Harmonie ist eine schlechte Strategie

Brian Burton alias Danger Mouse will nicht immer im gleichen Bandsaft schmoren: Nach seinem Welterfolg mit Gnarls Barkley will er jetzt im Schlafzimmer Musik machen. Mit den Broken Bells darf er das.

Brian Burton (l.) und sein Kumpel James Mercer teilen alles, auch die Wohnung.

PD

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Glück gehabt, Brian Burton ist am Apparat. Es ist fast halb elf Uhr nachts, als er aus Los Angeles anruft, und später wird der Musikproduzent, den die Welt als Danger Mouse kennt, noch einige Zeit damit verbringen, in der Romandie die falschen Journalisten aus dem Bett zu klingeln. Der arme Pressemann von Sony USA hat die Nummern verwechselt. Ja, im Musikbusiness 2.0 ist es auch mit der Promotion nicht mehr so einfach, wie es einmal war; da kennt sich offenbar niemand mehr mit einfacher Telekommunikation aus, und auch daran ist natürlich das Internet schuld.

Erfolg trotz Krise

Jetzt gehört Brian Burton, Jahrgang 1977, aber zu den Leuten, die es inmitten der grössten Krisenjahre des Musikgeschäfts zu Berühmtheit und Einkommen gebracht haben. Seine Aufträge sind illuster, er hat Platten der Gorillaz oder von Beck produziert. Ausserdem stand er 2006 mit Gnarls Barkley und «Crazy» wochenlang in den Hitparaden; mit einer Band also, die sich, wie sie erklärte, trotzdem «nicht als Teil der Musikindustrie» versteht.

Oder verstand. Gefragt, ob das erfolgreiche Duo mit ihm und dem Sänger und Rapper Cee-Lo überhaupt noch existiert, druckst Brian Burton am Telefon ein wenig herum. Schliesslich ist er am Apparat, um Broken Bells zu bewerben: Seine neue Band mit James Mercer von The Shins bringt am Freitag ihr erstes Album heraus und ist als längerfristiges Unternehmen gedacht. Es werde bestimmt eine Tournee und eine zweite Platte geben, so Burton. Gnarls Barkley hingegen mache mal «Pause», Cee-Lo arbeite an einem Soloalbum.

Die Band als Projekt

Das Modell erinnert an Jack White, der seine Karriere ja auch auf verschiedene Bands – The White Stripes, The Dead Weather und die Raconteurs – verteilt und daneben die Platten anderer Musiker produziert. Nebst den guten künstlerischen Gründen, die dafür sprechen, nicht immer im gleichen Bandsaft zu schmoren: Ist das auch eine clevere Strategie, im krisengeschüttelten Popgeschäft zu überleben? «Ach, ich weiss nicht», sagt Brian Burton. Es stimme zwar, dass immer mehr Musiker nicht bereit seien, sich mit Haut und Haar einer einzigen Band zu verschreiben. «Aber ich glaube nicht, dass das mit der Krise zu tun hat. Eher damit, dass die Popmusik vom Hiphop und vom Jazz gelernt hat: Da gibt es dieses Prinzip schon lange, dass jeder bei jedem mitspielt.»

James Mercer hat Burton vor sechs Jahren am Roskilde Festival in Kopenhagen kennen gelernt. «Was mich sofort für ihn einnahm, war seine Stimme: Sie ist sentimental, aber über einem sehr dunklen Grund.» Mercer singt zwar in strahlend weissen Harmonien; trotzdem könne man auch «Soul» dazu sagen, meint Burton. Ein erster Song von Mercer/Burton tauchte letzten Sommer auf «Dark Night of the Soul» auf – einem Album, das Burton mit Mark Linkous (von Sparklehorse) konzipiert hatte, das freilich von der Plattenfirma EMI bis heute zurückgehalten wird und nur auf dem Internet zugänglich ist.

Auch diese leidige Affäre zeigt aber, dass sich Burton ganz gern in der Nähe der Plattenmultis, also der Musikindustrie bewegt: Gnarls Barkley werden von Warner verkauft, Broken Bells von Sony, und auch als Produzent arbeitet Danger Mouse immer wieder mit dem Geld der grossen Konzerne. Sein Ruf als Guerillero der Internet-Ära ist trotzdem unzerstörbar, seit er 2004 für sein «Grey Album» das «Black Album» von Jay-Z und das «White Album» der Beatles als Remix zusammenführte.

