Lunik überrascht mit neuer Natürlichkeit

Nach einer längeren Sinnkrise hat die Berner Band Lunik – neu als Trio unterwegs – wieder zum «Musikergroove» gefunden, wie Sängerin Jaël Malli sagt. Das neue Album «What Is Next» überrascht.

Lunik, zum Trio geschrumpft: Keyboarder Cédric Monnier, Sängerin Jaël Malli und Gitarrist Luk Zimmermann.

Lunik, zum Trio geschrumpft: Keyboarder Cédric Monnier, Sängerin Jaël Malli und Gitarrist Luk Zimmermann. Bild: zvg

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«What is next?», fragt Sängerin Jaël Malli im Einstiegssong des gleichnamigen Albums. Die Streicher mäandern fragend durch eine düstere Klanglandschaft, während einzelne helle Gitarrentöne tröpfchenweise Hoffnung verkünden. Die wolkige Stimme der Sängerin schwankt zwischen Melancholie und Lebensdurst.

Was kommt als nächstes? Das fragten sich die Musiker und die Sängerin der Berner Band immer wieder. Erst jeder für sich, als Schlagzeuger Chrigel Bosshard während der letzten Tournee 2009 andeutete, die Band verlassen zu wollen. Dann offen und konkret, als die geplanten CD-Releases in Amerika und Japan näherrückten und bei den verbliebenen Bandmitgliedern ein ungutes Gefühl auslösten. «Wir haben plötzlich gemerkt, dass der Weg, den wir eingeschlagen hatten, nicht der richtige ist», erzählt die frisch verheiratete Rahel «Jaël» Malli. Gar eine Auflösung der Band stand sogar im Raum. Man suchte neue Ziele, neue Konstellationen, die Sängern besuchte eine Schauspielschule.

Selbstbestimmung

Schliesslich brachte der Entschluss, die Plattenfirma zu wechseln und ohne festen Schlagzeuger als Trio weiterzumachen – also mit Gesang, Gitarre (Luk Zimmermann) und Piano (Cédric Monnier) – die entscheidenden Impulse: Nicht mehr internationaler Erfolg sollte im Zentrum stehen, sondern Selbstbestimmung. Nicht technische Perfektion, sondern Authentizität. «Wir wollten uns zum ersten Mal seit langem wieder richtig Zeit nehmen für ein Album, den Musikergroove geniessen», sagt die 33-Jährige. Das Trio verbrachte einige Wochen in Lipari, schrieb gemeinsam Songs und nahm sie anschliessend im Homestudio von Luk Zimmermann in Berlin auf. Da hört man schon mal den Boden knarren oder die Vögel zwitschern. «Die Nebengeräusche haben wir bewusst in die Aufnahmen integriert, um das Warme, Organische zu betonen.»

Und tatsächlich: «What Is Next» ist ein nahbares und liebevoll arrangiertes Album geworden. Kein völliger Richtungswechsel, wie ihn Lunik auch schon vollzogen, aber doch ein musikalisches Statement. Da raunt die Tuba im entspannten «Feet in the Sun». Da schwelgt das Cello im abgeklärten «Never Fit In». «Little Fly in a Spiderweb» kommt so unmittelbar daher, dass man beinahe glaubt, die Sängerin hauche einem direkt ins Ohr.

Den Traum vom orchesterbegleiteten Album hat sich Jaël Malli mit «What Is Next» zwar noch nicht erfüllt, aber das Zürcher Kammerorchester begleitet die Sängerin zumindest schon im Einstiegssong «What Is Next» – und beim Tourneestart am 7.Oktober. In weiteren Liedern werden klassische Instrumente als Ergänzung eingesetzt. Oft wurde ganz auf das Schlagzeug verzichtet, auch das Piano setzt lediglich Akzente und macht der akustischen Gitarre Platz, die immer wieder von der Sängerin selbst gezupft wird.

Inhaltlich grasen Lunik alles ab, was das Nachdreissiger-Sorgensammelsurium hergibt: Zukunftsängste, Abschied von der «Alles ist möglich»-Attitüde der Zwanzigerjahre, Trauer um die verpassten Chancen und die Gewissheit, dass ein Neuanfang zwar noch möglich ist, aber mehr Überwindung kostet.

Katerstimmung

Besonders intensiv wirken die Songs immer dann, wenn auf Transparenz gesetzt wird: Im sanften «Truly You» zum Beispiel. Nur Piano und Gitarre begleiten den Gesang, der zu Beginn mehr gehaucht wird. «This is truly me standing in front of you», singt Jaël Malli, später setzen wohldosierte Streicher ein. «Cat and Mouse» ist harmonisch anspruchsvoller, aber auch hier ist kein Ton, kein Wort zu viel: Schlagzeug, Piano und eine besonnen eingesetzte elektrische Gitarre unterstreichen die Katerstimmung des Songs. Nur die lüpfige Single «Me-Time» will nicht recht auf das eher ernste Album passen. Die Melodie wirkt seltsam entrückt, das Banjo driftet ins Geschwätzige ab.

«What Is Next?» Insgesamt hat sich die Sinnkrise gelohnt: Lunik 2012 – das ist keine Musik, die sofort hängen bleibt. Man muss zuhören, die Melancholie und den sanften Blues im Timbre auf sich wirken lassen, die Feinheiten entdecken. Die einen werden sich schnell langweilen, die anderen feststellen, dass ein Glöckchen manchmal länger nachhallt als ein Paukenschlag.

Erstellt: 15.08.2012, 16:58 Uhr

Info

Lunik: «What Is next», Sony. Erscheint am Freitag. Tourstart: 7.10., Tonhalle, Zürich.

Video

Das Making of zum Lunik-Album.

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