Klingende Glückskekse

«The Stone Collection of Tim & Puma Mimi» ist aufregender Elektropop. Und das nicht bloss, weil da jemand Gemüse unter Strom setzt.

«Da muss mehr Fröhlichkeit rein», sagte Puma Mimi, als sie Tims Musik zum ersten Mal hörte. Jetzt singt sie schon mal zu einem entfesselten Hackbrett.

«Da muss mehr Fröhlichkeit rein», sagte Puma Mimi, als sie Tims Musik zum ersten Mal hörte. Jetzt singt sie schon mal zu einem entfesselten Hackbrett. Bild: zvg

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Die Internetverbindung im New Yorker Club ist mehr als zittrig, immer wieder friert das Bild der Leadsängerin auf der Leinwand ein, bricht ihre Stimme ab. Und ausgerechnet heute Abend hat sich eine Delegation des Studiengangs «Neue Medien» entschlossen, eines der viel gelobten Skype-Konzerte des schweizerisch-japanischen Duos Tim & Puma Mimi zu besuchen: Während der Musikmeister aus Zürich leibhaftig auf der Bühne steht, ist die Sängerin live aus ihrer Einzimmerwohnung in Tokio zugeschaltet.

«Die Skype-Konzerte haben uns einige Aufmerksamkeit bei Medien und Publikum beschert, doch sie waren auch immer ein rechter Stressfaktor», sagt Christian Fischer, der Tim des Duos, «denn Internetverbindungen sind in manchen Clublokalen eine recht fragile Angelegenheit». Doch oh Wunder, die medial geschulten Studenten zeigten sich nach dem stockenden Auftritt gar nicht enttäuscht. Im Gegenteil: Die fanden den Auftritt wahnsinnig authentisch und 2.0. «Wenn man etwas Neues ausprobiert wie ein Skype-Konzert, dann profitiert man als Musiker wohl von einer gewissen Narrenfreiheit», sagt Tim rückblickend.

Im Ältestenrat des globalen Dorfs

Das Nervenflattern wegen technischer Gebresten hat inzwischen dem üblichen Lampenfieber vor Konzerten Platz gemacht. Michiko Hanawa, wie Puma Mimi bürgerlich heisst, hat ihren Job in Tokio letztes Jahr gekündigt und ist nach Zürich gezogen. Jetzt, da es keine Seemeilen per Skype mehr zu überbrücken gilt, bestreitet sie die Auftritte persönlich. Nachdem das Duo im April eine kleine, aber feine US-Tour absolviert hat, kommen nun die Schweizer Clubs zu Ehren.

Ja, wenn die Welt ein globales Dorf ist, dann sitzen Michiko Hanawa und Christian Fischer von Tim & Puma Mimi im Ältestenrat. Denn so spielerisch, wie sie mit geografischen Grenzen umgegangen sind, übertölpeln sie auch musikalische Gedankenschranken.

Die Angst vor dem Halligalli

Puma Mimi hatte sich in Tokio zwischenzeitlich bei einer Punkband namens The Gumdrops verdingt. Als sie 2003 im holländischen Utrecht auf Christian Fischer trifft, macht sie Bekanntschaft mit einem Vollblut-Elektro-Bastler, der sich seine Sporen in Formationen wie Seelenluft und Märklin abverdient. Zwischen den beiden funkts, wenn auch nicht gleich musikalisch. Michiko findet Christians Musik zu düster, «da muss mehr Fröhlichkeit rein», sagt sie. Und er, der Melancholikerhymnen wie jenen von Portishead verfallen ist, denkt: Um Himmels willen, fröhliche Musik, da landet man entweder beim Schlager oder beim Halligalli.

Also nimmt er sich vor, das Schelmenstück zu bewältigen und Michiko mit glücklich machenden Stücken zu beliefern, die zwar gut gelaunt, aber immer noch hintergründig klingen. Drei Jahre nach dem letzten Album «Turn the Page» ist ihnen mit dem neuen Tonwerk «The Stone Collection of» der Spagat erneut gelungen. Erschienen ist es beim Berner Label Mouthwatering Records, dem Hauslabel des ruhmvollen Quartetts Filewile.

