«Kinder finden die Blockflöte heute total cool»

Maurice Steger gilt weltweit als einer der besten Flötisten. Im Interview erklärt der Zürcher wie er in der Schule aus dem Blockflötenunterricht flog und wieso Vivaldi keine Ahnung vom Instrument hatte.

Herr der fliegenden Flöten: Maurice Steger (43)  auf dem Cover seines  neuen Albums. Der Weg zum Bild war abenteuerlich-skurril.

Herr der fliegenden Flöten: Maurice Steger (43) auf dem Cover seines neuen Albums. Der Weg zum Bild war abenteuerlich-skurril. Bild: zvg/Josep Molina

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Herr Steger, viele haben in der Schule eine Art neurotisches Verhältnis zur Flöte entwickelt. Sie offenbar nicht...
Doch! (lacht)

Wirklich?
In die Blockflöte hat man ab der Mitte des 20. Jahrhunderts ja viele pädagogische Hoffnungen gesteckt. Bei manchen funktionierte es aber überhaupt nicht. So auch bei mir.

Erzählen Sie.
Mit mir war es ohnehin schwierig. Ich konnte nicht gut schreiben, war wahnsinnig verkrampft, so verkrampft, dass mir manchmal die Schreibstifte zerbrochen sind. Da hat man gesagt: Blockflöte wäre vielleicht noch gut, um dem Maurice die Finger etwas zu lockern. Aber eben: Das war eine Fehlannahme. Nach drei, vier Flötenstunden flog ich aus der Gruppe, und der Blockflöte gab ich einen Platz ganz hinten unter dem Bett. Dort blieb sie mindestens drei Jahre.

Mit elf Jahren haben Sie wieder begonnen. Weshalb?
Ich war eifersüchtig, weil die anderen so schön spielen konnten. Ich habs einfach für mich selber versucht, das ging viel besser. Aber eben: Ich war nie ein Meisterschüler, und schon gar kein Wunderkind.

Haben Sie heute noch das Gefühl, gegen Flötenklischees anspielen zu müssen?
Ich kämpfe schon lange für die Blockflöte, dieses Jahr habe ich das 600. Kinderkonzert gegeben. Und wissen Sie was? Die Kinder finden die Blockflöte total cool. Früher noch, mit zwanzig Jahren vielleicht, wenn man mich in einem Nachtclub fragte, was ich so mache – ich hätte mich fast nicht getraut, zu sagen, dass ich Blockflöte studiere. Nach dem Motto: So was von unsexy, geben wir es doch zu!

Vor kurzem ist Frans Brüggen gestorben, ein grosser Blockflötist...
Der grösste!

Es heisst, er habe frustriert aufgehört zu spielen.
Fast alle grossen Flötisten haben frustriert aufgehört. Auch weil ihnen das Repertoire zu schmal erschien. Überhaupt, das Instrument ist eine grosse Herausforderung. Die Blockflöte ist ein Seelenspiegel. Genau so, wie mans oben reingibt, kommts unten raus. Man kann nichts einstellen wie bei anderen Blasinstrumenten. Ist auch viel weniger dran. Das ist das Schöne und zugleich das Schreckliche an der Blockflöte.

Für Barockspezialisten auf anderen Instrumenten ist es das höchste der Gefühle, ein Originalinstrument aus jener Zeit zu spielen. Ist das bei der Blockflöte auch so?
Nein, durch die Feuchtigkeit sind die alten viel zu eng geworden. Man könnte solche Flöten höchstens noch in einem kleinen Raum spielen, in einem Konzertsaal würde man ab der zweiten Reihe gar nichts mehr hören.

Sie spielen also keine Flöte, die vielleicht Vivaldi in den Händen gehalten hat...
Vivaldi hat selber gar nicht Flöte gespielt. Und die Mädchen im Waisenhaus in Venedig, wo er Musiklehrer war, übrigens auch nicht. Und wissen Sie, warum?

Nein.
Wegen der Entstellung der Weiblichkeit!

Verstehe ich nicht.
Eine flötenblasende Frau mit Hamsterbacken – das galt als Entstellung der Weiblichkeit. In Venedig war die Blockflöte während Jahrhunderten ein Männerinstrument, anderswo auch.

Obwohl Vivaldi nicht selber spielte, muss er vom Instrument doch einiges verstanden haben.
Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Aber die Fachwelt ist sich da nicht einig. Als ich den Booklettext für das Vivaldi-Album zugeschickt erhielt, war ich jedenfalls nicht einverstanden und schrieb eine Gegenargumentation.

