«Ich bin nicht mehr Teil dieser Maschinerie»

Der Sänger, Songwriter und Gitarrist Mark Knopfler hat seit dem Ende der Dire Straits eine neue Sicht auf das Leben gefunden – was auf seinem neuen Solo-Album «Tracker» zu hören ist.

Er sei ein Fährtenleser, sagt Mark Knopfler. «Ich versuche, die Spuren der Zeit zu erfassen.» Foto: Universal Music

Er sei ein Fährtenleser, sagt Mark Knopfler. «Ich versuche, die Spuren der Zeit zu erfassen.» Foto: Universal Music

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie haben früher Englisch ­unterrichtet, ich würde gerne mit einer Frage an den ­Literaturinteressierten beginnen.
Ich bin kein Literaturkenner, ich lese nicht mehr als der Durchschnittsbürger. Aber fragen Sie ruhig.

Kennen Sie den Roman «Die Entdeckung der Langsamkeit» von Sten Nadolny?
Nein. Nie gehört. Wieso fragen Sie?

Er handelt von dem englischen Marineadmiral und Nordpolforscher  John Franklin. In allem, was er machte, war er immer sehr langsam.
Sie meinen, so langsam wie ich? (lacht)

In dem Roman erkennt Franklin, dass er wegen seiner Langsamkeit mehr erreicht als andere. Die Songs Ihres neuen Albums «Tracker» sind Oden an die Langsamkeit. Spielen Sie gegen die Hektik unserer Zeit an?
Wahrscheinlich schon. Wie heisst der Autor noch mal?

Sten Nadolny. Der Roman ist auch auf Englisch erschienen.
In jedem Fall ein interessanter Titel. Ich mag Langsamkeit. Ich mag heute auch eine andere Dynamik in meinen Konzerten. Du kannst nicht mit Vollgas anfangen, du musst einen Weg vor dir sehen, das Konzert mit den Liedern langsam aufbauen. Am Ende springt meist eh der ganze Saal auf und ab. Man steuert immer auf diesen Höhepunkt zu. Sagen wir so: Ich bin heute in anderen Geschwindigkeiten unterwegs.

Sie hatten lange ein Vollgasleben, auf dem Höhepunkt Ihres Ruhms mit den Dire Straits fuhren Sie ­nebenbei noch Autorennen. Warum haben Sie keine Lust mehr auf das Leben auf der Überholspur?
Die Leidenschaft dafür fehlt mir inzwischen völlig. Ich habe auch nicht mehr genug Zeit für diese Hobbys. Ich versuche dennoch, solche kindlichen Impulse lebendig zu halten. Ich habe als Kind beispielsweise sehr gern gezeichnet. Statt in der Schule zu lernen, habe ich Bilder unter dem Tisch gemalt. Und was ich damals gemalt habe, gefällt mir bis jetzt.

Was haben Sie gemalt?
Gitarren, Autos und Motorräder. Wissen Sie, das Wichtigste ist für mich heute, dass ich mich noch begeistern kann. Wenn ich zur Probe komme und die Instrumente sehe, die dort darauf warten, dass sie sich jemand greift und losspielt – dann ist das immer wieder aufregend, stimulierend.

Sie haben lange als Journalist ­gearbeitet. Können Sie sich noch an Ihren ersten Artikel erinnern?
Nein. Anfangs durfte ich sowieso nur kleine Meldungen schreiben. Aber ich hatte ja schon ein bisschen Training durch meine Collegekurse. Und ich habe schnell gelernt. Die Redaktion hat mich als Volontär schnell zur Berichterstattung ins Rathaus von Leeds geschickt. Ich habe auch eine Menge Gerichtsreportagen geschrieben. Das war ein gutes Training für das Songwriting, mit dem ich erst später anfing.

Inwiefern?
Als Reporter schrieb ich ständig Geschichten aus dem wahren Leben. Journalisten müssen das Leben kondensieren, Geschichten in wenigen Zeilen erzählen können. Songwriting ist ein bisschen wie Artikelschreiben. Einige Artikel sind später zu Songs geworden. Einmal bekam ich den Auftrag, die Mitglieder einer Pantomimegruppe in einem Theater zu interviewen. Daraus entstand der Song «One More Matinee», den ich allerdings erst viel später, im Jahr 2000, auf meinem Soloalbum «Sailing to Philadelphia» veröffentlichte. Damals als Reporter wurde mir erstmals klar, dass ich ernsthaft angefangen hatte, Songs zu schreiben. Bis dahin hatte ich mich nur als Gitarristen gesehen, der sein Instrument lausig beherrscht.

Was gab den Ausschlag, mit dem Journalismus aufzuhören?
Als Journalist musst du tough sein. Du musst Druckerschwärze in deinen Adern haben. Ich war mir nicht sicher, ob ich dafür der Richtige war.

