Interview

«Ich durfte der unbedeutende Idiot sein»

Dieter «Yello» Meier tritt mit seinem neuen Musikprojekt Out of Chaos erstmals in der Schweiz auf. Hier spricht er über Lampenfieber, Zufälle und sein Leben als Dilettant.

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Herr Meier, der Elektropop-Pionier tritt am Jazzfestival in St. Moritz auf. Was ist mit Ihnen passiert?
Ich singe lediglich eigene Lieder. Und das hat einen klaren Grund: Yello tritt nicht live auf, weil es sehr schwierig ist, diese Musik auf die Bühne zu bringen. Ausser meiner Stimme könnten wir kaum etwas live darbieten. Playback-Verfahren sagen meinem Musikpartner Boris Blank aber nicht zu.

Und so sind Sie auf die Idee gekommen, solo aufzutreten.
Nicht ganz. Ich stehe jeweils mit dem Gitarristen Nicolas Rüttimann und dem Geiger Tobias Preisig auf der Bühne. Es ist ein kleines Orchester, das mich beim Gesang meiner Lieder begleitet.

Kein Lampenfieber?
Oh doch, sehr viel. Ich war ja bisher bloss Studiomusiker und wusste nicht, ob ich die Töne live treffe.

Wie haben Sie zusammengefunden?
Wie fast alles in meinem Leben war das ein wunderbarer Zufall: Ich habe Tobias Preisig und Nicolas Rüttimann zum ersten Mal an einer Geburtstagsparty gehört. Ich war begeistert von dieser ungewöhnlichen Kombination von Gitarre und Geige. Daraufhin habe ich sie gefragt, ob sie interessiert wären, mit mir auf eine kleine Deutschlandtournee zu kommen.

Welches Publikum haben Sie angezogen?
Ein sehr gemischtes. Es gab Junge und Ältere und natürlich auch solche, die den Sänger von Yello hören wollten.

Sie präsentieren in der Show verschiedene Facetten von sich: Sie zeigen einen Film, singen und lesen. Welche Ihrer Performances kommt beim Publikum am besten an?
Schon die Lieder, die ich live singe. Da entsteht mehr Emotionalität, als wenn ich einen Text vorlese oder einen Film vorführe.

Sie kamen aber mit dem gesamten Programm gut an, oder?
Zum Glück, ja. Da wir nur sechs Lieder einstudiert haben, mussten wir uns nach dem heftigen Schlussapplaus immer entschuldigen, dass wir keine Zugabe haben, und haben stattdessen ein Lied nochmals gespielt.

Ihr Songprogramm heisst «Liquid Lies». Wie belügen Sie das Publikum?
Welches Programm heisst so?

Ihres. Zumindest gemäss Ankündigung des Festival da Jazz in St. Moritz.
Ah ja. Vielleicht habe ich den Titel einmal genannt und dann wieder vergessen. In Deutschland hiess die Tournee «Out of Chaos». Das ist eigentlich der bessere Titel.

Aber ist das nicht der Titel Ihres Bandprojekts?
Nein, das war der Programmtitel, aber ich könnte mit vorstellen, dass das der Titel dieses Projekts wird.

Out of Chaos passt irgendwie zu Ihrem Kulturverständnis.
Ja, denn alles, was mit Kreation zu tun hat, kommt aus dem Chaos. Wenn man etwas Neues erfinden will, darf man am Anfang auch ein Idiot sein, man muss scheitern können. Und bei diesem Prozess muss man allein sein.

Aber bei der Arbeit für Yello sind Sie doch zu zweit mit Boris Blank.
Ich werde bei Yello jeweils erst dann eingeladen, wenn Boris Blank die gesamte Orchestrierung bereits gemacht hat. Er ist wie ein Maler, der es nicht gerne hat, wenn man bei der Entstehung der Klangbilder zuschaut.

Sie bezeichnen sich in all Ihren Tätigkeiten gerne als Dilettant. Gibt es denn gar keine Kunst, die Sie beherrschen?
Ich sage das jeweils bewusst ein bisschen provozierend. Aber ich bin tatsächlich ein Dilettant, wenn ich mich einem neuen Gebiet nähere. Man kann das mit einem Kletterer vergleichen, der auch nicht immer auf denselben Berg steigt. Jeder Berg ist eine neue Herausforderung und verlangt Respekt.

Welchen neuen Berg würden Sie gerne erklimmen?
Ich habe schon länger einen umfangreichen Text in Arbeit. Den würde ich gerne beenden. Aber sonst lasse ich mich gerne durch Zufälle überraschen.

Wo lassen Sie sich überraschen?
Ich möchte das so ausdrücken: Meine völlig unwichtige Person, die sich ein paar Zehntausend Tage auf dem Planet rumbewegt, ist wie ein Flechtwerk von Pilzen, das unter dem Boden ruht. Wenn die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit stimmt und der richtige Baum in der Nähe ist, dann schiessen die Pilze aus dem Boden.

Dann reagieren Sie mehr, als dass Sie agieren.
Ja, ich habe nie das Gefühl, dass ich das gemacht habe. Es passiert mit mir. Ich habe nie und auf keinem Gebiet eine Karriere angestrebt.

Und trotzdem die eine oder andere gemacht.
Ja, aber nur deshalb, weil ich sie nicht angestrebt habe, sondern der unbedeutende Idiot sein durfte. Ich staune jeweils wie ein Dritter, wenn ich sehe, was da entstanden ist.

Aber Ihre Wein- und Fleischproduktion in Argentinien überlassen Sie bestimmt nicht dem Zufall.
Als ich damit begann, hatte ich zuvor ein, zwei Jahre die richtigen Menschen gesucht, mit denen ich das Projekt vorantreiben konnte, weil ich davon viel zu wenig verstand. Das ist absolut symbiotisch.

Ist Ihr aktuelles Musikprojekt auch eine solche Symbiose?
Absolut. Ich habe ältere Gedichttexte gehabt, die ich den beiden Musikern mit meinem einfachen Gitarrenspiel vortrug. Zusammen haben wir dann das Ganze arrangiert.

Wird es von dieser Zusammenarbeit auch ein Tondokument geben?
Wir haben eben in Berlin zusammen mit dem Drummer von Nick Cave und einem klassischen Pianisten Aufnahmen gemacht. Anfang nächsten Jahres wird dann eine CD veröffentlicht.

Erstellt: 05.08.2011, 10:01 Uhr

Dieter Meier

Dieter Meier kam am 4. März 1945 in Zürich zur Welt. Er stammt aus einer Bankiersfamilie. Nach einer Ausbildung zum Juristen arbeitete er zunächst erfolglos als Theaterautor. In den Anfangsjahren seiner künstlerischen Laufbahn Ende der 1960er machte Meier durch aussergewöhnliche Aktionen auf sich aufmerksam. Ende der 1970er-Jahre stiess er auf Boris Blank und erlangte als Stimme des Musikprojekts Yello Bekanntheit. Der Vater von drei Töchtern und einem Sohn pendelt heute zwischen seinen Wohnsitzen in Los Angeles, Argentinien und Ibiza.

Dieter Meier am Festival da Jazz, St. Moritz

Dieter Meier tritt am Sonntag, 7. August, zusammen mit Nicolas Rüttimann und Tobias Preisig im Dracula's Ghost Riders Club in St. Moritz auf. Das Konzert ist bereits ausverkauft.

Dieter Meier live in Frankfurt am 3. April 2011

Dieter Meier: «Out of Chaos – ein autobiografisches Bilderbuch», Edel-Verlag, ISBN: 3-84190-103-4, das Buch erscheint am 8. September 2011.

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