Mundart-Rap

«Irgendöppis hani richtig gmacht!»

Die Berner Lo & Leduc veröffentlichen mit «Zucker fürs Volk» ihr erstes offizielles Album. An der Plattentaufe im Bierhübeli ernten sie die Früchte einer brotlosen Zeit – die grossen Gesten sind gerade gross genug.

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Schon vor Konzertbeginn ist das Tanzparkett im Bierhübeli so klebrig, dass man stellenweise kaum vom Fleck kommt. Vom ausgeschütteten Bier kann das kaum sein. Das Publikum des Berner Duos Lo & Leduc ist jung, es trinkt vornehmlich zuckerhaltige Alkoholgetränke, und es stört sich nicht daran, dass seine Helden erst um Mitternacht zu spielen beginnen. In dieser Freitagnacht wird das geschehen, was alle erwartet haben: Die Plattentaufe wird ein grosses Fest werden, geschmissen von den zwei langjährigen Freunden Lo & Leduc, die sich ihre Fangemeinde mittels dreier Gratisalben verdient haben. Nun trumpfen sie mit dem ersten offiziellen, pompös aufbereiteten Tonträger auf. Geplant war das so nicht, aber es hat geklappt: Platz drei in den Albumcharts und ein Bierhübeli^, das zwei Nächte hintereinander ausverkauft vermeldet.

Vorbei die Zeiten, in denen Lo & Leduc mit einem DJ im Rücken vor ihren besten Freunden spielten. Jetzt, Mitte zwanzig, sind sie interessant für ein breites Publikum und haben Verstärkung von der neunköpfigen Band namens Pacomé. Da sind auch Trompete, Saxofon und eine Hintergrundsängerin mit von der Partie, und es scheint, als sollte jetzt, da es ernst gilt, aus allem das Maximum herausgeholt werden. Etwas anderes war auch nicht zu erwarten, wurde «Zucker fürs Volk» doch vom Zürcher Dodo Jud produziert. Er hat schon Steff la Cheffe in die Charts gehievt und weiss genau, welche Beats und Synthesizerkompositionen es zu unterlegen gilt, um die Radiomusik-Konsumenten gleichermassen wie einen Teil der schmallippigen Popkritiker zufriedenzustellen.

Hipp, charmant, kultiviert

Lo, der kühle Blonde mit dem hippen Knoten im Haar, und Leduc, der Charmante mit den gepflegten Locken, sie tragen nun Hemden, sie sind kultiviert, und – sie sagen es an diesem Abend gleich selbst – sie sehen aus wie Traumschwiegersöhne. Sie sind zwei sprachgewitzte Jungs, die den Erfolg zu schätzen wissen. «Danke öich aune», rappt Lo in einem kurzen Freestyle-Intermezzo, während die Trompete aufheult und Leduc einen seiner Latino-Tanzschritte zum Besten gibt. Sie bringen sowohl ihre frühen Hits («Räuber u Poli», «Dr Louf») wie auch ihre neuen, kalkuliert schmissigen Lieder, die immer irgendwo zwischen Rap, Reggae und Pop pendeln.

Das klingt zwar gerade bei «Blaui Peperoni» mit diesen sauber arrangierten Bläsern, Steeldrums und Handclaps nach einem Werbelied für All-inclusive-Ferien auf Mallorca. Aber dafür ist das balladeske «Magma im Arm» ein schickes Stück. Es tönt zugleich elektronisch modern, musikalisch spannend und klug getextet: «Ghörsch du mi flueche / Es verbrönnt mer aus / Aber i möchte ds nid tuusche / Mir chöi no läbe mitem Magma im Arm.» Bei Lo & Leduc ging und geht es immer auch um Wörter, die sich gut anfühlen im Mund: «Magma im Arm», «Bini bi dir», «Madrugada Mia». Das tönt rund und sinnlich; ein Ohrenschmaus.

Als die Kollegen von der Berner Hip-Hop-Truppe Eldorado FM auftauchen, wirkt das wie ein Erwachen aus einem Disney-Märchen. So, wie die Rapper Dezmond Dez, Tommy Vercetti, Manillo und CBN die Bühne entern, sich bei Lo & Leduc einhacken und dem Publikum den Mittelfinger entgegenstrecken, ist das ein unverschämter Weckruf. Und der kommt unglaublich gut an diesen Abend, mit einer Aggression, die gerade noch gefehlt hat. Nur schade, ist die Musik – wie überhaupt den ganzen Abend – unpräzise abgemischt. Die mit Menschen und Instrumenten überladene Bühne: Ist es zu viel für die Tontechnik? Die Synthesizer, die vielen Stimmen, sie alle vermengen sich mit den organischen Instrumenten zu einem dickflüssigen Brei. Aber die Meute springt im Takt.

Macht dick, macht süchtig

«Irgendöppis hani richtig gmacht!», singen Lo & Leduc. Sie feiern die Zeit ihres Lebens, so scheint es. Und alle machen mit. Die grossen Gesten sind in dieser Nacht gerade gross genug – und wirken bei Lo & Leduc nie, wirklich nie, aufgesetzt.

Zucker, dieser Bastard. Er macht dick, und er macht süchtig. So oder so ähnlich verhält es sich auch mit der Musik von Lo & Leduc. Um zwei Uhr morgens verlassen die zwei Kollegen die Bühne. Aber nur, um sich schon ein paar Minuten später am Merchandisingstand in Stellung zu bringen.

Als die Kollegen von der Hip-Hop-Truppe Eldorado FM auftauchen, wirkt das wie ein Erwachen aus einem Disney-Märchen. (Der Bund)

Erstellt: 29.04.2014, 12:46 Uhr

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Clip: «All die Büecher»

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