«Ich trinke wirklich nur bei der Arbeit»

Westbam hat seine Autobiografie «Macht der Nacht» vorgelegt. Im Interview spricht er über das Ende der Spassgesellschaft und das überschätzteste Frauenkennenlern-Mittel.

«Mitdenken, denken überhaupt hält jung»: DJ Westbam 2012. Foto: Andrea Stappert (photoselection)

«Mitdenken, denken überhaupt hält jung»: DJ Westbam 2012. Foto: Andrea Stappert (photoselection)

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Zu Ihrem 50. Geburtstag haben Sie eine Autobiografie publiziert. Bemerkenswert ist ja erst mal, dass dieses Buch tatsächlich erscheint. Ist das so?
Ein Topos des Nachtlebens sind doch all die im Rausch erdachten, aber natürlich nie geschriebenen Bücher, die nicht gedrehten Filme, die nicht gemachten Platten. In dem Sinne bin ich wirklich kein Mensch des Nachtlebens. Ich habe allergrösste Freude an vollendeten Werken.

«Über gelungene Arbeiten freut er sich sehr.»
So stand es in meinem Schulzeugnis in der ersten Klasse. Und das stimmt. Der Sechsjährige, der da beschrieben wird, der bin ich noch heute. Heute war ich im Studio, und wir haben zwei Lieder fertig gemacht. Ein geglückter Tag.

Dass Marschmusik Ihre erste Lieblingsplatte war, ist Legende?
Nein, das war so. Das kam über Karneval. In Münster gab es Karneval. Da lief Marschmusik, man trug Uniformen, das Kawusch-Kawusch fand ich gleich gut.

Eine Vorform der Love-Parade.
Das war natürlich die Love-Parade, und es war natürlich auch Anti-Hippie, die Uniformen, das Marschieren, all diese Sachen, die wir eigentlich nicht machen sollten. Wobei, mein Vater war da ambivalent. Er war schon Hippie, aber er war auch Rheinländer und also Karnevalist. Deshalb waren wir auch zusammen bei diesen Umzügen. Und da hat mich besonders fasziniert dieses Vorangehen mit dem Marschierstab, der Taktgeber, das war es tatsächlich. Wobei jede Lebensschilderung natürlich auch immer die eigene Erfindung ist.

Die grossen Westbam-Hits sind sehr mathematisch aufgebaut. Man hört sie und freut sich am zwingenden Aufbau. Komplex, aber simpel.
Anfangs war meine Musik extrem unordentlich. Ich habe das erst später kapiert, nee, Musik handelt von Ordnung. Das sind so Einsichten, die einem die antiautoritäre Erziehung, wie ich sie hatte, eher nicht vermittelt. Antiautoritäre Erziehung tendiert immer zum Free Jazz.

Hatten Sie anfangs denn Vorstellungen, wie lange man das machen kann, DJ sein?
Natürlich nicht. Ich hätte das auch eher beklemmend gefunden, mit achtzehn zu wissen, dass ich das mit fünfzig immer noch tun werde. Aber nun ist es so gekommen. Und es hat mich geprägt und auch erhalten, eine künstlerische Perspektive im weitesten Sinne zu haben, auch als Lebensperspektive. Wenn du heute DJ wirst, dann ist das eine Perspektive, es ist ein akzeptierter Berufsstand. Aber als ich anfing, etwa 1983, da war das natürlich wirklich der Plattenaushilfsjunge. Der stand auf einem Level mit den Thekenleuten und einen Schritt unter der Security – und null auf irgendeiner künstlerischen Ebene.

Heute ist auf jedem Telefon jede beliebige Musik verfügbar. Was heisst das für den DJ?
Früher zeichnete er sich aus durch den Besitz sehr seltener Platten, die in der Stadt möglichst niemand ausser ihm hatte, importiert aus Chicago und sonst woher. Solche Platten hat man dann besonders herausgestellt und zum Glänzen gebracht, damit die Leute dachten, wow, was ist das? Das entfällt.

