Porträt

Ihr muss keiner blöd kommen

Vor drei Jahren landete Rapperin Steff la Cheffe mit ihrem Debütalbum einen Überraschungserfolg. Jetzt folgt das zweite Album – eine Ansage in jeder Hinsicht.

Gut gelaunt und willensstark: Steff la Cheffe.

Gut gelaunt und willensstark: Steff la Cheffe.

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Sie steht mit ihren langen Beinen fest auf dem Boden. Wäre sie eine Pflanze, dann Bambus: elegant, biegsam aber stark. Daran lässt die ganze Erscheinung der Berner Rapperin Steff la Cheffe keinen Zweifel. Auch wenn sie sich heute etwas flau im Magen fühlt und deshalb zum Interview eine Flädlisuppe löffelt, während sie gewissenhaft Rede und Antwort steht. Hier sitzt eine, die alles gibt, wenn sie etwas will. Was eine Grundvoraussetzung ist, wer sich als Frau in einer von Männlichkeitsritualen beherrschten Szene durchsetzen will. Ein leidiges Thema. Steff la Cheffe wurde als Beatboxerin musikalisch im Hip-Hop sozialisiert – auch wenn sie sich mit dem Zürcher Produzenten Dodo an ihrer Seite längst davon emanzipiert hat. Es entsprach auch nie ihrem Selbstverständnis, in erster Linie eine «Frau in einer Männerdomäne» zu sein. Steff la Cheffe wollte bloss mit dem, was sie selber begeisterte, Anerkennung finden. Und fand es befremdlich, dass man ihr sagte: «Du rockst ganz schön – für ein Mädchen.»

Nutze die Chance

Wütend habe sie das am Anfang gemacht, erzählt die gross gewachsene Frau mit dem langen Wuschelhaar in breitem Berndeutsch. Vor drei Jahren mischte sie mit ihrem Debütalbum «Bittersüessi Pille» die Schweizer Popszene auf. Auch weil es musikalisch ein Hybrid aus allen möglichen Stilrichtungen war, mit Pop, Elektronik, Dub und klassischen Hip-Hop-Beats spielte. Über allem die coolen Raps der Frau mit der bossy Attitüde. Was vielleicht das einzige Element ist, das der reinen Lehre des Hip-Hops entspricht. Aber einer la Cheffe kann das egal sein. «Ich wollte, dass man sich anschaut, was ich mache – unabhängig von meinem Geschlecht.»

Auch im neuen Jahrtausend sind Frauen im Hip-Hop immer noch Ausnahmeerscheinungen, auffällig wie Flamingos unter Pelikanen. Man verglich das neue Mädchen im Quartier deshalb sofort mit Big Zis, der anderen weiblichen Ausnahmeerscheinung im Schweizer Hip-Hop, «obschon wir Welten auseinanderliegen. Sowohl was die Musik als auch die Lyrik angeht. Wir sind auch eine andere Generation», sagt Steff la Cheffe mit ihrer geerdeten Stimme. «Aber sie ist nun mal auch eine Frau.» Also sagte sich Steff la Cheffe, dass sie es ohnehin nicht ändern könne, dass sie es als Beobachterin vielleicht auch so sehen würde. Und dass sie, wenn man ihr diesen Frauenbonus schon hinterherwerfe, ihn auch gleich nehmen könne. «Ich sagte mir: ‹Nutze die Chancen, die sich dadurch ergeben.›»

