Jimi Jules' zwangloses Zwitterding

Naiv und ausgebufft zugleich: Dem Wahlzürcher ist ein mitreissendes Elektronik-Album gelungen.

Richtiger Reifegrad, nötige Lässigkeit: Jimi Jules. Foto: PD

Richtiger Reifegrad, nötige Lässigkeit: Jimi Jules. Foto: PD

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Das Wort Ausdauer könnte auf seiner Stirn geschrieben stehen, in Lettern aus Schweissperlen. Jules Muff (29), wohnhaft in Urdorf, aufgewachsen in Bern und Luzern, trotzt der Nacht gern möglichst viele Arbeitsstunden ab. Arbeit, die im Zeichen der Zerstreuung steht. Wochenende für Wochenende bereist er unter dem Namen Jimi Jules die Clubs der europäischen Partymetropolen und wickelt die Tänzer in einen unablässigen Strom von pulsierender Monotonie ein.

Er grinst dabei fast immer, spornt pfeifend die Menge an; er scheint den Tanzenden mindestens genauso viel Beachtung zu schenken wie der musikalischen Weberei, die er meist auf vier synchronisierten Abspielgeräten ausführt. Vier, fünf, sechs Stunden am Stück – und das mehrere Tage hintereinander. ­Müdigkeit – dies signalisiert das Pensum, das der Mann mit der riesigen Afro in den letzten Jahren absolviert hat –, das ist etwas für Menschen ohne Visionen. Um seine zu schärfen, hat er nun allerdings einige Jahre gebraucht: «Equinox», das Album, das am Montag auf Zukunft Recordings erscheint, dem Label des gleichnamigen Zürcher Nachtclubs, ist ein zwangloses Zwitterding zwischen einem songhaften Listening-Album, Jazzfunk-Anleihen, clubbigen Tracks und Küchenblues-Nummern. Knisternd und spannend, knackig und organisch.

Jimi Jules in der Soundcloud. Quelle: soundcloud.com

Lange Zeit führte Jimi Jules einige musikalische Parallelleben: Da war der DJ, der durch ganz Europa tourt und mindestens einmal pro Monat im Berliner Club Watergate vorbeischaut. Da war der geschulte Musiker mit vielen gewonnenen Preisen als Blasmusiker und ­Masterabschluss von der Zürcher Hochschule der Künste. Dann war da noch der Produzent von sehr funktionalen Housetracks. Sein schnurgrade um ein souliges Gesangssample herumgebautes Stück «Pushing On» schaffte es vor zwei Jahren zum Hit und nistete sich unter anderem in den britischen Charts ein.

Mit der Band Le Dompteur versuchte er eine Zeit lang, den geschulten Musiker und den Clubsound zusammenzubringen. Als Frontmann einer Band bespielte er Clubs und kleinere Festivalbühnen, absolvierte schweisstreibende Auftritte, die zeigten: Das Gespür für grosse Melodien war da, die Ausstrahlung auch. Trotzdem blieben die Stücke der Band etwas hilflos irgendwo zwischen Tracks und Songs stecken.

Dass er es nun geschafft hat, Songwriting und Technoproduzententum unter einen Hut zu bringen, ist Beweis einer erstaunlichen Entwicklung und manifestiert sich in einem aufregenden Klangbild, in dem Jazzbläser, klassische Elemente, schrummelnde Gitarren, soulhaltiger Gesang, atmosphärische Geräusche und starker Puls genauso wie naive Melodien und ausgefeiltes Arrangement zusammenfinden. Vieles scheint einfach mal dahingespielt und anschliessend ausgebufft weitergesponnen.

Jimi Jules, Bogotà. Quelle: Youtube

Auf «Equinox» hat die Musik von Jimi ­Jules endlich den richtigen Reifegrad, die nötige Lässigkeit; sie verkrampft sich nie auf der Suche nach ihrer Bestimmung. Mal pochen die Stücke wie im Club, mal streunen sie vor sich hin, scheinen wie «Siroup» ihren Anfang beim Sirupanrühren gefunden zu haben. Der beschwingte Rhythmus wird auf den Knien getrommelt, auf den Lippen eine naive kleine Melodie, die zwischen Trompete und Stimme hin- und hergeschickt wird. «Ist das schon ein Song? Ein Track? Wo führt das hin?», könnte man sich fragen. Tut man aber nicht. Man wird mitgerissen von dem diffusen Küchenbesentanz, begegnet endlich einer Stimme, die zum Scat Singing ansetzt, erlebt mit, wie der Sirup weiter ins Glas sickert, das Stück langsam ausfranst und die verfremdete Stimme des Produzenten und Multi­instrumentalisten «I know when the party is over» haucht. Nach viereinhalb Minuten ist dann recht abrupt Schluss. Zeit für das nächste Abenteuer.

Etwa jenes von «Paul» – Muffs verstorbenem Grossvater gewidmet: Ein mit ­hohen Voltzahlen elektrisch geladener Beat baut Dramatik auf, bekommt Tuba- und nonchalante Gitarrenklänge beigemischt, eine Art Alphorn-Grundierung setzt ein, später Stimmkaskaden, und ­irgendwann merkt man, dass man längst in diesem absolut infizierenden Arrangement gefangen ist. Da spielen sich Jazz, Klassik, House und Volkstümliches auf wunderbare Weise zu. Ein starkes musikalisches Ausrufezeichen aus der Zürcher Szene.

CD «Equinox» (Zukunft Recordings).

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.10.2016, 17:20 Uhr

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