Grooven in Frieden

Wenn internationale Künstler in der Schweiz stranden, ist oft die Liebe schuld. Im Falle des Schlagzeugers Billy Cobham war es die Gruppe Village People. Jedenfalls so ungefähr.

Eine internationale Karriere von Schüpfen aus zu managen, ist für Billy Cobham, den einstigen Abgott der hippen New Yorker Jazzszene, kein Problem.

Eine internationale Karriere von Schüpfen aus zu managen, ist für Billy Cobham, den einstigen Abgott der hippen New Yorker Jazzszene, kein Problem. Bild: Valérie Chételat

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Billy Cobham möchte den Chronisten nicht in seinem Haus in Schüpfen empfangen - zu gross sei die Unordnung. Er schlägt als Alternative den nahe gelegenen Bären vor. Hier werden am Mittag «Fleischchügeli mit Kartoffelstock» serviert, ein paar Handwerker sinnieren über die Strapazen ihres Gewerbes. Als der stattliche Herr in einer grauen Jogging-Kapuzenjacke den Gasthof betritt und eine Suppe bestellt, wechselt das Personal prompt von urigem Berndeutsch in tadelloses Englisch.

Man kennt ihn hier, den Herrn Cobham. Diesen Mann einmal im Seeland zum gemütlichen Suppenessen zu treffen, daran war Anfang der Siebzigerjahre nicht zu denken. Billy Cobham war ein kleiner Abgott der hippen New Yorker Jazzszene. Er war dabei, als Miles Davis seine revolutionären Alben «Bitches Brew» und «A Tribute to Jack Johnson» einspielte. Er war dabei, als der Gitarrist John McLaughlin sein hippieskes Mahavishnu Orchestra gründete und entfesselte Jazz-Orgien auf Tonträger bannte, und er setzte mit seinem Album «Spectrum» 1974 selber einen Meilenstein in die Musikwelt. Kurz: Billy Cobham war einer der Schrittmacher, als die Rockmusik, das Hippietum und der Jazz eine wilde Ehe zu dritt eingingen.

Billy Cobham spricht gerne über diese Zeit, über den Enthusiasmus, die Aufbruchstimmung, die damals geherrscht habe. Dass sie dabei waren den Jazz zu revolutionieren, war den jungen Wilden damals nicht bewusst: «Es ging einfach darum, den Moment zu nutzen und mit all diesen wunderbaren Musikern zu spielen», sagt Billy Cobham.

Gedanken ans Aufhören

Doch wie kommt ein solcher Draufgänger dazu, sich im eher geruhsamen Schüpfen niederzulassen? Warum ist er diesem kreativen Dorado entflohen? Und was haben die Village People damit zu tun? «Ich hatte Ende der Siebzigerjahre in den USA das Gefühl, gegen eine Wand zu laufen», erzählt Billy Cobham. Die Musik nahm eine Wendung, die ihm nicht gut bekam, die Discowelle erreichte ihren Höhepunkt, und New York wurde immer hektischer und roher. «Ich brauchte Entschleunigung. Und ich brauchte Zeit, mich zu besinnen, was ich kann und was ich wollte. Ich stellte mir gar die Frage, ob es nicht besser sei, mit dem Schlagzeugspielen aufzuhören und Postbeamter zu werden, wenn die Leute tatsächlich Sachen hören wollten wie diesen ‹In the Navy›-Quatsch.»

Billy Cobham hatte für sechs Wochen in Europa zu tun, schlug die «International Herald Tribune» auf, und stiess auf eine Wohnung in Zürich. Er rief an, mietete die Wohnung und dachte, dass er nach sechs Wochen wieder abhauen könne - das Wesen schweizerischer Mietverträge war ihm nicht bekannt. Doch er blieb. «Ich fand meinen Frieden, es war, als würde eine Last von meinen Schultern fallen», konstatiert er. Er begann zu touren, vornehmlich in Deutschland und zog Anfang der Nullerjahre für drei Jahre ins Berner Breitenrainquartier. Und nun also Schüpfen. «In New York hatte ich immer das Gefühl, da sei zu wenig Raum, zu wenig Zeit. Hier habe ich von beidem zur Genüge.» Eine internationale Karriere von hier aus zu betreiben, sei kein Problem, dafür gebe es das Internet, Berndeutsch spreche er «es bitzeli», ein wenig stören würden ihn nur die Kirchenglocken, die hier jede Stunde läuten.

Keine Lust auf die «Jazz-Polizei»

Er sei gar nicht viel da, oft auf Tournee, und wenn er zu Hause sei, schreibe er oder spiele Schlagzeug im gut isolierten Keller. Etwas nachdenklich wird er, wenn das Gespräch auf die Berner Jazzszene fällt. «Ich kenne praktisch niemanden», sagt er. Einmal habe man ihn angefragt, ob er als Lehrer an der Swiss Jazz School arbeiten möchte.

«Ich sagte, es wäre mir eine Ehre, doch schon am nächsten Tag wurde das Angebot wieder zurückgezogen. Es gäbe da jemanden, der meine Musik nicht möge. Das hat mir die Lust genommen, mich weiter darum zu kümmern. Mit der Jazz-Polizei will ich nichts zu tun haben.» Sagt er, als der Bären-Wirt vorbeikommt, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen: «Everything is wonderful», antwortet er und hebt zufrieden den Daumen. (Der Bund)

Erstellt: 14.08.2013, 08:13 Uhr

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