«Ich war mir nicht bewusst, dass ich ein Tabu brach»

Der Komponist Ennio Morricone wurde durch die Arbeit mit Sergio Leone berühmt. Im Interview spricht er über den grossen Regisseur und die miese Filmmusik von «Star Wars».

«Der Schweiss, den ich vergossen habe, bleibt mein Geheimnis»: Ennio Morricone (85).

«Der Schweiss, den ich vergossen habe, bleibt mein Geheimnis»: Ennio Morricone (85). Bild: Keystone

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Sie haben mit Karlheinz ­Stockhausen und mit John Cage gearbeitet. Zugleich schrieben und arrangierten Sie Songs für ­Schlagerstars wie Milva. Welches Genre ist Ihnen wichtiger?
Alle! Diese unterschiedlichen Erfahrungen haben mich geprägt, ich trage sie noch heute in mir, sie machen meine Persönlichkeit aus. Ich glaube, diesem Hintergrund verdanke ich meine Neugierde, meine Lust auf die ständige Erneuerung. Ich habe nicht das Gefühl, angekommen zu sein, spüre immer noch den Drang nach Verbesserung.

Mit 16 mussten Sie für Ihren Vater einspringen, der als Trompeter in Unterhaltungsorchestern auftrat. Sie spielten während des Zweiten Weltkriegs vor US-Soldaten. Später sagten Sie, da hätten Sie begriffen, dass Musik keine Wissenschaft, sondern ein Erlebnis sei.
Das war tatsächlich eine entscheidende Erfahrung für mich. Mein Vater hatte mir geraten, Musik zu studieren – nicht Komposition, sondern Trompete. Erst später, am Konservatorium, fiel meinem Harmonielehrer auf, dass ich ein Talent für Komposition besitze. Ich glaube, mein Vater sah es gar nicht gern, dass ich mich daraufhin intensiv mit Kontrapunkt und Harmonielehre beschäftigte. Aber fortan habe ich alles, was ich machte, selbst entschieden.

Vor Ihrer Filmarbeit spielten Sie mit der avantgardistischen Improvisationsgruppe Nuova Consonanza, die viel mit Geräuschen arbeitete. Das hat Ihre Musik zu «Für eine Handvoll Dollar» stark geprägt. Ziemlich mutig, finde ich.
Das war keine Kühnheit. Ich war mir nicht bewusst, dass ich damit ein Tabu brach. Ich hatte einfach Lust dazu, mit dem Publikum auf andere Weise zu kommunizieren, als es bis dahin im Western üblich war. Ich würde aber nicht von «Geräuschen» sprechen, sondern eher von «nicht musikalischen Klängen».

Filmmusik wird gemeinhin mit der Stoppuhr komponiert: Sie muss auf den Sekundenbruchteil genau ­passen. Sie haben Partituren oft schon lange vor den Dreharbeiten geschrieben – bei «Spiel mir das Lied vom Tod» war noch nicht einmal ein Drehbuch fertig. Wie geht das?
Das ist bei jedem Film unterschiedlich. Für «La migliore offerta» habe ich zum Beispiel längere Passagen komponiert, von denen im fertigen Film oft nur ein paar Sekunden übrig geblieben sind. Ich habe die Musik in ihrer Gesamtheit bedacht, was dem Regisseur beim Schnitt dann viele Freiheiten liess. Generell muss ich natürlich einen Eindruck davon gewinnen, wie der Film aussehen wird, was der Filmemacher vorhat.

Wie bekamen Sie diesen Eindruck?
Sergio Leone etwa besass ein grosses Talent, einen Film zu erklären, lange bevor er die erste Einstellung drehte. Er erzählte nicht nur die Handlung in allen Details, sondern konnte auch präzis ­beschreiben, wie er sich den Stil vorstellte. Ich arbeite gern auf diese Weise – auch, weil ich finde, dass Filmmusik eigenständig sein muss. Schauen Sie, es gibt doch viele Filme, in denen Stücke von Bach, Mahler oder Mozart eingesetzt werden. Da ist jedem klar, dass sie nicht für den Film komponiert wurden, aber sie funktionieren trotzdem hervorragend.

