Nashville meiner Musik schon immer aufgeschlossen gegenüber. Wenige Wochen nachdem «Three Times a Lady» 1978 für die Commodores ein Hit wurde, spielte der Country-Sänger Conway Twitty eine eigene Version des Songs ein. Für mich waren die Genregrenzen also immer durchlässiger als für andere Künstler.

Mit dem Aufkommen des Fernsehens hat sich vieles verändert. Bis in die 60er-Jahre wusste man oft nicht, ob ein Künstler schwarz oder weiss war.
Es gibt diese Geschichte, wonach der Soul-Sänger Solomon Burke einmal vor einer Versammlung des Klu-Klux- Klan aufgetreten sein soll, weil die Mitglieder keine Ahnung hatten, dass er schwarz war. Wenn es nur um die Musik geht, gibt es keine Vorurteile: Israeli und Palästinenser, Katholiken und Protestanten, sie alle mögen die gleiche Musik. Und das gilt auch für die Staatsoberhäupter: Der libysche Machthaber Muammar al-Ghadhafi war zu Lebzeiten auch ein Lionel-Richie-Fan.

Sie sind im arabischen Sprachraum sehr populär. Woran liegt das?
Sicher nicht an gutem Marketing, da meine Platten dort lange nicht erhältlich waren. Aber als die Alliierten Truppen 2003 in den Irak einmarschiert sind, haben die kleinen Händler in Bagdad ihnen meinen Song «All Night Long» sozusagen als Friedensgruss entgegengeschmettert. Heute trete ich in vielen arabischsprachigen Ländern auf, wobei die Umstände sehr unterschiedlich sind: In Bahrain kann ich problemlos Konzerte bestreiten, aber in Saudiarabien liegt mehr als ein Hauskonzert für geladene Gäste nicht drin. Scheinbar lassen die Gesetze dort grosse Menschenversammlungen nicht zu.

Wenn wir schon bei der Weltpolitik sind: Wie stehen Sie denn nach sechs Jah
ren zur Präsidentschaft von Barack Obama?
Meiner Meinung nach macht Obama auch in seiner zweiten Amtszeit einen guten Job. Trotz den Attacken, die aus dem In- und Ausland auf ihn niederprasseln, bewahrt er Haltung und eine ruhige Hand. Man darf nicht vergessen, mit welchen Problemen er konfrontiert wurde, als er ins Weisse Haus kam: Abgesehen von der Rezession, die damals vor der Tür stand, gab es noch einige Kriege, die ihm seine Vorgänger vermacht hatten. Ein geringerer Mann hätte diesen schwierigen Job gleich John McCain überlassen. Für den Präsidenten der Vereinigten Staaten ist die Weltlage seither nicht einfacher geworden: In Syrien wird Obama in einen Konflikt hineingezogen, für den es keine einfache Lösung geben kann.

In England sind Sie aktuell in einer TV-Werbung für Pommes Chips zu sehen. Hat Lionel Richie solche Auftritte nötig?
Meine Teilnahme hat viel mit dem Humor zu tun, der in diesem Spot steckt. Als die Werbeleute zu mir kamen, wollte ich nichts von ihren Ideen wissen. Einfach dazusitzen und meinen Song «Say You, Say Me» zu spielen, fand ich langweilig. Dazu kam, dass die Werber mich dauernd als Ikone bezeichnet haben, davon wurde mir beinahe übel. Als ich erfuhr, dass der Fussballer Gary Lineker mich am Ende aus dem Fenster werfen sollte, weil die Ikone Lionel Richie seine Pommes Chips nicht mit ihm teilen wollte, war ich begeistert. Für eine Selbstdemontage und ein bisschen Slapstick bin ich immer zu haben.

In diesem Spot verunstalten Sie Ihre eigene Ballade. Gehen Sie da nicht etwas grob mit den Gefühlen Ihres Publikums um?
Vor dreissig Jahren hätte ich so etwas sicher nicht gemacht. Da war mir die künstlerische Integrität meines Reper toires heilig: Als die Sportmarke Nike den Beatles-Song «Revolution» in einer Werbung verwenden durfte, war das für mich so etwas wie ein Sakrileg. Seither hat sich vieles verändert. Als Musiker hat man heute kaum eine andere Möglichkeit, um seine Songs unter die Leute zu bringen: «Say You, Say Me» vierzigmal pro Tag am britischen Fernsehen gespielt zu kriegen, und sei das nur in einer Werbung, das ist eine Chance, die ich mir nicht entgehen lassen kann.

Sie machen sich den technischen-kulturellen Wandel also zunutze. Erleben Sie auch dessen Schattenseiten?
Aber sicher tue ich das. Früher sah man mich nur, wenn ich in einer Stadt aufkreuzte, um ein Konzert zu geben. Heute begleitet mich Youtube auf Schritt und Tritt. Wenn ich im Restaurant sitze, ist immer jemand da, der mich mit dem Handy abknipst. Wenn ich auf einer Hoteltreppe stürze, kriegt das bestimmt eine halbe Million Menschen mit. Diese Allgegenwart des Internets ist irgendwie durchgeknallt, sie bedeutet aber auch, dass ich zu dem stehen muss, was ich in der Öffentlichkeit tue. Ein Versteckspiel mit den Medien, wie ich es früher betrieben habe, kann es keines mehr geben.

Hallenstadion, Zürich. 
Wallisellenstrasse 45. 23. März 2015, 20 Uhr.
 www.abc-production.ch

Erstellt: 20.10.2014, 13:33 Uhr

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