Auf den 13 Stücken (nicht gezählt ist der Geistertitel, der den Blick auf Puma Mimis Punk-Vergangenheit freigibt) treffen Tims kunstfertig verwobene Synthesizerklänge auf Puma Mimis verspielten Singsang, mal massiv schräg wie ein futuristisches Schlaflied, mal adrenalintreibend wie der Soundtrack zum Endgegnerkampf in einem Computerspiel.

Aus der Abteilung Prekäres

Es hat sich einiges getan, seit sich Tim und Puma Mimi 2004 in einer zehntägigen Kreativitätsorgie zu einer ersten Zusammenarbeit und vier Tracks hinreissen liessen. «Auf ‹The Adventures of› hatte jeder Ton bis auf Michikos Stimme einen elektronischen Ursprung», sagt Tim, «ich traute mich nicht, andere Instrumente einzusetzen.» Das hat sich inzwischen geändert.

Die Gerätschaften seines Vertrauens, Synthesizer wie Micro Korg oder Fender Rhodes, flankieren heute allerlei Instrumente, die ohne Plastikkeyboard auskommen: Querflöte, Klavier, Gitarre, aber auch solche aus der Abteilung Folkloristisches und Prekäres, etwa das Hackbrett oder das Steel Drum. Ersteres entwickelt unter den Händen des Hackbrettvirtuosen Töbi Tobler einen verführerischen Sog, einmal als verschroben-verträumtes Gegenstück zu den fast geflüsterten Melodien von Puma Mimi («Tamago»), einmal als erbarmungslos treibender Taktgeber («Tigerbalm»).

Beim Steel Drum dagegen war sich Tim erst selbst nicht ganz sicher, ob sich der Klang von an der Fasnacht energisch interpretierten Pophits ganz aus dem Resonanzraum vertreiben lässt. Insbesondere nachdem er in seiner Nachbarschaft die Zielgruppe des Instruments, Hausfrauen Mitte vierzig, einmal bei einer Jamsession überrascht hatte. Wenn der Track «Surrealism» dann aber anläuft und aus den sirrenden und wummernden Kunsttönen plötzlich eine feine Blechmelodie aufsteigt, dann dürfte das auch die letzten Zweifler besänftigen.

Die Sache mit der Gurke

Recht ungewöhnlich ist die Sache mit der Gurke. Auf dem Song «Q-Cumber» gibt Rapper Knackeboul den Takt per Beatboxen vor, während Kid Schurke die Ukulele spielt und sich Tim an einer Gurke zu schaffen macht, immer wieder zwei unter Strom stehende Nadeln ins Grün sticht. Je näher die Pole beieinanderliegen, umso höher ist der Sound, den er erzeugt.

«Grundsätzlich eignet sich jedes Lebensmittel als Instrument, doch bei einem Apfel lässt sich einfach nicht so ein weites Tonspektrum erzielen wie bei einer Gurke», erklärt der Experte. Das Basteln mit Strom hat Christian Fischer aus seiner Kindheit hinübergerettet. Auf die Dächlikappe mit einem solarzellenbetriebenen Propeller («man durfte bloss den Kopf nicht zu ruckartig bewegen») folgte schon bald ein altes Vierspurgerät, mit dem er erstmals musikalisch experimentierte, nächtelang.

Dass die Musik vor lauter PR-tauglichen Gimmicks wie Gurkenmusik und Skype-Spielereien in den Hintergrund treten könnte, davor haben Tim & Puma Mimi keine Angst. «Grundsätzlich kommen die Leute natürlich an ein Konzert, um gute Musik zu hören. Eine Innovation wie der Gurkensound sehe ich dann als Erweiterung dieses Konzerterlebnisses», sagt Tim. Live ist eine solche Salatgurke durchaus ergiebig. Besonders geschätzt wird Tim & Puma Mimis James-Brown-Adaption mit Gurke: «I feel Gurk», singt Puma Mimi dann jeweils ergeben, während Tim die Gurke surren lässt.

Erstellt: 07.06.2012, 15:25 Uhr

Agenda

Reitschule, Bern, Samstag, 9. Juni, 21 Uhr: Support: Filewile Soundsystem.

Am Samstag, 14. Juli, sind Tim & Puma Mimi ausserdem am Gurtenfestival zu sehen.

«I feel Gurk»

«Tamago»

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