Wie hätte die Musik geklungen, die Sie für sein Projekt über die Belagerung von Stalingrad schreiben wollten, das Leone dann nicht mehr realisieren konnte?
Das soll ein Geheimnis bleiben, denn es ist eine sehr traurige Erinnerung. Leone erzählte mir wieder ganz ausführlich, wovon der Film handelt. Aber diesmal wollte er nichts von meiner Musik hören. Erst nach seinem Tod erfuhr ich von seinem Neffen, der zugleich sein behandelnder Arzt war, weshalb. Er wusste, dass Sergios Herz dieser Anstrengung nicht mehr gewachsen gewesen wäre. Aber es war ihm wichtig, mir den Film zu erzählen, damit er wenigstens auf diese Weise existiert.

Sie haben in jedem Filmgenre gearbeitet: in Western, Kriegs-, ­Kriminal-, Liebes- und Polit- sowie Dokumentarfilmen. Gibt es ein Genre, in dem Sie gern noch arbeiten würden?
Ich würde gern mehr Science-Fiction-Filme machen. Ich habe zwar schon für John Carpenter «The Thing» geschrieben und einen unbekannteren Film, «Humanoid», gemacht, für den ich eine Fuge in sechs Partien komponierte, drei für Orgel und drei für Orchester. Das ist eine Herausforderung, die mich sehr reizt. Aber schauen Sie nur, was ein so hervorragender Komponist wie John Williams bei «Star Wars» machen muss: Er komponiert eine Marschmusik, die im Weltraum zu hören ist! Ich kann mir nicht vorstellen, dass das seine Idee war, sondern dass die Produzenten das von ihm verlangt haben.

Auf Tourneen zeigt sich, wie gut Ihre Filmmusik im Konzertsaal funktioniert. Ein Stück, das das Publikum oft in Bann zieht, stammt aus einer unbekannten italienischen Komödie: «Metti, una sera a cena».
Ja, das ist ein gutes Beispiel dafür, wie Filmmusik sich emanzipieren kann. Aber diese Unabhängigkeit fällt ja nicht vom Himmel. Das Stück passt gut in den Film, es ist nicht abstrakt. Aber es steckt eine kompositorische Arbeit dahinter, die auch ihren eigenen Regeln folgt. Ich werde Ihnen zeigen, wie ein solches Stück entsteht. (Er nimmt einen Zettel zur Hand, zeichnet ein Notenblatt und trägt die Noten darauf ein.) Es gibt zunächst einmal zwei Themen: ein einfaches mit drei Noten, die in kurzen Intervallen aufeinanderfolgen, und ein zweites mit längeren Intervallen. Dann setze ich einen Kontrapunkt in sechs Teilen, der vom kurzen Thema unterstützt wird. (Er summt die Passage.) Aus der einfachen Notenfolge wird eine komplizierte Konstruktion. Den Zuhörern fällt das natürlich nicht auf. Das ist sogar besser, denn so entfaltet die Musik eine grössere emotionale Wirkung.

Musik als Wissenschaft und Erlebnis!
Erlebnis ist schön und gut, aber es steckt eine Menge Arbeit dahinter. Wer die Partitur analysieren würde, könnte entdecken, wie viel Schweiss mich das gekostet hat. Aber ich gebe meine Partituren ja nie aus der Hand. So bleibt der Schweiss, den ich vergossen habe, mein Geheimnis.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.02.2014, 08:26 Uhr

Infobox

Berühmt wurde der 1928 in Rom geborene Ennio Morricone mit den «Spaghetti-­Western» seines einstigen Schulfreunds Sergio Leone. Von «Für eine Handvoll Dollar» (1964) bis zu Leones letztem Film «Once Upon a Time in America» (1984) war Morricone dessen Hauskomponist. Insgesamt hat er die Musik zu rund 400 Filmen komponiert, darunter «The Untouchables» (1987) und «Nuovo Cinema Paradiso» (1988).

Am Donnerstag, 13. 2., dirigiert Ennio Morricone im Zürcher Hallenstadion ein 160-köpfiges Orchester mit Chor.

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