Lass uns Liebe sein

Sie spricht mit uns: Die Sängerin Tirzah singt auf ihrem Debüt «Devotion» intime Lovesongs.

Mit 30 das erste Album: Popsängerin Tirzah. Foto: PD

Mit 30 das erste Album: Popsängerin Tirzah. Foto: PD

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Ich bin da für dich, singt Tirzah gleich zu Beginn ihres Albums, denn jene geliebte Person, an die sich die Londonerin in «Fine Again» wendet, scheint sich nicht wohlzufühlen. Sie singt das einfach so, fast scheu und sehr privat, und wirkt so nah, wie dies das Medium Popsong überhaupt zulässt. Doch was heisst das bei Tirzah schon, Popsong? Die Begleitmusik beschränkt sich auf warmes Orgelwummern, als sei es nicht der Auftakt eines lang erwarteten Debüts, sondern bloss eine unfertige Schlafzimmeraufnahme, die für eine Veröffentlichung eigentlich viel zu intim klingt. Und das «You», auf das Tirzah in ihren Songtexten konsequent setzt, spricht die Hörer nicht als anonyme Menge an, sondern meint wirklich nur: «Du». Das passt, denn eine Krise, eine Liebeskrise zumal, hat ja jeder schon mal erlebt.

Eine hartnäckige Krise wäre nun auch die naheliegende Erklärung dafür, dass es bei Tirzah Mastin, heute 30, so lange dauerte, bis sie ihr Debüt «Devotion» fertigstellte. Die Wirklichkeit ist ungleich weniger spektakulär: Sie arbeitete einfach als Grafikerin, verspürte keinen Stress, ein eigenes Album aufzunehmen, sang lieber als Gast auf einigen Songs des dunklen Hohepriesters Tricky, wurde jüngst Mutter einer Tochter und veröffentlichte dann und wann einige Tracks, die sie mit ihrer Freundin, der Komponistin und Produzentin Mica Levi, aufgenommen hat.

Sie tanzt nicht, sie kämpft

So wie vor fünf Jahren, als sie erstmals einer breiteren Öffentlichkeit auffiel. «I’m Not Dancing» hiess jener Track, der sich zunächst anhörte wie ein klassischer Dancetrack – der Beat, der Bass, das Drängen hin zur Ekstase – und doch die Erwartungen rasch sabotierte. Da war eine fröhlich dilettierende Blockflöte und vor allem die offenherzige, leicht abgelöschte Stimme von Tirzah zu hören, die berichtete: Ich bin nicht am Tanzen, ich bin am Kämpfen.

Die neuen Songs auf «Devotion» verzichten nun ganz aufs Tanzen im Club. Wird doch mal getanzt, dann höchstens zu zweit, in der eigenen Stube, eng umschlungen, langsam. Oft fehlen tempomässig runtergespulte Beats, bleiben nur geloopte Klavierakkorde, eine verhallte Rockgitarre. Geschrieben und produziert hat ihr diese Songgerüste wiederum Mica Levi. Die beiden lernten sich an der Purcell School for Young Musicians in der Londoner Vorstadt Watford kennen; Tirzah spielte damals Harfe, Levi Cello. Nur Levi setzte konsequent auf die Musik, fordert gängige Popstrukturen mit ihrer Band Micachu & The Shapes heraus, produziert Clubtracks, die neue Wege einschlagen und ist spätestens seit der Oscar-Nomination für ihren Filmscore des Jackie-Kennedy-Porträts «Jackie» auch eine gefragte Figur in Hollywood.

Ihre Freundschaft aber blieb, und die Vertrautheit ist im Kammersoul von «Devotion» zu hören. Diese Nähe erlaubt es Tirzah, die Liebe in einem Zustand einzufangen, wenn diese kom­pliziert ist und im Beziehungs­­alltag längst Routine herrscht. Wenn jegliche Romantik beinahe verschwunden, die Beziehung am Nullpunkt angekommen ist – und man doch sicher ist, dass nur eine Person für eine Liebesbeziehung infrage kommt: «You».

Ohne Produktionstricks

Dieses «You» wirkt nie übergriffig, dafür ist die Musik viel zu still arrangiert, zu undramatisch gesungen. Es meint die Person in der Krise, wie zu Beginn des Albums. Es ist die Person, die begehrt wird; die jetzt nicht die Stimme allzu laut erheben soll. 

«All I want is you», singt Tirzah in der ersten dahinschlendernden Single «Gladly» und fügt gleich das Bekenntnis «I love you» an. Wie Tirzah dies singt, ohne die Produktionstricks der Popgegenwart hochzufahren oder den Authentizitätsfetisch zu bemühen, der den gemeinen Lovesong bestimmt, da wird schon klar, wer gemeint ist: Du.

Tirzah: «Devotion»(Domino/Irascible) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2018, 19:57 Uhr

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