Weshalb?
Der Verfasser war der Ansicht, Vivaldis Musik sei für die Blockflöte zurechtgeschneidert. Ich meine, Vivaldi hat sie für die Geige geschrieben und dann auf die Blockflöte transportiert.

Mit welchen Folgen?
Seine Musik ist für Flötisten ein Graus, überhaupt nicht handlich.

Vivaldis musikhistorischer Beitrag zur Flötenliteratur ist also so etwas wie eine grenzsprengende Zumutung.
Ja, seine Werke sind halsbrecherisch schwierig. Mir haben ja immer die Waisenhausmädchen in Venedig total leid getan – bis ich eben herausfand, dass sie gar nicht spielen durften

Aber Ihnen scheint das Draufgängerisch-Virtuose zu liegen.
Eigentlich mag ich es nicht. Und vor allem mag ich es nicht an mir. Man hat mir den Virtuosenstempel früh aufgedrückt. Erst fühlte ich mich geschmeichelt, mit der Zeit fand ich es zu eindimensional. Ich habe mit einigen Vivaldi-Werken eine ziemlich lange Pause gemacht. Aber nun dachte ich mir: Jetzt stelle ich das Virtuose noch mal so richtig heraus.

Die irrwitzigen Läufe strahlen dieselbe Leichtigkeit aus wie das Cover mit den fliegenden Flöten.
Das Gegenteil war der Fall.

Bei der Einspielung?
Nein, beim Fotoshooting!

Erzählen Sie!
Es war Juni, es war warm, wir waren in Barcelona am Strand. Der Fotograf sagte: Du musst einen Pullover anziehen. Was habe ich geschwitzt! Die Idee war, mich auf dem Cover mit drei Naturelementen abzubilden: Himmel, Meer, Strand. Um das Ganze genau auszurechnen, wurden spanische Sportschüler aufgeboten – die mussten jeden Tag zur gleichen Zeit am Strand auf einem Trampolin springen. Am Ende wusste der Fotograf: Bei 2 Metern 10 habe ich alle Ebenen. Dann war die Reihe an mir. Und wissen Sie was? 2 Meter 10 hoch zu springen und dabei noch ein ordentliches Gesicht zu machen – das ist eine Kunst!

Und wie war das mit den fliegenden Flöten?
Zwei junge Männer aus Süditalien haben parallel jongliert, während ich meine 2 Meter 10 gesprungen bin. Ich finde, schon allein für diese Strapazen...

...sollte diese CD einen Preis bekommen.
Genau.

Preiswürdig sind auch die Attacken und Pfeifgewitter auf dem Album. In manchen Passagen hat man das Gefühl: Die Flöte schnappt gleich über. Und selbst der Distelfink im gleichnamigen Konzert («Il Gardellino») klingt nicht klassisch schön...
Was ist an einem Klang schön oder eben nicht? Schauen Sie, es gab mal eine Ästhetik à la Herbert von Karajan, in den 1980er-Jahren. Wie würden sie diese Ästhetik beschreiben?

Ein perfekter Designklang.
Gut. Jetzt sind wir im Jahr 2014. Genau diese Art von Perfektion wollte ich nicht. Ich wollte einen facettenreichen, naturverbundenen Klang, keinen Make-up-Schönklang. Ich mag das Ungeschminkte. (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.10.2014, 16:37 Uhr

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Zur Person

Maurice Steger, geboren 1971 in Winterthur, aufgewachsen in Graubünden, gehört zu den weltbesten Virtuosen des Flauto dolce (Blockflöte). Sein Repertoireschwerpunkt liegt auf der Barockmusik. Entsprechend gefragt ist er bei den tonangebenden Originalklangensembles, darunter I Barocchisti und Diego Fasolis, mit dem er sein neues Vivaldi-Album aufgenommen hat – das zweite nach vierzehn Jahren. Steger hat durch sein brillantes Spiel und sein Vermittlungsengagement entscheidend zur Wiederaufwertung des einst hoch geachteten Renaissanceinstruments beigetragen. Das Musikmärchen für Kinder um den flötenspielenden Prinzen Tino Flautino alias Maurice Steger ist zum Klassiker geworden. Stegers Diskografie ist umfassend, etliche seiner Platten brachten ihm Preise ein.

CD: Maurice Steger/I Barocchisti/Diego Fasolis: Vivaldi, Concerti per flauto. Harmonia Mundi.

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