Gruselige Nummern aus dem Folk-Kabinett

In diesem Doppelkonzert passte nichts zusammen: Bob Dylan und Mark Knopfler traten am Mittwoch in Zürich auf.

Mal Entertainer, mal greller Narr: Bob Dylan auf Tournee, hier im Sommer in Tel Aviv.

Mal Entertainer, mal greller Narr: Bob Dylan auf Tournee, hier im Sommer in Tel Aviv. Bild: Keystone

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Vielleicht müssen sie am nächsten Tag früh raus, oder sie wollen das Auto vom Parkplatz holen, bevor das alle anderen auch tun. Wahrscheinlicher aber ist, dass sie diese Stimme nicht mehr ertragen. Diese Stimme, die keineswegs so klingt, als komme sie aus einem Grab. Sondern wie das Grab selbst. Die Stimme gehört Bob Dylan, dem «Alten», wie ihn die Fans gerne nennen.

Vor Dylan gab an diesem Abend schon Mark Knopfler sein Konzert, der ehemalige Kopf der Gruppe Dire Straits – 11 000 Zuschauer sind gekommen, vielleicht auch im Missverständnis, die Musik des 70-jährigen Amerikaners und des 62-jährigen Briten würde dann schon irgendwie zusammenpassen – schliesslich hat Knopfler zwischen 1979 und 1983 auf ein paar Platten von Bob Dylan mitgewirkt und auf «Blind Willie McTell», einer von Dylans besten Aufnahmen, die Gitarre gespielt. In Wahrheit aber passt in diesem Doppelkonzert gar nichts zusammen – ausser vielleicht, dass Knopfler gar nicht weiter auffällt, als er nach seinem eigenen Auftritt für vier Songs zur Band von Dylan stösst. Beide spielen sie Blues und Folk, im Wesentlichen. Aber es liegen Welten dazwischen, wie sie das tun.

Die ganze späte Karriere von Mark Knopfler zielt in die traditionelle Musik. Noch immer wird die Musik füllig mit Synthesizern und Keyboards ausgestopft, und wenn ein Song mal an der akustischen Gitarre beginnt, kann man sicher sein, dass spätestens im Refrain die siebenköpfige Band einfällt wie das «Schöner wohnen»-Team in der Waldhütte. Es mag paradox klingen, aber was man sich im Konzert von Mark Knopfler wünscht, das sind weniger und womöglich auch weniger virtuose Musiker. Solche, die den Folk nicht mit der Pinzette spielen, sondern auch mal mit dem Zweihänder. Der Grund, warum Knopfler das nicht zulässt: Er hat nicht nur das Stadion, er hat auch die Dire Straits nie wirklich verlassen.

Laut und unübersichtlich

Kein Wunder, verirren sich die Anhänger von Mark Knopfler – und nicht nur sie – schon bald im labyrinthischen Folk- und Bluesrock, den danach Dylans fantastische Band ausspuckt. Der harte Groove stösst einen unerbittlich in diese Songs hinein, und die Gitarren schlingern und schlackern einem um die Ohren. Es ist laut und unübersichtlich hier, im Innern des Folk, es herrscht ein impertinentes, grossartiges Geheul.

Die Band tritt federnd die Türen zu den einzelnen Szenen ein, und daraus lärmen Stimmen. Das funktioniert prächtig, wie Dylan hier seine eigenen Songs in neuen Arrangements als komische oder gruselige Nummern aus dem Folk-Kabinett präsentiert: im unfassbar gemeinen Blues von «Honest With Me», in den haarsträubenden Tempowechseln von «Highway 61 Revisited» oder in «Mississippi», in dem die kreischende Orgel den durchs Blues-Land irrenden Protagonisten begleitet wie ein höhnisches Lachen.

Doch immer, wenn man selbst lachen möchte, erinnert einen diese tiefe, hohle Stimme wieder daran, was die Folk-Musik schon immer wusste: Die Welt ist verrückt geworden, und nur das Ende ist sicher. Kein Wunder, beeilte sich mancher zum Parkplatz, sein Auto zu finden.

Erstellt: 18.11.2011, 08:45 Uhr

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