Im Takt in Manhattan

Ein Schweizer Jazzfestival mitten in New York: Auf Einladung von John Zorn bespielen Lucas Niggli, Irène Schweizer und weitere Musiker des Zürcher Intakt-Labels zwei Wochen lang den Club The Stone.

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Wo sonst weihevolle Orgeltöne erklingen, erklingt verhalten ein Altsaxofon. Seafarers & International House im New Yorker East Village, Freitagvormittag. Die vielstöckige Herberge, im Jahr 1873 von einem lutheranischen Pastor für Seefahrer gegründet, ist heute ein Hotel. Noch immer aber befindet sich im Haus eine kleine Kapelle, und hier spielt sich jetzt die Jazzsaxofonistin Co Streiff für ihre Konzerte im The Stone ein. Ein wenig bedrückt wirkt sie. Eben hat sie erfahren, dass der Kontrabassist ihres Quartetts, Christian Weber, keine Einreiseerlaubnis für die USA bekommen hat. «Ich weiss noch nicht, wer als Ersatz einspringen könnte», sagt sie.

Dass Zürcher Musiker nach New York fahren, um zu jazzen, ist heute fast selbstverständlich geworden. Längst ist die Welt nicht mehr so, wie sie noch ein altes Ölbild im Seafarers & International House zeigt: Von der New Yorker Battery schweift der Blick auf die stürmisch wogende See hinaus, auf Schiffe mit geblähten Segeln, die von weit her nach New York gelangen in Zeiten, wo «von weit her» noch wirklich von weit her meinte. Heute dagegen scheint alles einfach.

Hohe Spesen, tiefe Gagen

Noch nie spielten Schweizer Jazzmusikerinnen und -musiker derart geballt in New York wie jetzt in diesen Tagen. Es ist John Zorn, der sie gerufen hatte. Der Saxofonist, Mitbegründer der New Yorker Noise-Szene, ist mit seinem Œuvre eine der prägenden Figuren der zeitgenössischen Musik der letzten dreissig Jahre. Heute lädt er als Künstlerischer Leiter des Jazzclubs The Stone im East Village auch Indie-Labels mit ihren Musikern ein. Vor zwei Jahren bot er so dem Betreiber des Zürcher CD-Labels Intakt, Patrik Landolt, das Kuratorium für The Stone an: «March 2012 is yours!»

Und jetzt treffen die Zürcher Jazzer also alle nach und nach ein fürs zweiwöchige Intakt-Festival, teils sind sie im Seafarers & International House einquartiert: Co Streiff, die Saxofonisten Michael Jaeger und Jürg Wickihalder, die Pianistinnen Gabriela Friedli und Irène Schweizer, die Bassisten Jan Schlegel und Fabian Gisler, der Gitarrist Philipp Schaufelberger, der Posaunist Samuel Blaser und gleich vier Schlagzeuger: Lucas Niggli, Pierre Favre, Dieter Ulrich, Julian Sartorius. Einen immensen Aufwand haben die Intakt-Musiker betrieben, bedenkt man die Bedingungen der Konzerte hier. The Stone zahlt nämlich weder Flugreisen noch Hotels, die Musiker spielen «on the door», bekommen also als Gage einfach die Eintrittsgelder, was bei rund 100 Plätzen und 10 Dollar Eintritt auf keinen Fall üppig sein kann. «Wenn man die Chance bekommt, in John Zorns Club die eigene Musik zu verbreiten, muss man einen triftigen Grund haben, um Nein zu sagen», meint aber Intakt-Chef Patrik Landolt dazu. «Wir haben dank The Stone eine Publizität, die weit über den Anlass hinausgeht.»

Eine Nation von Drummern

Tatsächlich haben sich die Jazzkritiker der «New York Times» fürs Festival angekündigt. Und im «New York City Jazz Record»-Heft, das in den meisten Jazzclubs hier stapelweise aufliegt, kommen die Schweizer ausgiebig zu Wort: der Zürcher Schlagzeuger Dieter Ulrich gibt etwa in einem eigenen Text Einblick ins Jazzland Schweiz – und mancher New Yorker Jazzliebhaber dürfte staunen darüber, dass die Schweiz mit Charly Antolini, Pierre Favre, Daniel Humair und Peter Giger die wichtigsten europäischen Jazzschlagzeuger stellt.

Am ersten Abend des Intakt-Festivals spielen unter anderem der britische E-Gitarren-Tüftler Fred Frith (selber auch Intakt-Künstler) und der Zürcher Drummer Lucas Niggli im Duo. Luftig, leicht, lausbubenhaft setzt Lucas Niggli gleich zu Beginn ein Glanzlicht. Ein Zuschauer im The Stone hat das Konzert auf Video aufgenommen. «Kann ich eine Kopie haben?», spricht ihn Niggli später an. Ja, dieser Gig ist auch für ihn nicht alltäglich. Niggli stört sich auch nicht an lediglich 210 Dollar Gage an diesem Abend. Genauso wenig wie über die schlichte Infrastruktur im The Stone, der so ganz anders ist als die meisten bekannten New Yorker Jazzclubs.

