«Improvisation wird immer wichtiger»

Für Schlagzeuger Jojo Mayer ist klar: Werden alte Hits aus dem Müll gefischt, ist es vorbei mit der Kreativität, den Major-Labels und der Branche überhaupt. Der Schweizer fordert mehr Spontaneität.

«Das Schlagzeug wurde erfunden, um zu kommunizieren»: Jojo Mayer improvisiert am Schlagzeug – und im Leben.  Foto: Mark Wohlrab

«Das Schlagzeug wurde erfunden, um zu kommunizieren»: Jojo Mayer improvisiert am Schlagzeug – und im Leben. Foto: Mark Wohlrab

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War Ihr früher Entscheid richtig, nach New York zu gehen?
Absolut. Aber es war eigentlich kein Entscheid. Solche Dinge werden einem vom Leben zugeordnet.

Wie meinen Sie das?
Ich hatte eine aussergewöhnliche Kindheit: Als Fünfjähriger sprach ich fünf Sprachen, ich wuchs in Hongkong, in Italien, in Spanien auf. Als Eineinhalbjähriger sass ich vor dem Schlagzeug. Ausserdem wirkte auch die Situation der Musik in der Schweiz mit hinein: Will man dort als Musiker überleben, muss man extrem nah am Mainstream sein. Kreativität ist in der Schweiz nur in Mikrokosmen gewährleistet: Banknoten designen und solche Dinge, da sind die Schweizer super. (lacht) Aber wo man gross und in die Weite denken muss, da sind die Schweizer schlecht. Weil ich keinen Mainstream machen wollte, musste ich mir eine Plattform suchen, von der aus ich die ganze Welt erreichen konnte. Als ich auswanderte, gab es ja noch kein Internet und keine Handys.

Wieso meinen Sie, dass man in der Schweiz nicht in die Weite denkt?
Ich glaube, es hat mit der amerikanischen Grundeinstellung zu tun, die Grösse nicht nur erlaubt, sondern erfordert. Aber inzwischen hat sich das geändert. Der Entscheid, nach New York zu gehen, wäre heute nicht mehr so wichtig, wie er es bis Ende der 90er-Jahre war. New York ist zu einem Ferienparadies für reiche Leute geworden. Es gibt keine Subkultur mehr. Ich bin mir nicht sicher, ob ich, wäre ich nochmals 25, ins heutige New York ziehen würde.

Ist New York kein Zentrum mehr für die zeitgenössische Kunst?
New York ist so zeitgemäss wie jede grosse Metropole auf der Welt. Die Frage ist, ob grosse Metropolen noch zeitgemäss sind. Ihr Problem ist, dass sie extrem teuer geworden sind. Junge Leute ohne viel Geld können darin kaum mehr Fuss fassen, die gehen in kleine Städte. Man sieht heute vereinzelte Kapseln der Kreativität, die aus der Isolation herauswachsen. Die kreativen Jungen kommen aus Düsseldorf, aus Lyon, aus kleinen Städten in Amerika, aber nicht mehr unbedingt aus den grossen Städten. In der elektronischen Musik spielt zum Beispiel die ehemalige Sowjetunion eine Rolle. Gehst du auf Soundcloud, hörst du abgefahrenes Zeug von irgendwelchen Leuten in der Ukraine. Es spielt keine Rolle mehr, wo du wohnst.

Sie sagten einst, Sie wollten in New York wohnen bleiben, weil dort der Swing aus dem Wasserhahn tropfe.
Okay.

In diesem Sinn ist New York anders als Zürich oder das Internet.
Das Lebensgefühl mit Swing und Jazz ist eine ganz authentische amerikanische Angelegenheit, ja. Das ist auch etwas, das man nicht lernen kann. Jeder Lastwagenfahren in den USA kann dir einen Song von Frank Sinatra vorsingen. Der amerikanische Mainstream ist Jazz, Glenn Miller als Volksmusik.

Ist diese Tradition übermächtig geworden? Sie haben die Musik auch schon mit der Computerbranche verglichen: Die sei nach vorne gerichtet, die Musik nach hinten.
Ja, im Moment sind wir in der Musik am Ende der Strasse angekommen. Die Rockmusik? Sie ist ein ästhetisches Überbleibsel, mit dessen Stilelementen die Leute noch ein wenig herumspielen, aber die Idee des Rock ist nicht mehr da. Ich ging nach Amerika, weil ich Jazz spielen wollte. Aber ich merkte, dass ich 40 Jahre zu spät kam. Jazz ist eine akademische Disziplin geworden. Thelonious Monk würde die Thelonious-Monk-Competition jedenfalls nicht mehr gewinnen.

