Jackson würde nicht so klingen

Der erste Eindruck – Stück für Stück – vom zweiten posthumen Michael-Jackson-Album «Xscape», das am Freitag erscheint.

Posthume Liebeserklärung: «Love Never Felt So Good» von Michael Jackson.


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Michael Jackson veröffentlicht am Freitag ein neues Album. Natürlich nicht: Michael Jackson – Ikone der Popmusik, grösste vielleicht aller Showgrössen – ist seit Juni 2009 tot. Und dennoch hat er seit seinem Tod über 600 Millionen Dollar eingespielt. Die Verwertungsmaschinerie läuft munter weiter. Nach «Michael» im Jahre 2010 ist das morgen erscheinende «Xscape» bereits das zweite posthume Album mit unveröffentlichtem Material, das seine Plattenfirma Sony Music herausgibt.

Dafür wurden von Plattenboss LA Reid und seinem Team fertiggestellte Überbleibsel aus Albumsessions der vergangenen 15 Jahren aussortiert und an zeitgenössische Produzenten weitergegeben. Das Ziel: Den fertigen Demo-Songs ein neues, modernes Gewand geben. Die Oberaufsicht über das Projekt wurde dem Urban-Music-Schwergewicht Timbaland erteilt. Auf «Xscape» sind nur acht Lieder mit einer Gesamtspieldauer von mickrigen 34 Minuten zu hören. Gehen wir sie Stück für Stück durch.

1. «Love Never Felt So Good»: Das Album beginnt sanft und discoid. Wir hören einen befreiten, fröhlichen Jacko. Das Stück schrieb er 1983 mit Paul Anka, lesen wir im Booklet. Ansatzweise klingt das fast noch nach «Off the Wall»-Ära. Ein paar typische Schnippser und dann perlt die Musik schön aus. Pling!

2. «Chicago»: Ein wobbeliger Synthie-Bass, ratternde Drums, spacige Sounds – wir sind in der Moderne angekommen. Jackson singt mit Pressstimme, die äusserst gut aufgehoben ist im Soundbild und die schwelgerischen Sounds gut kontrastiert. Das Stück, produziert von Timbaland, basiert auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1999.

3. «Loving You»: Der Song berichtet von leichten, luftigen, unbeschwerten Zeiten. Der recht maschinelle Groove kontrastiert mit der warmen Stimmung. Wiederum «kontrastiert»: Man merkt schon jetzt, dass die Produzenten bei diesem Projekt recht durchdacht und mit hohem Respekt vor dem Meister agiert haben.

4. «A Place with No Name»: Schön! Der schnappatmende Michael Jackson! Man muss ihn lieben. Dann klingt es irgendwie nach Jackson-Stücken, die man schon kennt. Das Produzentenduo Stargate unterstützt hier den Sänger recht galoppig und synthetisch beim Wunschtraum-Storytelling. Druckvoller R-&-B-Pop. Mit jahrelanger Hitschreiber-Erfahrung heben sie hier den Song gen Refrain immer wieder schön an.

5. «Slave to the Rhythm»: Hier empfangen einen Streicher – wie in einem schicksalshaften Moment eines Films. Dann wird daraus ein Robo-Pop-R-&-B-Stück – ähnlich wie man es von Schwester Janet oder Ciara kennt. Notiz: Bis jetzt kein Song dabei, vor dem man auf die Knie gehen müsste. Jemand an der Listening Session sagt: «Es fehlt einfach etwas.»

6. «Do You Know Where Your Children Are»: Der Synthesizer tingelt fast schon wie in den Achtzigern. Jackson jauchzt. Muss auch mal sein. Der Beat wird männlich durchgezogen. Gegen Ende werden die «Children» dann noch zur «Dirty Diana» und die Gitarre darf jaulen. Zuvor hat er neunmal die Worte «save me» wiederholt. Meinte er damals, in diesem Fall bereits während der «Bad»-Session, sich selbst? Es scheint fast so.

7. «Blue Gangsta»: Wieder ein filmischer Einstieg. Seine Stimme klingt diesmal wolkig und verfremdet. Dann wieder einer dieser überstrammen, ratternden Beats, die man glaubt schon mehrfach gehört zu haben. Ein schönes Arrangement: Der Beat ist eine Dampflok, die zwischendurch zum D-Zug wird. Und Jackson versteigt sich auch mal ins Schwelgerische.

8. «Xscape»: Eine Bearbeitung von R-&-B-Schwergewicht Rodney «Darkchild» Jerkins. Er hat für Jackson einen düsteren, grollenden, drückenden Beat gebastelt. Die beiden haben über Jahre mehrfach gemeinsam an der Grundlage gearbeitet. Wiederum: Es gibt bekannte Songs, die ähnlich klingen. Vor allem im Mittelteil. Die kurzen Bläsereinsätze klingen nach Revue-Sound. Das Wort «Xscape» hallt noch mehrfach nach. Das soll wohl aufs Album übergehen.

Dann kann er grooven

Fazit: Das Album zeigt auf recht eindrückliche Weise die enorme Bandbreite, die Michael Jackson als Sänger und Songwriter beherrschte. Sein Gesang kann mehrere Charaktere, mehrere Stimmungslagen wiedergeben, ganz unterschiedlich agieren und komplettieren – und «Xscape» liefert dafür neuerlich einen eindrücklichen Beweis.

Genauso die Arrangements: Ein Jackson-Song ist nie eindimensional. Leider hat die moderne Produktion – trotz aller Klasse – einige Songs ein Stück weit eindimensionaler gemacht. Warum: Weil es eben Jetztzeit-Sound ist, und über den hat sich Jackson zu Bestzeiten stets hinweggesetzt. Hinzu kommt, dass es sich eben doch um Ausschussmaterial handelt: Würden die Songs so gut haften wie seine grossen Hits, hätte er sie zu Lebzeiten veröffentlicht. Das Resümee muss also lauten: Es ist gute Musik mit R-&-B-Einschlag – aber, trotz dem Etikett, nicht ganz Michael Jackson.

Bemerkung: Eine letzte Auffälligkeit muss noch angeführt werden (und die sollte auch klarmachen, dass das Hören von «Xscape» durchaus Spass macht): Auf dem Album ist mehrfach schön zu hören, wie wohl sich Jackson in einem (halbwegs seinem) Song fühlt: Die Passagen, wenn die Strophen eigentlich schon Geschichte sind und alles eigentlich schon gesagt scheint, sind bei ihm mit die spannendsten. Dann kann er wirken, dann kann er grooven, dann kann er seiner Verzückung freien Lauf lassen und die Zeit mit seinen stimmlichen Sperenzchen auskosten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.05.2014, 09:08 Uhr

Michael Jackson: «Xscape». Epic Records, 2014.

Micael Jackson: A Place With No Name

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