Man nehme The Jazz Standard an der 27th Street, wo man in diesen Tagen dem Pianisten Matthew Shipp lauschen kann. Ein Hauch von Nachtclub am Eingang, ein Baldachin mit türkisblauen Lämplein, eine rote Leuchtreklame. Das Publikum sitzt auf roten Lederstühlen, trinkt, pickt einen Happen. Es kann schon mal passieren, dass Matthew Shipp auf dem Bandstand irritiert aufblickt, wie ein Kellner ein Hähnchen serviert.

Im The Stone gibt es keine Hähnchen. Dieser Jazzclub ist ein reines Auditorium. Die Musik soll ganz im Zentrum stehen. Es gibt keine Bar, keine Getränke. Und ja, wer den Club sucht und nicht mit den Örtlichkeiten vertraut ist, findet ihn garantiert nicht. Keine Hausnummer, nicht das kleinste Schildchen, schon gar keine Leuchtreklame. Wenn man dann noch erfährt, dass The Stone keinerlei Werbung schaltet, kein Telefon hat, keine Programme druckt – dann fühlt man sich hier fast ein wenig erinnert an Arnold Schönbergs Verein für musikalische Privataufführungen. Die Art, wie sich The Stone nach aussen geradezu versteckt und sich der Kulturindustrie entzieht, hat etwas ähnlich Rigoroses. Und trotzdem – oder gerade deshalb – spielt hier die Elite des experimentellen US-Jazz.

Musiker auf Augenhöhe

Am zweiten Festivalabend spielt Lucas Niggli ein zweites Mal, diesmal mit dem E-Gitarristen Elliott Sharp und dem Bassisten Melvin Gibbs. «Ich wollte im The Stone nicht mit einer meiner fixen Bands kommen, sondern mit New Yorker Musikern experimentieren», hat Niggli zuvor gesagt. Glücklich ist er dann vor allem tags darauf mit Aufnahmen, die das Trio nach dem Konzert in einem Brooklyner Tonstudio machte: «Ich bin sicher, dass daraus eine Platte wird.»

Gerade um solche konkrete Resultate geht es auch Patrik Landolt: Das zweiwöchige Engagement soll nicht nur Presseecho auslösen, sondern auch musikalisch Spuren hinterlassen. Es gehe um Begegnungen, um die Pflege schon bestehender Zusammenarbeiten von Zürcher und New Yorker Musikern. Als Schweizer in New York verspüre man schon etwas von der «Aura der grossen Jazzgeschichte», sagt Landolt. Man dürfe das aber nicht als Machtgefälle deuten zwischen den Musikern, die sich heute «auf Augenhöhe» treffen würden: Gerade auch John Zorn schaue nicht von oben herab auf die europäischen Jazzer, im Gegenteil. «Er und die New Yorker Downtown-Szene haben bereits in den 1980ern den Amerika-Zentrismus überwunden.»

Der Bassist ohne Visum

Am dritten Abend tritt das Quartett Co Streiffs und des New Yorker Trompeters Russ Johnson auf. «Seit vier, fünf Jahren spielen wir zusammen», unterstreicht Johnson die Solidität des helvetisch-amerikanischen Projekts. Anstelle von Christian Weber zupft ein New Yorker Musiker jetzt den Kontrabass – ganz ordentlich, aber Weber mit seiner Urwüchsigkeit fehlt hier doch.

Dass der Zürcher nicht dabei sein kann an diesem Abend, will im The Stone niemandem so recht in den Kopf. Amerikanische Musiker können problemlos in Europa einreisen. Die Schweizer Musiker benötigten aber alle ein Arbeitsvisum für ihren New-York-Gig, und auf der amerikanischen Botschaft in Bern hatten sie teils stundenlang warten müssen. Die Einreise in die USA habe sich fast so schwierig gestaltet wie früher die in die alte Sowjetunion, erzählt Patrik Landolt. Ein unvorstellbarer Papierkrieg. «Die USA diskriminieren die Europäer.»

Das Befremden des Trompeters

Ob das Gesuch Webers verschleppt wurde, weil dieser in den letzten Monaten nach Malaysia, nicht gerade eine freundnachbarliche Nation der USA, gereist war? Im The Stone kann man nur rätseln. Dem Amerikaner Russ Johnson bleibt es vorbehalten, seinem Befremden über die US-Botschaft in Bern Ausdruck zu geben: «Unverständlich!» Johnson schüttelt den Kopf.

Und man denkt zurück ans Seafarers & International House, an die alten Ölbilder mit Schiffen auf stürmischer See. Manchmal türmen sich heute noch hohe Wellen zwischen neuer und alter Welt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2012, 11:48 Uhr

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