It’s a Man’s Man’s Man’s World

Warum schreiben so wenige Frauen über Rockmusik? Ein Aufruf.

Kein Sinn für Poesie: Die australische Rockband AC/CD bei ihrem Auftritt in der Schweiz vor vier Jahren. Foto: Adrian Moser

Kein Sinn für Poesie: Die australische Rockband AC/CD bei ihrem Auftritt in der Schweiz vor vier Jahren. Foto: Adrian Moser

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Morgen werden AC/DC den Letzigrund füllen und ihre dreckigen Hymnen absingen über das Mannsein und das Grosseeierhaben und das Dieganzenachtgeschütteltwerden und das Sichsuperfühlenaufdemwegzurhölle und andere in der Art. Wer Rainer Maria Rilke liebt oder zu sehr auf Ingeborg Bachmann steht, soll sich in einen anderen Teil der Stadt verziehen; Poesie gehört nicht zu den Stärken der australischen Fräsmaschinen, aber gerade darum mag man sie. Sie singen genau so, wie sie spielen, aufs Nötige beschränkt, selbstironisch und auf unwiderstehliche Weise eingängig. Simpel, berechenbar, triebgesteuert. Männlich halt.

Aber anders, als Goetheaner und Veganerinnen sich das möglicherweise vorstellen, finden viele Frauen harte Gitarren anregend. Auch die rüttelnden Rhythmen von Hip-Hop oder Heavy Metal gefallen nicht nur Männern, die kurze Hosen tragen oder lange Haare. Sowieso drängt eine wachsende Zahl von Frauen auf die Bühne, eine ganze Generation begabter Sängerinnen füllt die Hallen. Madonnas Publikum bedeckte im Herbst 2008 den ehemaligen Militärflugplatz von Dübendorf, das hatten vor ihr nur die Stones geschafft. Wenn das keine weibliche Eroberung eines männlichen Hoheitsgebietes ist.

Zwischen den Kopfhörern

Und trotzdem: Auf den Pressetribünen sitzen fast nur Männer. Es ist wie beim Fussball und im Gitarrenladen. Musikmagazine werden von Männern geschrieben und von Männern gestapelt. Die Plattenläden, als es die noch gab, wurden von Männern geführt, und es standen meistens Männer zwischen den Kopfhörern. Warum ist das so geblieben? Frauen schreiben über Film, Kunst, Theater, Literatur, Ballett, klassische Musik. Über Rockmusik schreiben sie nicht.

Oder kaum. Patti Smith verfasste eine Zeit lang Texte über Musik, die sich genauso eigenwillig lasen, wie sich ihre Songtexte anhörten. Louise Wener, Sängerin der früheren Britpop-Gruppe Sleeper und seither Schriftstellerin, hat mit «Different for Girls» ein brillantes Buch über das Frausein in einer Männerband geschrieben. Kim Gordon, Bassistin bei Sonic Youth, hat mit ihrer dunklen Autobiografie die Kritik begeistert. Camille Paglia, die feministische Kunsthistorikerin, mischt sich bis heute in den Pop-Diskurs ein. Ellen Willis verfasste in den Sechzigern grossartige Artikel für den «New Yorker». Die sarkastische Julie Burchill schrieb in den Punk-Jahren wie ein Maschinengewehr. Ihre Kollegin Sylvie Simmons, die vor zwei Jahren eine vorzügliche Biografie über Leonard Cohen veröffentlichte, gehört zu den Besten des Genres.

Schreiben, wild und schön

Aber es bleiben viel zu wenige, immer noch; und das 64 Jahre nachdem Big Mama Thornton «Hound Dog» ins Mikrofon drückte, die Abrechnung mit dem Mann an sich. Wuchtig, höhnisch, sexuell. «Die Welt braucht Rock-Kritikerinnen», titelt die Musikjournalistin Anwen Crawford im «New Yorker» und hält daran fest: «Das Problem für die Frauen liegt darin, dass unsere Rolle in der Populärmusik schon lange festgeschrieben ist.» Dass sie in dieser Männergitarrenwelt nichts zu suchen hätten und immer noch als Groupies wahrgenommen würden, unterwürfig und verfügbar. Crawford beschreibt Episoden, in denen ihre Begeisterung oder die anderer Frauen von Männern abgewertet wurde, als Inkompetenz verhöhnt. Was ihr selber an dieser Musik gefällt, sie sagt es so: «The spectacle, the chicanery, the beautiful lies it tells us.» Spektakel, Täuschungsmanöver, schöne Lügen.

Aber sind ihre Klagen noch aktuell, wirklich nur die Männer daran schuld, dass so wenig Frauen gegen die Abwertung ihrer Begeisterung anschreiben? Werden Autorinnen wirklich noch daran gehindert, sich wild und schön über Musik zu äussern? Oder fehlt es an ihrer geduldigen Bereitschaft zum Mythologisieren, zur flackernden Exegese, zum nächtelangen Verstehen der Texte und Akkorde?

PS: Bob Dylan sagte vor ein paar Jahren in einem Interview, er möge keine Frauen auf der Bühne, sie würden sich nur prostituieren. Was denn mit Joni Mitchell sei, fragte der Interviewer, ohne die Behauptung im Grundsatz zu hinterfragen. «Sie ist nicht wirklich eine Frau. Joni ist eine Art Mann.»

Es braucht euch wirklich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.06.2015, 00:07 Uhr

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