Madame Jazz kommt nach Zürich

Am Tag der Arbeit übernimmt die Bielerin Carine Zuber die Leitung des Zürcher Jazzclubs Moods. Die Erwartungen in der Szene sind hoch.

Viel Lob aus Zürich: Carine Zuber, die neue Leiterin des Moods. Foto: Sophie Stieger

Viel Lob aus Zürich: Carine Zuber, die neue Leiterin des Moods. Foto: Sophie Stieger

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Die Hundeleine an der einen, einen Rollkoffer an der anderen Hand schlendert Carine Zuber durch Lausanne. Eine Sonnenbrille verdeckt ihre müden Augen. Regelmässiges Espressotrinken hält sie wach. Hinter ihr liegen neun Tage Jazzfestival Cully. In dieser Zeit lebt Carine Zuber als Programmverantwortliche im Ausnahmezustand: ohne Schlaf, im Organisationstrubel, ständige Begegnungen, kollektive Euphorie. Die diesjährige Ausgabe hat besonders viel Kraft gekostet. 2012 verbuchte das Jazzfestival Cully ein Defizit. 2013 sollte das nicht mehr passieren, sonst hätte das Festival allenfalls vor einer unsicheren Zukunft gestanden. Zuber spürte den wirtschaftlichen Druck.

Dieser wurde noch grösser, weil der Vorverkauf nicht gut anlief. Und dann kündigten die Meteorologen kurz vor dem Festival auch noch für längere Zeit Regen an. Erst im letzten Moment zog der Vorverkauf an. Er sei dann sogar regelrecht explodiert, bilanziert Carine Zuber. Die Erleichterung darüber ist ihr anzumerken. Die Zahlen für dieses Jahr sind schwarz, Anspannung und Nervosität sind weg. Und auch die Euphorie legt sich langsam. Wie in jedem Jahr nach Cully bräuchte die perfekt Französisch und Deutsch sprechende Bielerin jetzt eine Auszeit zur Erholung. Doch sie zieht gleich weiter. Sie wird in Zürich erwartet, wo seit März bekannt ist, dass sie das Moods übernimmt, den wichtigsten Jazzclub des Landes.

Neue Impulse gefordert

Die Erwartungen in der Zürcher Jazzszene sind hoch, genährt von der Zuversicht, dass der Jazz-Verein mit Carine Zuber die richtige Leiterin gefunden hat. Der Club brauche dringend wieder ein klareres Profil, heisst es. Kritisiert wird, dass der Jazzclub für Lesungen, Tanzveranstaltungen und Podiumsgespräche zweckentfremdet wird. Was den Jazz anbelangt, fordert die lokale Szene etwas weniger Kommerz und mehr Experiment. Solches könne sich das mit öffentlichen Geldern unterstützte Moods durchaus leisten.

Der Zürcher Posaunist Michael Flury beispielsweise wünscht sich «eine gute Mischung, die bei internationalen Acts beginnt und bis hin zur Schweizer Untergrundszene möglichst viele Facetten abdecken soll.» Drummer Lucas Niggli rät dazu, «das Publikum nicht zu unterschätzen». Das sei im Übrigen im Jahr 1992, als Zürcher Musikerinnen und Musiker das Moods im Bahnhof Selnau eröffneten, kein Thema gewesen, so Niggli. Zwar habe damals noch die Kaffeemaschine ins Kontrabass-Solo gescheppert, aber das Programm sei durch seinen Mut und ein gutes Stück Kompromisslosigkeit aufgefallen.

Flury und Niggli sind überzeugt, dass Carine Zuber rasch neue Impulse geben wird. In der Schweiz kenne niemand die nationale und die internationale Jazzszene so gut wie Zuber, lobt Flury. Man treffe sie oft als Zuhörerin an Festivals. Zudem werde sie von Gregor Frei unterstützt, der für die künstlerischen Inhalte des Moods mitverantwortlich ist und als Musiker, Komponist und Veranstalter als optimale Ergänzung gilt.Exponenten der Zürcher Jazzszene hätten Zuber gerne schon 2010 als Leiterin im Moods gehabt. Damals war die Stelle ausgeschrieben.

Carine Zuber bestätigt, Musiker hätten sie gepusht, ihre Bewerbung einzureichen. Doch dazu kam es nicht. Zuber wollte nicht, weil sie nicht konnte. Sie war gerade damit beschäftigt, das Cosmo Jazzfestival in Chamonix aufzubauen. Daraus wurde eine Erfolgsgeschichte. Diesem Festival, das jeweils im Sommer an wechselnden Orten rund um den Mont Blanc stattfindet, wird sie trotz Moods erhalten bleiben. Auch beim Jazzfestival Cully bleibt sie. Beides sind Ehrenämter. Carine Zuber sagt: «Das geht gut aneinander vorbei. In Cully und Chamonix bin ich nur fürs Buchen zuständig. Die sonstige Arbeit übernehmen andere.»

Auch in der Oper zu Hause

Carine Zuber ist gerade mal 40 Jahre alt, und die Stelle als Moods-Leiterin ist fraglos ein Meilenstein in der Karriere der studierten Politologin. Sie spielte Klavier, aber eine Karriere als Musikerin lag ausser Reichweite. Eine solche suchte sie auch nicht. Stattdessen begann sie Konzerte zu organisieren und arbeitete in Künstleragenturen in Lausanne und Paris. An der Expo.02 betreute sie die Musikclubs Cargo und Mondial. Anschliessend war sie Verwaltungsdirektorin des Theaters Biel-Solothurn. Von 2005 bis Ende 2011 sass sie als Jazzexpertin im Rat der Kulturstiftung Pro Helvetia, von 2010 bis Ende Februar 2013 leitete sie die Geschäftsstelle der kulturellen Kommission des Kantons Bern.

Vieles in ihrer Karriere hat Carine Zuber von Grund auf aufgebaut. Das muss sie im Moods für einmal nicht. Sie schwärmt von der internationalen Ausstrahlung und dem exzellenten Ruf des Clubs. Der fast tägliche Konzertbetrieb mit Gastrobetrieb sei eine grosse Herausforderung, die ihre Präsenz verlange. «Darum werde ich nach Zürich ziehen und suche nun mit Hochdruck eine Wohnung», sagt Carine Zuber. Den Satz kaum beendet, ruft sie nach dem Hund, greift nach dem Koffer und zieht weiter.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.04.2013, 16:23 Uhr

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