Ihr Pop ist wie eine Sucht

Sie ist eine «90s Bitch» und gilt dennoch als Popstar der Zukunft. Nun trat Charli XCX am Zürich Openair auf.

Der Popstar der Zukunft? Charli XCX am Zürich Openair. Foto: Reto Oeschger

Der Popstar der Zukunft? Charli XCX am Zürich Openair. Foto: Reto Oeschger

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Sie fühlte sich schlecht. Weinte den ganzen schwierigen Tag lang, verliess das Bett nicht und wünschte sich, dass sie nur noch eine anonyme Songwriterin sei, die abseits des Rampenlichts Hits schreiben kann. So, wie das Charli XCX in der Vergangenheit immer wieder getan hat. Das war am Dienstag.

Einen Tag nach diesem Instagram-Eintrag fläzt die 27-Jährige locker auf dem Sofa ihrer Backstagekabine des Zürich Openair und sagt zu ihrem aktuellen Befinden: «Ich fühle mich so gut heute, als wäre ich auf Drogen.» Und man könne alles nach ihr schmeissen, weil sie wieder voll aufgeladen und «ready to go» sei.

Man findet hier schon das Extreme, das den hochgetunten Computer-Pop von Charli XCX so zwingend und ansteckend macht. So, dass die Engländerin unlängst vom Onlinemagazin «Pitchfork» marktschreierisch als «Popstar der Zukunft» etikettiert wurde. Wobei in ihren Songs ein grosser Anteil Vergangenheit mitschwingt, die noch gar nicht so lange zurückliegt.

Die Neunziger wirkten wie ein Zuckerschub: Charli XCX. Foto: Reto Oeschger

Charli XCX wuchs in den Neunzigerjahren auf, einer Zeit, in der vieles leichter erschien. Sie war umgeben vom Pop von Britney Spears und den Spice Girls, liebte auch die Mode, die nun, zwanzig Jahre später, wieder getragen wird. Wie sie damals als Kind diese Zeit mitgeschnitten hat? «1999 war ich ja erst sieben. Aber diese Zeit und die damalige Popkultur wirkte wie ein Zuckerschub. Ich war süchtig danach.»

Diese Zeit spitzt sie in ihren Sounds und Songs hyperrealistisch zu, wie sie sagt. In ihren Anfängen tat sie das derart stark und beinahe verstörend, dass man als Hörer zunächst nicht wusste, ob hier eine junge Produzenten- und Songwritergeneration den Pop von damals nicht einfach parodierte. Denn beim Umfeld, in dem Charli XCX rasch landete, handelte es sich um das Label PC Music um A. G. Cook, das eine Musik produziert hat, in der alles Oberfläche war – und radikal zeigte, dass Popmusik nicht viel mehr als ein Produkt, eine Ware sein kann.

Dieses lustige und experimentelle Spiel im Untergrund ist für die Label-Produzenten wie auch für Charli XCX längst vorbei, mittlerweile zählen sie selber zur Popelite und schreiben Hits für die Popstars. Aber nein, macht Charli XCX klar: Eine Parodie hatten sie sowieso nie im Sinn gehabt, «es war und ist echt». Und ja, muss man es sich eingestehen, was ist denn falsch an einer Partyhymne wie «I Love It», die sie für das schwedische Duo Icona Pop geschrieben hat?

Ein paar Stunden nach dem kurzen Gespräch knallt sie diesen alles übersteuernden und sorglosen Hit dem Publikum am Zürich Openair gleich als zweiten Song entgegen. Charli XCX tanzt da in ihrem knappen, weissen Mantel zwischen zwei schiefen und leuchtenden Quadraten, sie deutet immer wieder Laszivität an, spielt sie aber nicht vollends aus. Anders als die Musik, die auf der Überholspur ist und klarmacht: Hier bin ich, die «90s Bitch», die Spass will, draufgehen will, und zwar nicht morgen, sondern im Hier und Jetzt. Und wer das nicht versteht, ist halt aus der Vergangenheit.

In ihrem Auftritt vor Mitternacht nimmt Charli XCX die Rolle der Popperformerin an, betont das Physische und Partyhungrige ihrer Tracks. Sie preist im neckischen «Boys» die Buben an, singt aber auch vom männerfreien Girl-Abend, an dem die Boys eben nicht zugelassen sind. Und singt dann auch mal eine Auto-Tune-Ballade, die Kulturpessimisten bestätigen dürfte, dass die Popmusik von heute doch nur Trash ist.

Trotz dieser Show: Von Zeit zu Zeit denkt sie darüber nach, ob es nicht grossartig wäre, sich einfach wieder in die Schreibstube zurückzuziehen. «Aber das würde mir allenfalls einen Monat lang Spass machen. Denn ich brauche die Aufmerksamkeit, ich brauche den Bühnenauftritt, in dem ich mich körperlich ausdrücken kann, es ist wie eine Sucht.»

Wie eine Sucht: So wirken ja auch die Songs ihres neuen Albums «Charli», das Mitte September erscheint. Man erkennt zwischen den sorgenfreien Partytracks dann auch eine verletzlichere und offenere Popmusikerin, etwa in der Single «Gone», die sie mit der Französin Christine and the Queens geschrieben hat und die das Gefühl der Isolation in einem Raum voller Leute beschreibt. Und sie zeigt mit diesen neuen Tracks, dass ihre Popmusik – so künstlich sie zunächst klingt – viel mehr ist als bloss ein anonymes Plastikprodukt.

Auf dem Album findet sich auch «1999». Diese Ode auf das Jahr 1999, als man noch Britney Spears' «Hit Me Baby One More Time» sang und es noch keine Smartphones gab, schmettert Charli XCX an diesem Eröffnungsabend kurz vor Mitternacht. Aber von Nostalgie war da nicht viel zu spüren. Und von Zukunft auch nicht. Denn die Gegenwart, die reicht diesem Popsong und Charli XCX vollends.

Das Album «Charli» erscheint am 13. September.

Erstellt: 22.08.2019, 12:56 Uhr

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