Die Aktion war illegal, zeigte aber, wozu ein Sampler im neuen Jahrtausend in der Lage war. Und legte, auf der organisatorischen Seite, die Potenz des Internets offen: Brian Burton selber schätzt, dass das «Grey Album» bis heute weit über eine Million Mal vom Internet heruntergeladen worden ist. Viele Menschen lieben das Album für seine angebliche Subversion der Musikindustrie, sagt er, «dabei hatte ich es damals nur gemacht, um die Samplingszene zu beeindrucken.»

Durchs Zeit-Stil-Kontinuum

Dass Brian Burton die Macht der Industrie und die Mythen des Internets zu einer erfolgreichen Karriere sampelt, das kann man zynisch nennen. Besser aber konsequent: Ist es doch das Markenzeichen dieses Künstlers, die Demarkationslinien im Pop nicht nur zu überspringen, sondern durch Klang aufzuheben. In seinen Produktionen verschwimmen nicht nur schwarze und weisse Musik, sondern auch krispe Dissidenz und knackiger Kommerz.

Noch verblüffender an seinen Arbeiten ist nur, wie sie das Zeit-Stil-Kontinuum der Popmusik anhalten. Das Problem, dass sich Pop heute vor allem in Zitaten und Revivals organisiert, packt Danger Mouse an, indem er die Zitate und Revivals einfach ineinander auflöst. Wie er das macht? Mal abgesehen davon, dass er die fülligen Vintage-Klänge, die er aus seiner Sammlung an altem Analoggerät generiert, mit der Schneidewut des Samplingvirtuosen bearbeitet: Bei Burton knistern Drum-'n'-Bass-Muster, als habe er sie in einer alten Bluesrappelkiste gefunden, und umgekehrt zischt ein Funk-Clavinet wie eine saure Acid-House-Fanfare.

Das erklärt, warum die Samplingorgie von «St. Elsewhere» (Gnarls Barkley, 2006) viel älter klingt, als sie es nach technischem Ermessen sein kann; und warum der diesige Britpop von The Good, the Bad and the Queen (2007) zugleich klassisch und topaktuell ist. Danger Mouse enthebt Musik ihrer Zeit, das macht ihn zum perfekten Klangdesigner für unsere zeitlosen Zeiten.

So hat auch der Pop der Frühzeit nie getönt, wie er es auf dem Debüt der Broken Bells jetzt tut. Obwohl Burton für die zehn Songs dieser Platte den Sampler nicht angerührt hat, ist das Prinzip dasselbe geblieben: Die Begeisterung für den Pop der frühen Sechzigerjahre, die diese Songs antreibt, ist nach zeitgerechter Handwerkssitte, aber auch à la mode du jour verputzt – mit einer luziden Schicht aus der Disco und dem Softpop der Siebziger-, dem Elektropop der Achtziger-, dem Spielkonsolenklang und der Beatkultur der Neunziger- sowie natürlich dem Retrochic der Nullerjahre. Die Patina, die man hört, ist ein Kunstprodukt – und paradoxerweise das Frischeste an dieser Musik.

Das Ergebnis ist hübsch und gefällt sofort. Dieser weichgezeichnete Pop ist auf vertraute Weise schwermütig, dabei aber auch verführerisch und elegant. Und einmal mehr verdankt es sich Burtons vereinender Kunst, wenn einem ob all der musikalischen Verweise nicht schwindlig wird. Dass es einem aber gleich so gemütlich werden muss?

Eine lässige Zeit

Diese Platte leidet etwas darunter, dass sie klingt, wie Burton über sie spricht: dass James Mercer und er auf Basis eines sehr ähnlichen Geschmacks alle Songs gemeinsam komponiert und eingespielt hätten; dass Mercer für die Aufnahmen sogar in seine Wohnung gezogen und es überhaupt eine lässige Zeit gewesen sei. «Das ist, was ich im Moment machen will», so Burton, einer der grossen Samplingkünstler unserer Zeit: «Instrumente spielen, ein Songwriter sein und die Musik im Schlafzimmer mit einem Vierspurgerät aufnehmen.»

Das Problem heisst also: Harmonie. Jeder Song ist eine Preziose und rutscht melodiös ins Ohr. Über das ganze Album aber verschwimmen die Konturen; fast ist es, als seien es nun die Lieder, die sich ineinander auflösen, und zurück bleibt ein etwas blasser Klangkörper. Brian Burton hat in seiner Musik viele Gegensätze aufgehoben. Wo es nun aber nichts aufzuheben gab, klebt ihm die Harmonie gut hörbar an den Starproduzentenhänden.

Broken Bells: Broken Bells (Sony). Ab 5.3.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.01.2014, 15:44 Uhr

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