Warum haben Jazz und Rock ihre Offenheit gegenüber der Zukunft verloren?
Die Leute, die das Protokoll machen in der Musikbranche, kommen nicht aus dem alten heraus. Das ist wie jene Affenfalle in Südostasien. Dort fängt man Orang-Utans mit einer Holzkiste, die ein Loch hat, das genauso gross ist wie die Hand des Affen, und in der Kiste ist eine Nuss. Wenn der Affe die Hand wieder rausnehmen will, kommt er mit der Faust nicht durchs Loch. Der Affe käme nicht auf die Idee, die Nuss loszulassen. Genau so ist die Branche.

Ist sie am Ende?
In der Musikbranche wird nichts mehr entstehen. Das ist Vergangenheit. Die Major-Labels, glaube ich, werden zusammenbrechen. Zum Beispiel die letzte Michael-Jackson-Platte: Da wird Zeug aus dem Mistkübel gefischt, das vor fünfzehn Jahren nicht genug gut war. Man gibt es irgendeinem Produzenten, der motzt es etwas auf, und dann verkauft man es den Leuten als etwas Grossartiges. Aber es ist ein Desaster. Abseits der grossen Plattenfirmen gibt es nach wie vor viel Kreativität.
Mir geht es zuerst um Kommunikation. Das ist es, was ein Schlagzeuger macht. Ein Schlagzeuger ist ein «Communicator». Das Schlagzeug gäbe es nicht, wenn es nicht erfunden worden wäre zum Kommunizieren. Und es geht mir um Improvisation. Das ist für mich fast wie ein Manifest.

Ein Manifest?
Kreativität kann ich am besten illustrieren, indem ich improvisiere. Improvisation wird in den nächsten Jahrzehnten etwas vom Wichtigsten werden in der Menschheit. Weil man nichts mehr planen kann. Weil sich alles so schnell ändert. Es wird zum Beispiel der Punkt kommen, wo es Facebook nicht mehr gibt; wir sind vielleicht nicht fünfzehn Jahre davon entfernt, sondern zwei. Ein Terroranschlag kann von einem Tag auf den andern alles verändern, oder eine Erfindung. In den letzten Jahrhunderten lebte die Menschheit in Zeitabständen: Ab und zu kam eine Waschmaschine zum Einsatz, ich meine, es gab eine Revolution. Wie die Industrialisierung. Heute steigen wir von einer Waschmaschine direkt in die nächste um. Improvisation wird so zum Taskmanagement.

Sie spielen mit dem Zurich Jazz Orchestra ein Programm, das um Buddy Rich kreist, den Schlagzeuger der 40er- und 50er-Jahre. Das ist nicht das, was Sie sonst machen.
Gut. (zögert) Buddy Rich kann man nicht ignorieren als Phänomen. Er war technisch unglaublich; Leonard Bernstein meinte gar, er sei technisch der beste Musiker überhaupt. Buddy interpretierte die Musik extrem roh, ging brachial an die Stücke heran. Das hat mit seiner Geschichte zu tun. Buddy war früh ein Superstar, der bestbezahlte Kinderstar in Amerika – mit entsprechendem Effekt auf seine Psyche. Seine ganze Biografie ähnelt der von Orson Welles oder Charlie Chaplin: It’s a big American story! Das fasziniert mich.

?Jojo Mayer & Zurich Jazz Orchestra: Buddy Rich Tribute. Samstag, 1.?11., 19.30?Uhr, Gessnerallee Zürich. Jojo Mayer’s Nerve: Donnerstag, 20.?11., 20?Uhr, Exil, Zürich. www.jazznojazz.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.10.2014, 20:59 Uhr

Jojo Mayer

Schlagzeuger und aufregender Wunderknabe

Jojo Mayer ist einer der aufregendsten Drummer – und das über die elektronische Musik und den Jazz hinaus. Er spielt technisch so behände Beats, dass man sie nur einer programmierten Maschine zutrauen möchte. Aber Jojo Mayer will gerade nicht Maschine sein: Was den Menschen aus­mache, sei, dass er nicht binär mit 0 und 1 codiert sei. Entsprechend klingt die Musik von Nerve, seines Trios. Es sind humanisierte, improvisierte Breakbeats.

Mayer, heute 51, war früh ein Wunderknabe des Schlagzeugs. Mit 18 tourte der Sohn des Zürcher Bassisten Vali Mayer mit dem Jazzpianisten Monty Alexander. Seit einem Vierteljahrhundert lebt Mayer nun in New York. Dort sorgt er nicht nur mit seiner Musik für Aufsehen, sondern auch mit den «Prohibited Beatz»-Partys, die er organisiert. Auch die «New York Times» oder die «Village Voice», das Szeneblatt der Downtown, haben über ihn berichtet. (cme)

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