Hippies auf dem Berner Hausberg

Heute beginnt das 35. Gurtenfestival: professionell organisiert, kommerziell ausgerichtet. Beim allerersten Festival 1977 wollten hingegen Idealisten ein kleines Woodstock ins Leben rufen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In einer Sommernacht in den Siebzigerjahren verschlug es die beiden Berner Musikfreunde Daniel Leutenegger und Ueli «Chita» Fricker nach einem Konzertbesuch auf den Gurten. Rauf aus der Stadt fanden sie sich unter Sternenhimmel auf dem grasigen Gipfel des Berner Hausbergs wieder. Da hatten Leutenegger und Fricker die Eingebung: «Hier machen wirs.»

Die beiden jungen Männer wollten schon länger ein Musikfestival veranstalten. Leutenegger und Fricker gehörten zur alternativen Szene Berns, die sich in der Mahogany Hall traf. Fricker war bereits bei den Folkfestivals auf der Lenzburg involviert gewesen, Leutenegger war Musikjournalist. Als Veranstalter von «richtigen» Open Airs waren sie aber Neulinge: «Wir wollten von Anfang an etwas Grosses auf die Beine stellen, hatten aber so gut wie null Erfahrung», sagt Leutenegger. «Kenner hatten uns gesagt, wenn wir Glück hätten, kämen vielleicht 700 Menschen.»

Festival-Mitgründer Daniel Leutenegger, Bild: Adrian Moser

Am 2. und am 3. Juli 1977 fand dann das ambitiös benannte «1. Internationale Folkfestival Bern-Gurten» statt. Gleich zum Auftakt kamen 10’000 Leute auf den Berg. Überfordert sei man jedoch nicht gewesen, erinnert sich Leutenegger: «Es lief erstaunlich stressfrei.»

Volksmusik mal anders

Die erste Auflage des Gurtenfestivals stand ohnehin im Zeichen des lockeren, weltoffenen und leicht benebelten Idealismus der Hippie-Zeit. Zwar konnte man ein Ticket kaufen, das Festivalgelände war aber frei zugänglich; einen Zaun gab es nicht. Besucher wurden dazu aufgerufen, für die Verpflegung vor Ort eigenes Geschirr mitzubringen. Auf den Hausberg lockte kein rein musikalisches, sondern ein vielfältiges – und oft bewusstseinserweiterndes – Programm.

Da gab es Workshops zum Instrumentenbau, Theatervorführungen, Märchenstunden mit dem Berner Mythenforscher und «Schamanen» Sergius Golowin sowie surreale Happenings, wie man sie etwa vom Woodstock-Festival kannte. So schlüpften Dutzende Festivalgänger in ein riesiges gebasteltes Tausendfüsslerkostüm oder liessen bei Sonnenuntergang einen Schwarm Himmelslaternen in die Luft steigen. «Die Stimmung war toll», erinnert sich SP-Grossrat Luc Mentha, der damals mit dem Schweizer-Folk-Trio Hostettler, Diem und Mentha auftrat. «Alles war sehr familiär.» Daniel Leutenegger spricht von einer entspannten Atmosphäre. «Die Stimmung war lebensbejahend und lustig, die Leute waren wach, verträumt, verspielt, nachdenklich und engagiert.»

Gesellschaftliches, gar politisches Engagement war einer der Leitgedanken der Gurten-Gründer. Die Ticketeinnahmen gingen an den WWF und an den Renovationsfonds der Mahogany Hall. Während des Festivals gab es Vorträge über Frauenrechte oder fairen Handel. «Wir waren für Gleichberechtigung, gegen AKWs und so weiter», sagt Leutenegger. Indem man den Schwerpunkt auf Volksmusik legte, wollte man ein Stück Kultur zurückerobern, das zu lange mit der politischen Rechten assoziiert worden war. «Mit dem Festival setzten wir uns für eine Volksmusik ein, die allen gehört, nicht nur den Nationalisten», sagt Leutenegger. Entsprechend stiessen 1977 bei den jungen Hippies auf dem Gurten die nicht gerade psychedelischen Klänge der Schwyzerörgelifründe Bärn auf offene Ohren.

