Im Minimum einen Refrain drum

Mit Songs gegen Seuchen wie Aids oder Ebola ansingen, was bringt das? Wird die Botschaft gehört oder auch verstanden?

Spätes Erkennen: Ein Ebola-Patient im ländlichen Bong County in Liberia hört Radio. Foto: Daniel Berehulak («The New York Times»)

Spätes Erkennen: Ein Ebola-Patient im ländlichen Bong County in Liberia hört Radio. Foto: Daniel Berehulak («The New York Times»)

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Sie verbreiten sich über die Luft, dringen in die Häuser ein und stecken alle an: Songs aus dem Radio. Mit der Musik wird Krieg geführt und Liebe gemacht. Keine Kultur kommt ohne sie aus. Elvis Presley wurde in den USA gefeiert wie ein König. Beim Tod der ägyptischen Sängerin Oum Kalsoum trauerten in Kairo Millionen auf der Strasse. Fela Kuti, der dissidente Bandleader aus Nigeria, machte dem Regime mehr Angst als ein Terrorist.

Angst und Macheten

Lieder verstärken die Gefühle, unterwandern die Vernunft, sie machen stark oder traurig. Wie lässt sich ihre Wirkung weiter nutzen, konkret: Taugen sie auch zur Prävention?

In afrikanischen Ländern drängt es mit der Antwort, weil Ebola ohne Aufklärung nicht zu bekämpfen ist. Doch da die Bevölkerung den Behörden und sogar den Ärzten misstraut und mit Angst, Ablehnung und gelegentlich mit Macheten auf sie reagiert, müssen andere Übertragungswege gefunden werden. Wie der «New Yorker» berichtet, probiert man eine neue Methode aus: Afrika singt gegen die Seuche an.

Es wird dabei von Nichtregierungsorganisationen wie «Search for Common Grounds» (SCG) unterstützt. Das Hilfswerk arbeitet in Guinea, Liberia und Sierra Leone, drei Ländern, in denen sich das Ebola-Virus dramatisch vermehrt. Ihm sind alle Mittel gegen die Krankheit recht: Songs, Seifenoper am Radio, Youtube-Clips und andere Formen der unterhaltenden Information.

Der Song «Ebola Is Real» zählt die Übertragungswege der Seuche auf, die populäre Tanznummer «Ebola in Town» warnt Liberia vor der Ansteckung durch verseuchtes Fleisch. Die einfachen, aber klaren Botschaften erreichen über das Radio Millionen, zu denen keine Kampagne hinfindet und sich kein Arzt mehr hintraut.

Bleibt die Frage, wie viel Didaktik eine Melodie erträgt, bevor die Unterhaltung in Belehrung umschlägt. UNO und Hilfswerke werten es schon als Erfolg, wenn Fakten über die Seuche die Bevölkerung erreichen. Ob die Botschaft der Songs bloss gehört wird oder auch befolgt, ist damit noch nicht gesagt. Wie die Erfahrung zeigt, entfaltet ein Song die grösste Wirkung dann, wenn der Sänger glaubwürdig klingt und sein Text authentisch. Keine Gesundheitsbehörde vermochte so glaubhaft den Alkoholismus zu beschreiben, wie der Rapper Gil-Scott Heron es in «The Bottle» tat. Kein Song warnte so drastisch vor dem Aidsvirus wie «I Got You Under My Skin», dem zweckentfremdeten Liebeslied von Cole Porter in der peitschenden Interpretation von Neneh Cherry.

Lässt sich kein Rapper und keine Neneh auftreiben, kann es auch ein Polo besorgen. «Bim Sitesprung im Minimum e Gummi drum», Hofers Slogan von 1987, gelang alles, was die Schweizer Aidsprävention bis heute auszeichnet: plastische Sprache, klare Aussage, humorvolle Formulierung.

Die Erfahrung kommt zu spät

Kebbeh Zawu trat in einer liberianischen Seifenoper auf, die das Hilfswerk «Search for Common Grounds» finanzierte. In ihrer Freizeit versuchte die Krankenschwester, ihrem Schwager zu helfen, der an Ebola erkrankt war. Stattdessen steckte er sie an. Er starb und sie mit ihm.

Die beste Prävention bleibt die Erfahrung, die man selber macht. Als Erkenntnis kommt sie oft zu spät.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2014, 19:11 Uhr

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