Autobiografie

«Ich habe nichts davon vergessen»

Stones-Gitarrist Keith Richards hat so intensiv gelebt, dass er über 700 Seiten braucht, um davon zu erzählen. Und man bekommt nicht genug.

Dieses zerknitterte Gesicht, das wölfische Lachen, der Piratenblick: Keith Richards’ Leben ist die Geschichte eines Überlebenden.

Dieses zerknitterte Gesicht, das wölfische Lachen, der Piratenblick: Keith Richards’ Leben ist die Geschichte eines Überlebenden. Bild: Keystone

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Als ihn ein Journalist fragte, wie er sich auf die Konzerte vorbereitete, sagte er: «I wake up.» Keith Richards redet, wie er Gitarre spielt: immer im Takt, kein Ton zu viel. Unverkennbar, unbeeindruckt, unverwechselbar. Ähnlich knapp heisst jetzt auch seine Autobiografie. «My Life» war der ursprüngliche Titel, Richards strich das Possessivpronomen weg: Life, Leben. Darunter macht ers nicht.

Dass er dann trotzdem 723 Seiten braucht, um von diesem Leben zu erzählen, hätte man von einem Lakoniker wie ihm nicht erwartet. Schon weil man ihm gar nicht zutraute, dass er sich überhaupt an das Leben erinnert, am wenigsten an sein eigenes. «Glaubt es oder nicht», schreibt er aber im Klappentext: «Ich habe nichts davon vergessen.» Und Keith Richards, der auf eigene Tagebuchnotizen und Erinnerungen von Freunden und Kollegen zurückgreifen kann, hat eine Menge zu erzählen.

Noten hinter Gittern

Wie sollte es anders sein für einen Musiker, der bald seit fünfzig Jahren mit derselben Band auf allen Bühnen steht? Der brennende Wohnungen, geladene Pistolen, Gefängnisbesuche, Elektroschläge, Prügeleien, bewaffnete Dealer, betrunkene Hells Angels, Stürze und Drogen überlebte? Der einen Totenkopfschädel am Finger trägt, vom «New Musical Express» als «aufgewärmter Tod» betitelt wurde und jahrelang die Liste jener Kaputten anführte, die als Nächstes sterben sollten?

Viele seiner Freunde und Kollegen sind tot, er hat selber eines seiner Kinder früh verloren, er war ein Junkie, er war auf Koks, er wurde zum Alkoholiker und raucht seit bald sechzig Jahren Kette. Aber der Mann ist immer noch da. Mit seinem zerknitterten Gesicht, dem wölfischen Lachen, dem grauen Zottelhaar, den Bildhauerhänden, dem Blick eines Piraten. Mit seiner Band und seinen Gitarren, seiner Frau und seinen vier Kindern, die er über alles liebt. Keith Richards’ Leben ist die Geschichte eines Überlebenden. Und er schreibt sie aufrichtig, humorvoll und absolut unsentimental.

Zwar hat er sich dabei von seinem Freund helfen lassen, dem Schriftsteller James Fox. Aber alles sei von Keith gekommen, hat der über das Buch gesagt, die Sprache und vor allem der Rhythmus der Erzählung. Um beide zu hören, muss man das englische Original lesen, die deutsche Übersetzung schafft das nicht. Aber selbst auf Deutsch kann man nicht aufhören, dieses Leben nachzulesen.

Alles wurzelt im Blues

Was den 66-jährigen Engländer sein ganzes Leben lang antrieb und immer wieder hochbrachte und worüber er in seinem Buch mit Verwunderung und Leidenschaft schreibt, bleibt für ihn die Musik. Von Little Richard bis Louis Armstrong, von Chuck Berry bis zu den Gesangsharmonien der Everly Brothers, von der schwarzen Hitfabrik Motown bis zum Reggae aus Jamaika.

Für ihn, den Rockgitarristen schlechthin, geht alles auf den afroamerikanischen Blues zurück, erst in Mississippi und später, elektrisch böse verschaltet, in der South Side von Chicago. Mit hemmungsloser Begeisterung schildert Richards, was diese Musik in ihm auslöste, wie er mit seiner Gitarre vor dem Plattenspieler sass und sich die Singles aus Übersee so lange anhörte, bis er jede Gitarrenpassage nachspielen konnte. Von Jimmy Reed und Muddy Waters, von Chuck Berry und Scotty Moore, dem ersten Gitarristen von Elvis Presley. «Wenn man den Blues spielt», schreibt er, «dann hat das was von einem Gefängnisausbruch – heraus aus diesen Taktstrichen, welche die Noten gefangen halten wie Sträflinge hinter Gittern mit ihren traurigen Gesichtern.»

