In turbulenten Zeiten ist auf einen wie ihn Verlass 

Entschieden gegen den Rechtsruck: Herbert Grönemeyer fordert in seinem neuen Album «Tumult» Selbstverständlichkeiten ein.

Strahlt gute Ruhe aus: Herbert Grönemeyer. Foto: Antoine Melis

Strahlt gute Ruhe aus: Herbert Grönemeyer. Foto: Antoine Melis

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Es sind Tage, in denen Selbstverständliches nicht mehr selbstverständlich ist. Zusammen reden? Multikulturelles Zusammenleben? Solidarität? Ja, was zählt das eigentlich alles noch? An diesen gegenwärtigen Ausnahmezustand, in dem gesellschaftliche Grundwerte bedroht sind, erinnert Herbert Grönemeyer, wenn er mit seiner unkopierbaren Singstimme den Satz «Der Tag ist alles ausser gewöhnlich» intoniert, gleich zu Beginn seines neuen Albums «Tumult».

Natürlich ist der Song«Sekundenglück» dann ein Liebes- und kein kämpfendes Politlied, weil Deutschlands immer noch erfolgreichster Popmusiker weiss, wie er sein grosses Gefolge einfangen kann. Eines, das allenfalls abgeschreckt ist durch den Titel und erstmals beruhigt werden möchte – mit einem flüchtigen, aber sanft klingenden Glücksversprechen, mit dem das Album anhebt.

Integrations-Statement

«Tumult» zeigt an, dass der 62-Jährige die Zeichen der Zeit versteht und sich nicht nur um persönliche Befindlichkeiten kümmert. Im Vorfeld der Veröffentlichung erinnerte Herbert Grönemeyer auch an 1993, als er auf seinem Album «Chaos» nach den Brandanschlägen auf Asylbewerberheime gegen die Neonazis angesungen hat – mit Parolen wie «Hart im Kopf, weich in der Birne».

Auf «Tumult» klingt der Widerstand nachdenklicher, weniger platt, aber nicht unbestimmt oder ungefähr, wie bei so vielen anderen Popstars seiner Liga, die Positionsbezüge scheuen. Da ist «Fall der Fälle», das balladenähnlich beginnt und die Wut, die «bräunt», beschreibt – und gegen Ende locker lostänzelt, wenn ein Chor mit der Zeile «Keinen Millimeter nach rechts» die politische Position, die Haltung gegen den Hass von rechts markiert.

Eine Premiere: Herbert Grönemeyer singt türkisch und deutsch. Quelle: Youtube

Und da ist natürlich die bereits bekannte Single «Doppelherz/Iki Gönlüm» mit dem türkisch gesungenen Refrain und dem Gast-Rap: Grönemeyer liefert mit diesem Song sozusagen das Integrations-Statement nach, das Deutschland, als Mesut Özil im Sommer aus der deutschen Nationalmannschaft zurückgetreten war, so schmerzlich fehlte.

«Leichtsinn und Liebe»

Nicht, dass Herbert Grönemeyer nun nach absoluter Zeitgenossenschaft strebt: Die Sounds auf «Tumult» klingen angejahrt, bestenfalls zeitlos – die Publikumsmassen hat diese Popmusik stets im Blick. Denn mit «Tumult» sagt er eben auch: auf mich ist Verlass, in Zeiten, in denen «Hasardeure gerade einen Lauf» haben, wie er in «Leichtsinn und Liebe» singt.

Für diese Verlässlichkeit ist man Herbert Grönemeyer dankbar. Dankbar für ein Album, das Selbstverständlichkeiten adressiert und für sich reklamiert – und im Tumult der Gegenwart eine gute Ruhe ausstrahlt.

Herbert Grönemeyer: «Tumult» (Universal). Konzert: 17. März 2019, Hallenstadion, Zürich. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 08.11.2018, 18:02 Uhr

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