Jahrhundertsongs und One-Hit-Wonders

Wer war in der Schweiz am erfolgreichsten? Und wer ist eigentlich «Monja»? Ein Blick zurück auf 50 Jahre Schweizer Hitparade.

Die Schweiz hat seit fünfzig Jahren eine offizielle Hitparade. Und damit haben sich auch fünfzig Jahreshits angesammelt, die von Abba bis Boney M., von Kylie Minogue bis zu Schnappi, dem Krokodil und von DJ Bobo bis Ed Sheeran führt.

Die erste Nummer 1 der offiziellen Schweizer Hitparade war ein Schock. Nicht, weil das Lied das widerspiegelte, was die Gesellschaft 1968 beschäftigte und die Jugend in Aufwallung versetzte: Krawalle, Rock’n’Roll, Rebellion. Sondern weil es ein lupenreiner Schlager gewesen ist. «Monja» heisst diese Single, die vor 50 Jahren das meistverkaufte Lied in der Schweiz war, und den Sendungserfinder und Moderator Christoph Schwegler verzweifeln liess. «Man stelle sich vor: Überall auf der Welt Studentenunruhen – und ich präsentierte Schnulzen wie ’Monja’ von Roland W.», erinnerte sich Schwegler zum Jahresanfang im Schweizer Radio. Mit der Hitparade wollte er ein Format für tolle, bahnbrechende und hierzulande noch nicht ausgestrahlte Popmusik gestalten. Stattdessen musste er eine bessere Schlagersendung verantworten.

Wenn man so will, leben die Geister von «Monja» in der Schweizer Hitparade seit je fort. Denn die Sendung, damals noch unter dem Namen «Bestseller auf dem Plattenteller», zeigt, auf was für Lieder sich die Musikkonsumenten einigen können. Und auch, welche Songs die Musikindustrie portiert. Da hatte es die heimelige Melodie der Sehnsucht schon immer einfacher als das Laute und das Neue, das in den Zeiten von Punk direkt aus Städten wie London importiert wurde – und nie in die Charts gelangte. Die Schweizer Hitparade, ja, Hitparaden per se, sind darum nicht Seismografen des gesellschaftlichen Umbruchs. Sondern des Durchschnitts. Sogenannt «wichtige» Musik? Fand und findet auf den Topplatzierungen abgesehen von Popgenies wie Abba oder Madonna – sie ist mit neun Nummer-1-Hits die erfolgreichste Musikerin – kaum statt.

So viele Nummer-1-Hits wie sie hatte in der Schweiz bislang niemand: Madonna, hier mit ihrem ersten Schweizer Grosserfolg «La Isla Bonita». Video: Warner (Youtube)

Eher finden sich Momentaufnahmen, schnell vergessene One-Hit-Wonders und später peinliche Lieblingslieder, die beim Durchkämmen der wöchentlichen Bestenlisten aufblitzen. Namen wie Dieter Bohlen, dem in seiner Produzentenrolle die meisten Hits der Chartsgeschichte gelangen. Ulkigkeiten wie Rednex und ihr Eurodancetrash, Sommerhits wie «Macarena». Kuriositäten wie der «Holiday Rap» von MC Miker & DJ Sven, der 1986 als erster Rapsong die Nummer eins erreichte. Geschichten wie jene von Baby Jails «Tubel Trophy», die es 2015 – und damit 13 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung – dank einer Protestaktion gegen einen SVP-Wahlkampfsong bis auf Platz 6 geschafft hat. Oder DJ Igos «Freude herrscht», das im Taumel der ersten Schweizer Fussball-WM-Qualifikation seit Jahrzehnten 1994 die Topplatzierung eroberte. Und wer hat 1988 nicht EAVs «Küss die Hand, schöne Frau» mitgeträllert?

Gilt als erster Rapsong, der in der Schweiz den ersten Platz erreichte: Der «Holiday Rap» von MC Miker G & DJ Sven. Video: Chuck «Andril» Onassis (Youtube)

So sind es Erinnerungen an den Soundtrack der jeweiligen Kindheit, und nicht der aufwiegelnden Jugendzeit, die die Single-Hitparade abruft. Die Album-Charts, die auf ein erwachseneres Publikum schielen, werden in der Schweiz erst seit 1983 ermittelt. Es sind Erinnerungen an jene Zeit, als man noch nicht selber Musik auswählen konnte, sondern lieber am Sonntagnachmittag das Radiogerät anschaltete, DRS 3 oder später SRF 3 anpeilte – und die grössten Hits der jeweiligen Woche auch auf Kassette mitgeschnitten hat.

Lieder wie «Monja» beweisen aber auch, dass die Hitparade für Nostalgiker und ihre popmusikalischen Vergangenheitsverklärungen ein denkbar schlechter Rückzugsort ist. Denn die Hitparade: War sie nicht immer schlecht und voller Trash? Und war nur dann für einige Jahre wohlgelitten oder gar lebensverändernd, als man gerade Kind war und sich all dieserMusik hemmungslos und ohne Geschmacksdünkel hingegeben hat?

Über Geschmack lässt sich ja streiten, über Zahlen aber nicht. So gesehen kann die offizielle Schweizer Hitparade gar nicht lügen, oder? Doch natürlich blieb und bleibt die Datenerhebung stets umstritten, auch weil das Reglement lange geheim geblieben ist: Das begann 1968, als die Tonträgerläden per Strichliste die Verkäufe erhoben. Von der «Schummel-Parade» war 2002 die Rede, als Grosshändler wie Ex Libris sich nicht mehr an der Erhebung beteiligten – und die Charts als Folge merklich frankofoner klangen. Auch 2011 gab es Manipulationsvorwürfe und die Schweizer Hitparade geriet in den Fokus der Wettbewerbskomission: Haben die Majorlabels wirklich die Hitparade manipuliert? Eine Petition mit dem Titel «Schaltet die Hitparade ab!» war die Folge, doch überlebt hat die Sonntagnachmittagsshow auch diese unruhigen Zeiten. Liegt derzeit auf Platz 52: «Du» von Nemo. Video: Bakara Music (Youtube)

Wie auch überraschenderweise den Übergang ins Streamingzeitalter: Noch immer hören Woche für Woche 500 000 Personen den Hitcountdown, obwohl es das leichteste auf der Welt wäre, diese Playlist mit den 100 grössten Hits der Woche selber nachzubauen. Es ist eine Playlist, in der Schweizer Musik nur einen verschwindend kleinen Anteil ausmacht: Derzeit tauchen unter den aufgelisteten Singles nur gerade zwei Nummern des jungen Nemo sowie drei Lieder des selbsternannten «Alpentainers» Trauffer auf. Und am Schluss steht zur Zeit sowieso immer der gänzlich unverfängliche Ed Sheeran an der Spitze der Charts.

Wenn nun das SRF 50 Jahre Schweizer Hitparade zelebriert, dann feiert es ein unverwüstliches Format, das schon damals, als es in die Schweiz importiert wurde, sehr alt geklungen hat. Und schon damals nicht die gesellschaftliche Relevanz hatte, die man sich ursprünglich erhofft hat. Die Schuld daran trägt nicht zuletzt eine angehimmelte Person namens «Monja». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.01.2018, 22:15 Uhr

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