Entfällt damit auch das für den DJ sehr angenehme Frauenkennenlern-Mittel, nämlich zu wissen, wie das Lied heisst?
Wie das Lied heisst, wollten die Frauen noch nie wissen. Das interessierte immer nur Männer. Die seltsame Begeisterung der Frauen für DJs ist eine fehlgeleitete Prägung, weil sie den DJ irrtümlicherweise für den Rudelführer halten, obwohl er meistens der grösste Versager im ganzen Laden ist. Das ist eine Laune der Natur – die hier umschlägt in eine Laune der Kultur.

Gut für den DJ: Frauen kommen und wünschen sich bestimmte Lieder.
Das stimmt. Wenn es Männern im Club nicht gefällt, dann gehen sie weg. Frauen aber wollen dann was verändern. Sie gehen zum DJ hin, beschweren sich und wünschen sich Lieder.

Funktioniert Ausgehen eigentlich ohne Rauschmittel?
Plattenauflegen geht schon auch komplett nüchtern und wird dann teilweise sogar besser. Aber man ist auch Pawlowscher Hund: Ich bin so dran gewöhnt, dass ich da ein alkoholisches Getränk zu mir nehme und mir das erst mal nicht einfällt, es zu lassen. Wohlgemerkt, hier zu Hause habe ich keinen Alk im Kühlschrank. Hätte ich die Veranlagung zum Alkoholiker, wäre ich das längst. Aber offensichtlich ist das nicht mein Ding. Ich trinke wirklich nur bei der Arbeit.

Achtung, steile These: Techno dauerte vom Mauerfall bis 9/11.
Man sagt ja immer, das Thema finde den Künstler und nicht umgekehrt. Es ist darüber hinaus auch so, dass das Publikum den Künstler findet, in dem sich die Zeit perfekt spiegelt. Und meine Musik hat in die Zeitspanne zwischen diesen beiden Zäsuren glücklicherweise besonders gut gepasst. Die Neunziger hätten ganz andere Künstler hervorgebracht, wenn es politisch anders gelaufen wäre.

Startpunkt war also der Fall des Eisernen Vorhangs.
Vom Osten her gesehen war das für die damaligen Teenager natürlich eine Befreiung. Und für uns aus dem Westen war das – vorübergehend – natürlich auch die grosse Euphorie, jetzt wird ­alles gut, alle unsere Werte haben sich als überlegen erwiesen und werden nun von der ganzen Welt umarmt: Demokratie, Meinungsfreiheit und so weiter. Und diese Euphorie hat sich gespiegelt in der grössenwahnsinnigen Love-Parade, dem Begriff der «ravenden Gesellschaft». Wir feierten uns und unsere wunderbare westliche Welt und die goldene demokratisch-technologische Zukunft.

Ohne die Love-Parade hätte es wohl später die sogenannte Fanmeile und die Fussballweltmeisterschaft 2006 nicht in der Form gegeben: Berlin als Schauplatz einer Völker verbindenden, riesigen Party.
Die Love-Parade war eines der gesellschaftlich prägendsten Ereignisse der Neunziger. Sie hat nach innen den Deutschen geholfen, den Zweiten Weltkrieg zu beenden. Und vor allem hatte sie eine immense Wirkung auf die Aussenwahrnehmung durch Menschen aus Mexiko, England, Holland, Israel, Polen und ­woher auch immer. Man sah auf diesen Paraden in lauter ungläubige Gesichter von Menschen, die so was in und von Deutschland nun am allerwenigsten erwartet hatten. Plötzlich war Deutschland vom unbeliebtesten zum beliebtesten Land der Welt geworden.

Mitte der Neunziger lief Techno plötzlich in der Warteschleife der Telekom, in der CDU-Werbung, überall. Es war endgültig Volksmusik.
Ich bin ein Sohn der Alternativkultur. Aber das Neue Mitte der Neunziger war gerade, dass es dazu eine Popkultur gab. Und das ist in der ganzen Moderne immer die Forderung, dass die Kunst das ganze Volk erreicht. Dieses Kunstwerk war natürlich erst dann vollendet, als ­alles so überdreht und übertrieben war, dass es zusammenbrach.