Haben Sie über Musik geschrieben?
Ein bisschen. Die ernsthaften Musikbesprechungen übernahm jedoch ein Redaktor, der etwas älter war als ich. Hin und wieder liess er mich einen Einspalter über ein Album schreiben. Aber nie viel mehr.

Sie haben als Journalist also keinen aufstrebenden Musiker in Leeds entdeckt?
Nein. Aber ich habe einen Nachruf auf einen ganz Grossen geschrieben. Kurioserweise war das der letzte Artikel, den ich für die «Evening Post» schrieb. Ich erinnere mich noch genau daran: Ich sass gerade in einem Büro des Rathauses. Ich hatte bereits den Entschluss ­gefasst, mit dem Journalismus aufzuhören, um an der Uni zu studieren, und überlegte gerade, wie ich das meinen Kollegen am besten sagen könnte. Dann klingelte das Telefon, Jeff aus der Nachrichtenredaktion war dran: «Hallo, Mark, bist du das? Dieser Bursche ist gestorben, Jimi Henderson oder Hendrix.» «Oh nein», stöhnte ich und war schockiert. «Wie auch immer», sagt er, «er ist tot, ich stell dich gleich zur Telefonaufnahme durch.» «Nein, Jeff, warte mal, gib mir wenigstens ein paar Minuten.» «Beeil dich aber, wir drucken gleich. Ruf mich in zwei Minuten zurück, dann lieferst du uns was für die Abendausgabe, okay?»

Sie haben einen Nachruf auf Jimi Hendrix in nur zwei Minuten ­geschrieben? Das wäre selbst in ­digitalen Zeiten rasant.
Fragen Sie mich nicht, was drinstand. Ich habe irgendetwas über Hendrix zusammengetragen und durchs Telefon durchgegeben. Dann ging ich vom Rathaus zur Redaktion, sagte «Goodbye» zu allen und verliess die Zeitung. Für ­immer.

Musiker sind Sie dann aber immer noch nicht geworden. Nach dem Studium haben Sie noch mehrere  Jahre als Englischlehrer gearbeitet.
Ich hatte zu dem Zeitpunkt aber schon versucht, meinen Lebensunterhalt mit Musik zu verdienen – das hatte nur nicht geklappt. Ich hatte eine Menge unterschiedlicher Jobs. Als ich die Lehrerstelle bekam, war das ein Segen, der Job hat mein Leben abgesichert. Ich konnte mir eine Wohnung mieten, ein Auto, ein Motorrad kaufen. Und meine erste Fender Stratocaster.

Haben Sie die noch?
Was glauben Sie denn? Klar.

War das Unterrichten nur ein Job, weil Sie ja Geld verdienen mussten?
Die ersten zwei Jahre an der Schule haben mir Spass gemacht. Aber dann spürte ich, wie all die Songs, die ich in dieser Zeit geschrieben hatte, mir Druck machten. Ich sehnte mich danach, sie zu veröffentlichen, wollte eine Band zusammenstellen, um die Lieder live zu spielen.

Was für eine Art Lehrer waren Sie?
Ich hatte eine lange Mähne, bis über die Schultern, trug einen blauen Samtanzug und knallrote Basketball-Boots. Ich habe alle Schüler mit ihren Vornamen angesprochen. Und sichergestellt, dass alle ihre Prüfungen bestanden. In meiner Klasse hat es jeder geschafft.

Viele Ihrer neuen Songs handeln von der Zeit, von ihrem Verrinnen. Zu «Love and Jokes and Drinks and Smokes» ist im Booklet ein Foto zu sehen, das Sie als jungen Mann zeigt. Schauen Sie gerne zurück?
Das Foto stammt noch aus der Zeit, bevor es mit den Dire Straits richtig losging. Als wir versuchten, in die Gänge zu kommen, schliefen wir in unterschied­lichen Unterkünften irgendwo auf dem Boden. Ich singe davon, wie es war, jung zu sein, zu glauben, dass du unzerstörbar bist. Wenn du jung bist, musst du das glauben. Mir ging es bei diesem ­Album um etwas Grundsätzliches: Der Titel «Tracker» ist wörtlich wie im übertragenen Sinn zu verstehen: Ich bin der Fährtenleser, der versucht, die Spuren der Zeit zu erfassen. In meinem Alter erhält man eben eine andere Sicht auf die Zeit und das Leben.

Das Lied «Broken Bones» ist auch eine Metapher auf das Älterwerden.
Ein befreundeter Musiker sagte mir mal: «Dieser Scheiss mit dem Älterwerden ist nichts für Weicheier.» Da hat er recht. Ich habe jetzt aber nicht vor, nur noch solche Songs zu schreiben. (lacht) Es ist eine Momentaufnahme.