Kritische Geister

Auch Luc Mentha wollte die Musik der Schweiz neu entdecken. «Wir spielten auch Volksmusik, aber nicht die herkömmliche, die am Sonntagabend im Schweizer Fernsehen zu hören war», sagt er. Sein Trio habe sich ungewöhnliche Stücke wie etwa Antikriegs-Songs oder schöne Balladen ausgesucht. «Zudem spielten wir Berner Protestsongs, gegen den Bau der Autobahn durch den Bremgartenwald zum Beispiel.» Musik und politische Überlegungen habe man vereinen wollen. «Man muss das im Zusammenhang mit der Bewegung von 1968 sehen», sagt Mentha. «Wir waren kritische Geister.» Laut Leutenegger sollten auf dem Gurten neben den politischen auch die musikalischen Horizonte des Publikums erweitert werden. Grosse Namen seien nicht die Hauptsache gewesen, sondern die Förderung und Vermittlung von guter Musik. Spontan auftretende Rasenmusiker verkörperten die Idee eines offenen musikalischen Zusammenkommens. «Wer mit einem Instrument antrabte, durfte gratis hinein», sagt Leutenegger. Einer davon sei Claude Nobs gewesen, der inzwischen verstorbene Leiter des Montreux Jazz Festival und Mundharmonika-Spieler.

Gegenteil von Bacardi-Dome

Mehr Weltstars, weniger Mitmachgefühl: Das heutige Gurtenfestival unterscheidet sich deutlich von den damaligen Folkfesten. Das ehrenamtlich geleitete Nonprofit-Open-Air, das Leutenegger und Fricker auf die Beine gestellt hatten, fand noch sieben Mal statt, bevor es wegen finanzieller Schwierigkeiten 1987 eingestellt werden musste. Die Neuauflage kam 1991: umzäunt, gesponsert und entschieden weniger folkig. «Das heutige Festival ist kommerziell gestaltet, aber ich finde es immer noch eine tolle Sache», sagt Mentha.

Daniel Leutenegger geht ebenfalls noch heute ans Gurtenfestival, wenn auch nur ab und zu. «Es ist ja auch nicht mehr für Leute wie mich gemacht», sagt er. Es freue ihn, dass das Festival noch Musik für junge Leute biete und in der Musikwelt einen guten Namen habe. Dennoch vermisst er den Ethos der ersten Festivals: «Mir fehlt ein wenig das Programm für ein vorurteilsloses, neugieriges Publikum, dem kostbare Trouvaillen präsentiert werden, und Sachen wie BKW-Zelt und Bacardi-Dome sind so ziemlich genau das Gegenteil von dem, was wir gewollt und gemacht haben.» Zu seinem Gurtenfestival sagt er aber stolz: «Wir hatten die Frechheit, etwas zu wagen. Viele erzählen mir noch heute, es habe ihr Leben verändert.»

Am Mittwoch geht es wieder los mit dem Gurtenfestival. Wir suchen Ihre schönste Festivalerinnerungen. Was bedeutet das Festival für Sie? Diskutieren Sie mit im «Stadtgespräch». (Der Bund)

Erstellt: 11.07.2018, 11:13 Uhr

Jeden Tag live dabei

Funktioniert das Cashless-System oder herrscht Finanzkrise? Löst das neue Bühnenkonzept das Platzproblem oder sorgt es für Verwirrung? Sind Open Airs ein Auslaufmodell? Während der vier Festivaltage richtet der «Bund» auf dem Gurten eine Aussenredaktion ein und geht diesen Fragen nach. Natürlich haben wir das Musikprogramm stets im Ohr und liefern Videos und Bilder für alle Daheimgebliebenen. (mer)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Blogs

Politblog Veloweg-Verbot für Elektro-Töffs!

Wettermacher Warum Skandinavien so lange unter Hitze leidet

Die Welt in Bildern

Dürre: Ein Teich in der Nähe der texanischen Ortschaft Commerce ist vollständig ausgetrocknet. Für die nächsten zehn Tage werden in der Region Temperaturen von mehr als 37.7 Grad erwartet. (16.Juli 2018)
(Bild: Larry W.Smith/EPA) Mehr...