Keiner muss ihr blöd kommen

Stefanie Peter, wie die 26-Jährige mit bürgerlichem Namen heisst, hat das Beste daraus gemacht. Sie ist auf der Bühne eine auffällige Erscheinung. Im Gespräch wirkt sie ernst, zurückhaltend, freundlich, reflektiert. Eine Coolness, die keine Pose ist, sondern Charakter. Aufgewachsen ist sie im Berner Breitenrein mit ihren zwei Brüdern bei der Mutter. Der Vater hat die Familie früh verlassen – ein Kapitel, über das sie nicht gern spricht, die Mutter muss zwei Jobs gleichzeitig machen. Steff verbringt viel Zeit bei ihrem Paten, bei einer anderen befreundeten Familie. «Ich lernte verschiedene Familien kennen, sah, dass es verschiedene Rollen gibt, lernte zu beobachten und mich anzupassen.» Eine Fähigkeit, die sich heute in ihren Texten zeigt. Sie sei ein zurückhaltendes Kind gewesen, sagt sie, ernst und ruhig. Irgendwann findet sie den Anschluss und entwickelt sich zum Alphatier. Steht hin, sagt ihre Meinung, kann auch austeilen und steht für andere ein. Auch heute noch. «Wenn mich jemand blöd aafielet, dann gebe ich auch zurück, egal wie wichtig das Gegenüber ist. Ich finde, dass man den Menschen mit einem gewissen Mass an Respekt begegnen sollte.» Wer das versäume, lerne dann auch ihre mühsame Seite kennen, sagt sie.

Der ältere Bruder hört Hip-Hop und schenkt ihr eines Tages eine CD zum Geburtstag – es ist die Initialzündung für ihre musikalischen Interessen. Sie beatboxt, schreibt bereits Texte, zeigt sie aber niemandem. Dann schreibt sie sich am Gymnasium für den Theaterkurs ein und entdeckt das Bühnengefühl: «Wenn das Adrenalin reinkickt, der Moment, wenn du von der Bühne gehst und es geschafft hast. Das flashte mich», sagt sie. Im Theater spielt sie Rollen, die dir zugeteilt werden, aber sie will mit ihren eigenen Sachen auf die Bühne. Die Rolle selber schreiben, die sie im eigenen Leben spielt. «Es gab immer Leute, die mir reinreden wollten. Die fanden, dass ich etwas anderes machen sollte: ‹Mach nicht Beatbox. Mach andere Musik. Zieh dich anders an.›» Das machte sie anfangs «huere hässig». Genauso wie die Leute aus der Berner Musikszene, die sie ignorierten, nicht ernst nahmen. Doch aus der Wut wird ein Antrieb, sie entwickelt einen wahnsinnigen Ehrgeiz, feilt an sich bis ins letzte Detail. Als der Erfolg sich abzeichnet und dieselben Leute plötzlich angerannt kommen und mitmischen wollen, ist die Wut zwar verflogen, nicht aber die Erinnerung. Und als man sie fragt, ob sie nicht doch mit ihnen zusammenarbeiten wolle, meint la Cheffe nur trocken: «Dieser Zug ist schon vor huere langer Zeit abgefahren.» Oder wie es im Opening-Track der neuen Scheibe heisst: «Maschine louft.»

Mehr Introspektion

Sie liess sich Zeit für ihr neues Album «Vögu zum Geburtstag», denn der Überraschungserfolg des Debüts hinterliess Spuren. «Was passiert ist, hat alle Erwartungen übertroffen», sagt sie. Hier Angebot, Telefon, Mail, Feature hier und da, dauernd am rumrennen, neue Leute kennen lernen, Entscheidungen treffen. Irgendwann ist die Energie weg, sie zieht die Notbremse, macht Pause. «Das hat extrem gut getan.» Nun, nicht ganz Pause. Denn sie produziert ihr zweites Album, das jetzt erscheint.

Musikalisch schliesst es dort an, wo das alte aufgehört hat, vielleicht einen Tick rauer. Nur die Texte, die la Cheffe im Jahr nach dem Erfolgsrummel schrieb, sind paradoxerweise introspektiver geworden. Unter permanenter Beobachtung zu stehen und sich gegen Bilder durchsetzen zu müssen, die sich andere von ihr machten und vielleicht nichts mit ihr zu tun hätten, das habe sie reifen lassen. Abgehoben ist sie jedenfalls in keiner Hinsicht, im Gegenteil. Und das ist gut. Denn es ist absehbar, dass auch das zweite Album einschlagen und der ganze Rummel von vorne losgehen wird. Aber la Cheffe ist vorbereitet. Diese Frau haut nichts so schnell aus den Socken.

Erstellt: 19.04.2013, 13:54 Uhr

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Das Album «Vögu zum Geburtstag» erscheint am 26. April.

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