Im Buch bezeichnen Sie jene Zeit als «Jahrzehnt der Überdosierungen».
Das wars wohl. Der hässliche kleine Bruder des Mauerfalls war der erste Irakkrieg, «Desert Storm». Die Euphorie war ja, man könne ohne eigene Verluste mit «Smart Bombs» all den Unterdrückten dieser Welt zielgenau die Freiheit herbeibomben. Man muss wohl leider zugeben, dass diese Stimmung den Aufstieg von Techno begünstigt hat.

Bis 9/11. Im Buch beschreiben Sie, wie Sie in der Plattenfirma vor dem Fernseher sassen. Man weinte, bestellte Drogendealer, und abends verkündete Peter Scholl-Latour das Ende der Spassgesellschaft.
Das war dann genau der gegenteilige Schock: Nein, unsere wunderbaren Werte lassen sich leider doch nicht herbeibomben. Wie stehen wir eigentlich da? Wir haben überhaupt keine Werte mehr. Die anderen haben wenigstens ihren Glauben. Und die wollen nichts mit uns zu tun haben. Die hassen uns sogar.

Ausgerechnet da erschien die letzte Westbam-Platte mit dickem Vorschuss bei einer grossen Firma – eure erste Platte, deren Titel eine Frage enthält: «Do You Believe In the Westworld?»
Das fiel mir erst beim Schreiben des Buchs auf, wie passend unpassend das doch war, dass ich 2005 wirklich mit dieser Frage kam. In den Neunzigern wäre die Antwort auf diese Frage, «Do you believe in the Westworld?», ganz klar «Ja!» gewesen. Und in den Nullerjahren dann war die Antwort ganz klar: «Nein!»

Diese Platte war einer Ihrer grössten Misserfolge.
Wenn man als Produzierender so in seiner Kunst schwebt, kann es passieren, dass man zwar innerhalb des eigenen Werks immer weiter voranschreitet – sich dabei aber immer weiter vom Publikum entfernt. Das nennt man dann wohl Alterswerk.

In Ihrem Buch steht: «Manchmal kam ich mir unpassend vor.»
Erst mal habe ich mir gesagt, scheiss drauf, ich rotze einfach was ganz Neues raus. Und dabei wird der Bogen natürlich überspannt – aber das ist auch immer schon die Geschichte meines Lebens und meines Acts.

Ihr Überlebenstipp?
Nicht zuletzt: mitdenken. Das ist etwas, was einen jung hält und unheimlich gesund ist: mitdenken, denken überhaupt. Das Denken ist in der Lage, einen Körper, der eigentlich nicht mehr mitmacht, über Jahrzehnte am Leben zu halten. Stephen Hawking etwa: Wenn der nicht so ein grosser Physiker wäre und so ein grosser Denker, wäre der, glaube ich, schon vor dreissig Jahren gestorben. Oder Thomas Bernhard mit seinen Lungenkrankheiten ab der Kindheit. Wäre der nicht so ein grosser Kopf gewesen, wäre er schon als Twen gestorben. Denken, glaube ich, denken ist total gesund.

Westbam: Die Macht der Nacht. Ullstein, Berlin 2015. 320 S., ca. 28 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2015, 17:37 Uhr

Westbam

Der Philosoph der Raving Society

Westbam wurde 1965 in Münster als Maximilian Lenz geboren; sein Vater war Kunstprofessor, seine Mutter Kunstlehrerin, beide antiautoritäre Hippies. Mittlerweile hat der Pionier der DJ-Kultur, der seit 1983 auflegt und sich auch als Musiker, Autor, Labelinhaber und Veranstalter einen Namen gemacht hat, zehn Studioalben herausgebracht und diverse Schriften veröffentlicht. Er wird als der klügste DJ Deutschlands gefeiert. (TA)

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