Hintergrund

Jeder Takt zählt

Adrian Sterns Titelsong zur Spendenaktion «Jeder Rappen zählt» steht unter Plagiatsverdacht.

Abgekupfert? Adrian Sterns Song «Mueter».


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«Mueter, mach dir kei Sorge», sang Adrian Stern im offiziellen Song zur SRF-Spendenaktion «Jeder Rappen zählt» zum Thema «Mütter in Not» in der Weihnachtszeit. «Mit dieser Songzeile geleitet Adrian Stern die Hörer in eine Welt, in der die Mutter so viele existenzielle Sorgen hat, dass ihr Kind sie aufzumuntern versucht», hiess es zum Song auf der Website von DRS 3.

Existenzielle Sorgen könnte nun auch der Song selbst kriegen – es wurden Plagiatsvorwürfe laut: Die Ballade klinge wie das Lied «Mother» der französischen Band Cocoon fand kürzlich eine DRS-3-Hörerin, worauf Adrian Stern bei DRS 3 Stellung nahm. «Ich habe das Lied von Cocoon gekannt und auch oft gehört, es ist in meiner iTunes Library.» Das Lied von Cocoon sei aber bloss Inspiration für ihn gewesen. Auch bei Sterns Plattenfirma gibt man sich gelassen: «Wir sind keine Fachleute die im Bereich Plagiate genau ermitteln können, das sollen Fachleute machen. In unseren Ohren weisen die Harmonien und vorallem die Melodie der beiden Songs keinen grossen Zusammenhang auf», sagt Maurizio Dottore, Director Marketing and A&R bei Sony Schweiz.

Keine starre Definition

Michael Schuler, Leiter der Fachredaktion Pop-Rock SRF, sagt, man sei «erstaunt» gewesen, als man vom Plagiatsvorwurf hörte. Man habe beschlossen, die Angelegenheit sofort transparent zu machen, könne aber nicht beurteilen, ob es sich um ein Plagiat handle: «Wir warten ab, was Experten dazu sagen.» Geld sei Adrian Stern für den Song, den er ohne inhaltliche Auflagen verfasst habe, nicht bezahlt worden.

Nun ist es mit musikalischen Plagiatsvorwürfen so eine Sache. Laut Fabian Niggemeier von der Musik-Verwertungsgesellschaft Suisa gibt es keine starre Definition für ein Plagiat. So könne man nicht sagen, dass etwa vier Takte hintereinander kopiert sein müssen, damit man juristisch von einem Plagiat spricht. Wenn man ein bekanntes zweitaktiges AC/DC-Riff kopiere, gelte das durchaus schon als Plagiat.

Wann hört Inspiration auf, wo beginnt das Plagiat? Die Grenze sei schwer zu eruieren, so Niggemeier. So arbeite die Werbung mit sogenannten Sound-Alikes, Stücken, die ein bekanntes Lied so weit imitieren, dass der Hörer das Original erkennt, aber juristisch kein Plagiat vorliegt. Fühlt sich ein Musiker plagiiert, kann er eine zivilrechtliche Klage einreichen und bei einem Musikwissenschaftler ein Gutachten verlangen. Das Gericht entscheidet dann, ob es sich um ein Plagiat handelt. Wobei beim Gutachten nicht nur auf die Taktabfolge, sondern auch auf eine etwaige Übereinstimmung der Melodieführung, Tonart oder des Habitus der Gitarre und des Tempos geachtet wird.

Parallelen auch im Songtext

Ob Adrian Sterns Song ein Plagiat ist oder nicht, hängt also davon ab, ob die Band Cocoon klagt – und ob sie in einem Gutachten genügend Übereinstimmungen beweisen könnte. Kommt es zur Klage, werden die Tantiemen von Stern bis zum Urteil vorläufig eingestellt. Bekäme Cocoon vor Gericht recht, würden Rückzahlungen nötig. Abgesehen von der Musik, weist auch der Songtext Parallelen auf. Zum einen ist der Titel derselbe. Weiter beginnt der Refrain mit der gleichen Zeile («Mother don’t worry»/«Mueter mach der kei Sorge»). Seltsam mutet da Sterns Äusserung vom letzten Dezember zu seinem Song an: «Es war nicht einfach, dieses Lied zu schreiben.» Der Text sei inspiriert von einer Geschichte aus Afghanistan, die die Trennung einer Mutter von ihrem Sohn erzähle.

Adrian Sterns eigene Mutter sagte damals offenbar zu ihm: «Das ist das Beste, das du je gemacht hast.» Das mag sein – es ist aber vielleicht auch das Unoriginellste. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.02.2012, 15:37 Uhr

«Mother» von Cocoon

Umfrage

Adrian-Stern-Song "Mueter": Inspiration oder Plagiat?

Plagiat

 
76.8%

Inspiration

 
23.2%

676 Stimmen


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