Sie haben neben Eric Clapton und Tom Petty an einem Tribute-Album für den verstorbenen J. J. Cale ­mitgewirkt. Er selbst hat den ­grossen Ruhm nie erlangt. Führte er ein Leben, vergleichbar mit Ihrem nach dem Ende der Dire Straits?
Sagen wir so: Ich habe heute wieder eine vernünftige Kontrolle über mein Leben. Über alles. Seit dem Ende der Dire Straits bin ich wieder ich, nicht mehr Teil dieser gigantischen Maschinerie. Es ist befreiend, heute auf Tournee zu gehen. Ich kann an freien Tagen Songs schreiben, wenn ich Lust dazu habe – was oft passiert. Ich bin nicht mehr Sklave meiner Arbeit. Und ich geniesse es, mich frei bewegen zu können.


Es gab mal einen obsessiven Fan aus Berlin, Rüdiger, der Ihnen so auf die Nerven ging, dass Sie ihn in einem Song verewigt haben. Passiert Ihnen so etwas heute noch?
Nein. Aber Rüdiger war wirklich gruselig, er wartete überall auf mich. Das geschah zu jener Zeit, als John Lennon ermordet worden war. Aber heute kann ich mich frei bewegen. Ich bin ja auch nicht mehr die ganze Zeit im TV.

Was ist eigentlich aus den ­berühmten Stirnbändern geworden, die Sie zu Dire-Straits-Zeiten trugen?
Die brauche ich nicht mehr. Damals haben sie mir geholfen, weil ich durch die Stirnbänder zu einer Art Kunstfigur wurde. Sobald ich sie abnahm, erkannte mich niemand mehr. Das war aber nicht der eigentliche Grund, warum ich sie trug. In den späten 70er- und den 80er-Jahren strahlten die Bühnenlampen eine enorme Hitze aus. In Clubs mit niedriger Decke wurdest du regelrecht gegrillt. Der Schweiss rann mir in Sturzbächen über mein Gesicht, stach mir in die Augen. Ich konnte den Gitarrenhals nicht mehr sehen. Wirklich übel. Das Stirnband half – als es dann digitale Lichtanlagen gab, brauchte ich das Stirnband nicht mehr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.05.2015, 16:30 Uhr

Mark Knopfler

Gitarrengott im Pensionsalter

Der 65-jährige Mark Knopfler stammt aus Glasgow, seine Eltern zogen aber, als er sieben war, ins nordenglische Blyth. Knopfler war Songwriter, Sänger und Gitarrist der
Dire Straits, einer der erfolgreichsten Bands der späten Siebziger- und Achtzigerjahre. 1978 erschien das unbetitelte Debüt der Band, mit dem Hit «Sultans of Swing». Bis 1991 erschienen fünf weitere Studioalben, von denen insgesamt rund 120 Millionen Exemplare verkauft wurden. «Brothers in Arms» von 1985 zählt zu den dreissig erfolgreichsten Platten der Popgeschichte, es warf Hits ab wie «Money for Nothing» oder «Walk of Life». Nach einer letzten Tournee mit den Dire Straits lancierte Knopfler 1996 seine Solo­karriere. Neun Alben sind erschienen, zuletzt «Tracker» (Virgin/Universal) in diesem Frühling. Daneben arbeitete Knopfler mit Emmylou Harris oder den Notting Hillbillies, er komponierte Filmsoundtracks und war als Produzent tätig. Die aktuelle Tournee führt ihn am 1. Juni nach Zürich. Knopfler ist verheiratet und lebt mit seiner Frau und zwei gemein­samen Töchtern in London. (TA)

Mark Knopfler

xxxx

Video

1978: Die Dire Straits mit «Sultans of Swing».

Video

1980: Die Dire Straits mit «Romeo and Juliet».

Video

1984, die grosse Zeit in den Stadien: Die Dire Straits live mit «Telegraph Road».

Video

1985: Die Dire Straits mit «Brothers In Arms».

Video

1993: Die letzte Tournee der Dire Straits, hier mit «On Every Street».

Video

1987, Vorbild und Fan: Mark Knopfler mit Chet Atkins.

Video

1990: Mark Knopfler mit den Notting Hillbillies und «Feel Like Going Home».

Video

2000: Mark Knopfler mit dem Titelsong seines zweiten Soloalbums «Sailing to Philadelphia».

Video

2015: Die Single «Beryl» vom neuen Album «Tracker».

Artikel zum Thema

Gruselige Nummern aus dem Folk-Kabinett

In diesem Doppelkonzert passte nichts zusammen: Bob Dylan und Mark Knopfler traten am Mittwoch in Zürich auf. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...