Hintergrund

Lauschangriff auf den Musikgeschmack

Spielen die Radios zu viel Schweizer Musik? Auf Streaming-Diensten wie Spotify sind Pegasus & Co. jedenfalls nicht gefragt.

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Hört man bei Schweizer Radios rein, begegnen einem auffällig viele einheimische Songs. Von Plüsch über Adrian Stern zu Pegasus. Die Hörer, könnte man denken, wollen diese Lieder, immerhin richten sich die meisten Radiostationen nach dem Massengeschmack aus. Doch weit gefehlt – wie ein Blick in die Datenbanken von Spotify zeigt.

Spotify ist einer der so genannten Streaming-Dienste, die letzthin enorm an Popularität gewonnen haben und wo man Millionen Songs kostenlos in ganzer Länge hören kann. Wer sich überfordert fühlt, nutzt die Funktion «persönliches Radio». Hier suchen die Dienste passende Titel zum ausgewählten Lied. Hat der Nutzer Lust auf Heavy-Metal, wird er keine Lady Gaga zu hören bekommen.

So gesehen tun Streamingdienste dasselbe wie Formatradios: Sie bilden den Massengeschmack ab. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat bei Spotify nachgefragt und Einblick in die Daten erhalten. Sieht man sich die Schweizer Musikauswahl im September an, fällt auf, dass sich die beliebtesten Songs nicht von jenen der Radiostationen unterscheiden. Hier wie da tummeln sich Asaf Avidan, Carly Ray Jepsen und Lykke Li in den Spitzenplatzierungen. Allerdings finden sich bei den Radios immer wieder Schweizer Musiker wie Pegasus, Marc Sway oder 77 Bombay Street in der Heavy Rotation – diese waren bei Spotify nicht unter den 1oo beliebtesten Titeln erfasst, trotz aktueller Single-Auskopplungen (Anmerkung: 77 Bombay Street ist auf Spotify noch nicht erhältlich).

Einheitsbrei der Formatradios

Seit Jahren dauert das Lamento über die Schweizer Radiolandschaft an: Der Moderator hat immer gute Laune und es läuft meistens Bon Jovi oder Plüsch. Wenn man frustriert den Radiosender wechselt, werden die Ohren nach fünf Minuten von den gleichen Klängen belästigt. Doch es ist halt so: Formatradios spielen Musik nach der Pfeife der Marktforschung. Wenn die Statistiken besagen, dass die Mehrheit der Leute nach wie vor gerne Bon Jovi hört, dann wird das gespielt. Zumindest marktwirtschaftlich macht das Sinn. Wem der Sinn nach Musik abseits des Mainstreams steht, soll Couleur 3, Virus oder Lokalradios wie Kanal K einschalten. Auch Formate wie «Sounds» auf DRS 3 decken diesen Bereich ab.

Sich über den musikalischen Einheitsbrei der Formatradios aufzuregen, ist also sinnlos. Sie bedienen gnadenlos den Markt und erledigen diese Aufgabe gut, jedenfalls geben ihnen die Hörerquoten recht. Dass man Schweizer Songs, die offenbar bloss eine Minderheit hören will, ins Programm aufnimmt, erstaunt da umso mehr. Zumal es sich bei besagten Acts nicht um künstlerisch wertvolle Beiträge aus der Schweiz wie eine Sophie Hunger oder Favez handelt, sondern um Mainstream made in Switzerland.

Haben wir es hier mit einer falsch verstandenen Pflicht zur Identitätsstiftung zu tun? Wünschen Sie sich mehr oder weniger Schweizer Musik im Radio? Meinungen bitte unten eintragen.

Erstellt: 15.10.2012, 13:45 Uhr

Serie

Der Streaming-Dienst Spotify ist nur per Facebook-Login zugänglich – was den Dienst zu einer formidablen Datenquelle macht: Wer hört wann was für Musik? Tagesanzeiger.ch/Newsnet analysiert diese Daten und berichtet in loser Folge über musikalische Trends und Musik-Präferenzen der Schweizer.

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