«Ich tue es für mich»

Wie Bob Dylan in seinen «Chronicles» handelt Keith Richards’ «Life» immer wieder von dem, was die Musik in seinem Schädel und in seinen Hüften auslöst und wie er versucht, auf der Gitarre zu spielen, was er in seinem Kopf hört. Und wie er dann auf der Bühne abhebt: «Der Begriff Levitation beschreibt noch am ehesten das, was ich fühle, wenn ich merke, jetzt habe ich das richtige Tempo und die Band folgt mir», schreibt er und gesteht: «Ich tue es nicht fürs Geld. Ich tue es nicht für euch. Ich tue es für mich.»

Und weil die Musik ihm so viel bedeutet, stehen ihm jene Menschen am nächsten, denen das genauso geht. Zuallererst sein Grossvater Gus, der Keith das Gitarrespielen beibrachte. Dann natürlich seine Mutter Doris, eine tolle Sängerin und für den Sohn eine lebenslange Inspiration. Später der Stones-Pianist und Roadie Ian Stewart, über den Richards schreibt: «Ich spiele immer noch für ihn. Für mich sind die Rolling Stones seine Band.» Oder John Lennon, dem sich Richards besonders nahe fühlte, weil sie beide Musik als Ausdruck verstanden und nicht als Kategorie. «Er hatte so was Ehrliches an sich, das einen sofort für ihn einnahm – und auch so eine Intensität.»

Der grosse, kühle Mick Jagger

Sehr wichtig war ihm auch der jung verstorbene Gram Parsons, der Richards mit der Country-Musik bekannt machte, aber mit der rebellischen Variante von Bakersfield, nicht mit dem sauberen Greinen aus Nashville. Schliesslich bedeutet ihm Charlie Watts eine Menge, der Schlagzeuger der Stones, so was wie der Maschinist der Band und für Keith das swingende Herz des Rock ’n’ Roll.

Und was sagt er über Mick Jagger, den er «Brenda» nennt und der immerhin sein nächster Partner und Songmitschreiber bleibt, sein Hassgegner, sein ältester und bester Freund? Die englische Presse hat die Bosheiten weit verbreitet, die Richards in seinem Buch über ihn formuliert. Jaggers Starallüren und Eitelkeiten natürlich, die Sehnsucht nach der besseren Gesellschaft, die Gefallsucht, der Verrat an der Band, die er als Solist hinter sich lassen wollte, seinen Kontrollwahn, seine Besessenheit vom Geld. «Er war früher viel warmherziger», schreibt Richards über die Zeit in den Achtzigern, als die beiden einander über die Presse beschimpften. «Im Grunde hat er sich in einen Kühlschrank verkrochen.» Jaggers grösstes Problem: «Er ist gleich mehrere Personen auf einmal und entscheidet selber, mit welcher man es gerade zu tun bekommt.»

Die betäubten Jahrzehnte

Wer das Buch genau liest, erfährt auch, wie stark die beiden aufeinander bezogen bleiben. Richards lobt Jagger als Sänger, Songschreiber, Harmonikaspieler und Performer ohne Einschränkung, und er erinnert wiederholt daran, wie gut sein Freund sich um ihn gekümmert habe, als er auf Drogen war. Sie seien einander nicht mehr so nahe wie am Anfang, räumt er ein, aber er liebe ihn von Herzen. «Ich glaube, dass wir derzeit eine Achtung voreinander empfinden, der eine tiefe, verschüttete Freundschaft zugrunde liegt.» Dazu passt, dass die Stones im nächsten Jahr, zum 50-Jahr-Jubiläum, wieder auf Tour gehen wollen.

Das ist noch möglich, weil Richards seine betäubten Jahrzehnte offenbar schadlos überstanden und dank der Musik sogar überwunden hat. Wer schon mit Junkies zu tun hatte, weiss, dass es nichts Langweiligeres gibt als blau angelaufene Geschichten über Nadeln, Stoff und Venen. Richards erspart einem auch zu diesem Thema nichts, und man erfährt viel mehr, als man wissen möchte. Immerhin scheint ihn selbst in den schlimmsten Momenten der Humor nicht verlassen zu haben: «So oft, wie ich kalten Entzug gemacht habe», schreibt er, «müsste ich längst erfroren sein.» Der alte Bastard hat für alles den richtigen Satz parat.

Keith Richards mit James Fox: Life. Aus dem Englischen von W. Winkler, W. Müller u. U. Thiele. Heyne, München 2010. 736 S., illustriert, ca. 37 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.10.2010, 06:58 Uhr

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