Lemmy nahm die Halle

Gestern spielten Motörhead in Wetzikon. Es war der perfekte Ort für diese noch immer rohste aller Rockbands.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Um Viertel nach neun begann Ian Fraser Kilmister zu fingern. Der Stoiker am Bass, den die Rockfans als «Lemmy» verehren, begann in der Eishalle Wetzikon das Set, wie er es 70 Minuten später beenden sollte: breitbeinig, immobil, den Kopf nach hinten geneigt.

Motörhead spielen, klar, in der klassischen Rockformation. In allen anderen Rock-’n’-Roll-Belangen (Whisky, Groupies, Marshall-Verstärker) sind sie ebenfalls radikalste, das Klischee in Kauf nehmende Puristen. Die Band ist ein Fels, ihr Sound seit Jahrzehnten derselbe: hart, roh. Ihre Fans feiern sie dafür, sie feiern sich selbst dafür.

Ein wenig schleppender

Auch gestern stand Lemmy solid, vielleicht ein wenig schleppender als früher war die Stimme bei den Ansagen, etwas wackeliger der Gang. Sein gestriger Auftritt hätte letzten November im Hallenstadion über die Bühne gehen sollen, doch der so unverwüstlich scheinende 68-Jährige war krank geworden (ihm war ein Defibrillator eingesetzt worden).

Jetzt stand er also doch noch da, wieder scheinbar unverwüstlich, die Beine breit. Die Eishalle von Wetzikon – an den Wänden hing Werbung für Bier und Traktoren – passte perfekt zu ihm und war auch bestens gefüllt, zierte sich aber anfänglich. Die meisten waren noch gemütlich und mit dem Feierabendbier beschäftigt.

Welle um Welle

Doch was kümmerts einen Lemmy? Er schickte ungerührt Welle um Welle seines Speed-Rocks in die Wetziker Fleischmenge. Motörhead machten, was sie am besten können: Nachschub geben. Einen Song scheinbar ausklingen lassen und ihn plötzlich nochmals kräftig für zwanzig, dreissig Sekunden hochfahren. Langsam kam die Halle in Wallung, sie konnte gar nicht anders.

Dann beorderte Lemmy seinen Gitarristen zum Solo nach vorne, und dieser fuhr rauf und runter auf seinem Arbeitsgerät, bis es grün leuchtete. Auch der Drummer durfte ungestört Hand anlegen und trommelte einen crazy Chippendale-Tanz. Die gespielten Songs kamen von unterschiedlichen Alben und aus unterschiedlichen Jahrzehnten, brünstiges Verlangen verband sie.

Um Viertel nach zehn dann der finale Schuss, der grosse Klassiker: «Ace of Spades». «So mag ichs, Baby, ich will nicht für immer leben», röhrte Lemmy, hinter ihm ein Tuch mit der Aufschrift «From 1945 to Eternity». Zwei Zugaben gabs als Streicheleinheiten. «You were good», sagte Lemmy zur Halle. Die war jetzt heiss und feucht, und der alte Mann stand tatsächlich immer noch. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.06.2014, 12:04 Uhr

Video

Aufnahme eines Fans: Motörhead spielen in Wetzikon «Ace of Spades»

Video

Der Motörhead-Klassiker im Original-Clip

Artikel zum Thema

Motörhead sagen Europa-Tournee ab

Die britische Heavy-Metal-Band macht keine Frühjahrstour durch Europa. Grund dafür ist der schlechte Gesundheitszustand des Frontmanns Lemmy. Mehr...

«Wir waren zu anständig in letzter Zeit»

Lemmy Kilmister Er kommt, um Lärm zu machen: Ian Fraser Kilmister, die Verkörperung des Rock ’n’ Roll. In einer Woche tritt «Lemmy», wie ihn alle Welt nennt, mit seiner Gruppe Motörhead im Hallenstadion an. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Blogs

Mamablog Familienvater und Alkoholiker

Sweet Home Best of: 15 grosse Ideen für kleine Wohnungen

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Zwei hungrige Mäuler: Zwei wilde Esel auf Zypern stürzen sich auf eine Karotte, die ihnen ein Autofahrer hinhält (3. August 2017).
(Bild: Yiannis Kourtoglou) Mehr...